Die schnellste Version meiner Selbst

Reporter: »Herr C.,
Sie sind 10 km in 52:39 min. gelaufen,
also so schnell wie nie –
wie fühlen Sie sich
als die schnellste Version Ihrer selbst?«

Ich: »Irgendwie am Arsch.«

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Freitag, 17.07.20. Bielefeld.

»Jeder«, schreibt Axel Hacke*, »sollte sich mindestens einmal im Leben selbst überholen, es ist ein tolles Gefühl.«

Und heute bin ich beim Joggen so schnell wie noch nie in meinem Leben gelaufen. So schnell, dass ich mein altes Ich überholte – bilde ich mir zumindest ein. Natürlich war das ein tolles Gefühl, aber das kam erst nach dem Lauf.

Der Kampf und der Schmerz

Bitte, bitte nicht!

Während des Laufens, vor allem zum Ende hin, kämpfe ