Die schreiende Email oder Glück gehabt

Montag, 13.05.19. Bielefeld.

Letzte Woche setzte ich meine Performance Optimierung für meinen Kunden erfolgreich um. Und da es auch nicht viel zu tun gibt (abgesehen von dem Kleinkram, das ungeplant Staub aufwirbelt), denke ich mir heute Morgen, ich gehe den Tag entspannter an.

Entspannt bedeutet für mich, nicht um 5 Uhr morgens aufzustehen, weil ich wach bin, sondern einfach ein wenig länger liegen zu bleiben, in der Hoffnung, ein wenig weiterschlafen zu können. Tatsächlich klappt es auch, aber halt nur ein wenig (daher ist das Entspannt ein wenig übertrieben).

Also fahre ich zirka eine Stunde später als üblich los. Es ist kurz vor 7 Uhr bei klarem Himmel und sonnigen Aussichten. Und trotz des regen Verkehrs auf dem Ostwestfalendamm genieße ich den Morgen. Das ist ok, um diese Uhrzeit herrscht anscheinend viel Verkehr. Als sich ein Lächeln in mein entspanntes Gesicht schleichen will, entdecke ich plötzlich Autos mit aufgehenden Warnblinkern.

Warm-Up mit Backen

Was für ein MIS@#$!!! Könnt ihr nicht vernünftig fahren?!

Meine Laune stürzt rapide ins Derbe ab. Das kommt dabei heraus, wenn man später fährt! Nicht mal ich selbst bin vor mir sicher. Jetzt stehe ich alles andere als entspannt in einem Stau.

Entspannung braucht Zeit, denke ich mir, aber in die andere Richtung geht es atemberaubend schnell. Wie ungerecht! Vielleicht, so ein anderer Gedanke, habe ich mir auch nur vorgemacht, entspannt zu sein.

Im Schritttempo komme ich wenige Meter voran, als sich die drei Spuren auf eine Spur verengen. Absperrung durch die Polizei. Ein Auffahrunfall. Zwei Autos stehen auf der linken Spur verlassen in einigem Abstand voneinander entfernt. Jetzt tut es mir leid, mich aufgeregt zu haben. Ich sehe nur Schäden vorne am hinteren Auto und hinten am vorderen Auto. Personen scheinen nicht verletzt zu sein. Nochmal gut gegangen!

Ich fädle mich ein und blicke kurz in den Wagen neben mir. Hochroter Kopf in kleinem Auto mit aufgerissenem Mund. Es scheint wütende Worte gegen die eigene Windschutzscheibe zu spucken, die niemand hört.

Ist der bescheuert! Und warum regt der sich auf?!

Ich lasse ihn vor mir einfädeln, denn ich will mich nicht aufregen.

Es geht schnell voran, so dass ich meinen ausschweifenden und sinnentleerten Gedanken keine weitere Beachtung schenken kann. Also: Noch mal Glück gehabt! Ein »unnötig aufgeregt« verkneife ich mir jedoch, auch wenn irgendwo in meinem Kopf diese Worte lauern.

Emotional bietet dieser Morgen eine erstaunliche Bandbreite. Und würde es mimisch von meinem Gesicht untermalt werden, dann hätte es etwas von einer gesunden Morgengymnastik.

Die schreiende Email

Am Arbeitsplatz fahre ich den Kundenrechner hoch. Das erste, was ich mache, ist, MS Outlook und MS Excel für meine Zeiterfassung zu starten – ich notiere mir nämlich darin meine Fahrt- und Arbeitszeiten. Zu meiner Überraschung stelle ich fest, dass ich nur wenige Minuten länger für die Fahrt zur Arbeit gebraucht habe. Merkwürdig, es fühlte sich viel länger an.

Dann blicke ich MS Outlook rüber. Scheint wieder mitteilungsbedürftig zu sein. Eine lange Liste von unnützen, automatisch generierten Emails. Irgendwo dazwischen eine Mail meines Kunden an die obere Ebene. Meine Performance-Optimierungen werden darin gelobt. Tue Gutes und lasse davon erzählen.

Während ich mir ein Lächeln nicht verkneifen kann, lauert dazwischen eine jener Mails, die alleine visuell einen beim Öffnen anschreit (Outlook quasi als Babyphone – wäre es nicht cool, würde Alexa das Schreien des Babys analysieren, um den Eltern mitzuteilen, ob es krank ist oder nur Hunger hat?). Diese ist immerhin dezenter. Nur eine Zeile mit meinem Namen ragt fettgedruckt heraus. Nichts Buntes oder mit verschiedenen Schriftgrößen. Immerhin finden sich drei Ausrufungszeichen in »meiner« Zeile.

Der Verfasser, ein tatsächlich ruhiger und freundlicher Mitarbeiter – also kann man sich schon vorstellen, wie sehr er gelitten haben muss –, schreibt darin, er hätte drei Stunden debuggt, um genau die Stelle zu finden, die das Problem verursacht. (Ich finde es eine gute Idee, den eigenen Aufwand beim Auffinden der Fehler der anderen beim Mitteilen des Fehlers gleich mitzuliefern, also: merken! Natürlich verstehe ich seine Verärgerung.) Bei der Stelle handelt es sich um meine Optimierung. Was jedoch genau das Problem ist und wo es auftaucht, kann ich dem Schreiben nicht entnehmen. Also ruhig bleiben und nachfragen.

Kurze Zeit später kommt auch seine Antwort: »Überall!«

Der Informationsgehalt von Überall liegt nur einen Punkt über dem des Nirgends. Dennoch setzte ich an meiner optimierten Stelle einen Haltepunkt (auch Breakpoint genannt) und klicke mich durch das SAP CRM Web UI. Doch das Programm hält niemals an meiner Stelle an. Merkwürdig.

Ein kurzer Moment der Ablenkung

Der Mitarbeiter meines Kunden, der mir diese Aufgabe erteilt hatte, kommt bei mir vorbei. Auch er möchte wissen, woher der Fehler stammt, wie sie es herausfinden konnten und ob wir wirklich schuld daran seien. Hier geht nicht wirklich um die Schuldfrage, vor allem nicht darum, mir Ärger zu machen, sondern zu verstehen, wieso es zu dem Seiteneffekt kommt. Da ist wichtig, um zukünftig den gleichen Fehler an anderer Stelle zu vermeiden.

Meinen Fehler kann ich innerhalb einer Minute korrigieren. Ich hatte einen Schalter eingebaut. Den nannte ich »Aus« und später benannte ich ihn in »An« um. Leider vergaß ich dabei, den Schalter auszuschalten, so dass meine Optimierung immer durchlaufen wurde und nicht ausschließlich in dem speziellen Kontext, für den ich es gebaut hatte.

Wie konnte mir das passieren? Werde ich alt – gut wer wird das nicht.

Es könnte ebenso gut an etwas Anderem liegen. Ich vermute, meine Unachtsamkeit kam daher, dass ich in dem Moment, als ich die Änderung durchführte, jemand just mein Büro betrat, denn der Fehler ist wirklich sehr banal.

Diese spontanen »Besuche« kommen häufiger vor und sind auch willkommen. Doch irgendwann, fürchtete ich schon immer, werde ich bei etwas Wichtigem abgelenkt und vergesse dann, was ich vorhatte und ein Fehler mit nicht zu unterschätzenden Auswirkungen geht produktiv. Und dieser Fehler jetzt wäre sehr unangenehm gewesen, wäre es auf dem Produktivsystem gelandet.

Nein, ich will nicht die Schuld auf andere abschieben! Wie gesagt, das ist nur eine Vermutung und so wahr, wie alle anderen Erklärungen (an die ich mich im Moment nicht erinnere, denn ich war abgelenkt!-).

Auf der Jagd nach dem Verursacher

In der Zwischenzeit weiß ich, dass es ein Problem mit dem Lesen des Organisationsmodells im SAP CRM gibt. Sowohl auf dem Entwicklungssystem, als auch auf dem Qualitätssystem (bzw. Testsystem). Durch die Schieflage im Org.-Modell werden die zugehörigen Vertriebsdaten zu einem Kunden nicht gefunden.

Das ist ziemlich unschön, weil davon sehr viele Nachfolgeprozesse abhängen. Erklären kann sich den Zusammenhang mit meiner Optimierung niemand, auch nicht diejenigen, die den Fehler gefunden haben. Also suchen wir weiter, denn so etwas macht mich nervös!

Nach mehr als drei Stunden (ja, da sind sie wieder) und diversen Emails und Besprechungen finden wir die Stelle. Ein externer Mitarbeiter des Verfassers der Email hat ein neues Land im Org.-Modell aufgesetzt und dann einen Report gestartet, um die Puffer zu füllen. Man muss wissen, dass das Lesen des Org.-Modells im SAP CRM zur Laufzeit sehr langsam war. Daher ging die SAP dazu über, das Org.-Modell in den Puffer zu laden und dort die Daten zu halten. (Für den Interessierten: Der Report im SAP CRM lautet »HRBCI_ATTRIBUTES_BUFFER_UPDATE«.)

Cool-Down für Fortgeschrittene

Aufatmen! Tatsächlich liegt es an diesem Report, denn es durchläuft die Stelle meiner Optimierung. Ich kann also nachweisen, dass der Fehler durch meine Änderung verursacht wurde und was noch viel wichtiger ist, dass durch meine Korrektur der Fehler beheben wird.

Dass der Fehler auftrat, verdanken wir bzw. ich einem glücklichen Zufall. Normalerweise wird das Org.-Modell sehr selten verändert oder es hätte auch sein können, dass die Anpassungen erst ein paar Tage später vorgenommen worden wären. Dann wäre meine Optimierung bereits auf dem Produktivsystem gelandet und irgendwann, wenn der Puffer für die Org.-Daten wegen einer Änderung aktualisiert worden wäre, wäre der Fehler mit dem Auffinden der Vertriebsdaten aufgefallen. Das hätte das Potenzial, mehr als nur einen Mitarbeiter meines Kunden zu ärgern.

Dann hätte ich neben der Lobesmail auch eine nicht so schöne Email im Postfach vorgefunden. Und wie das so im Leben ist, würden sich dann nur noch alle an die negative Email erinnern. So tickt der Mensch.

So jedoch habe ich heute tatsächlich einfach nur Glück gehabt! Das muss auch Mal sein.

Und während ich das hier gerade schreibe, fällt mir etwas auf. Wie immer. Mein Kopf kennt keine Pause. Leider habe ich dafür keinen Schalter! Daher hier der Gedanke: Meine Lösung musste ich umsetzen, weil die Org.-Daten nicht gepuffert werden. Warum also haben die/der Implementierter nicht einen Baustein benutzt, der auf die gepufferten Daten statt auf die Datenbank zugreift?! Ok, ich muss auch mal den richtigen Zeitpunkt erkennen, wann ich am besten aufhöre und mich dem nächsten Problem widmen.

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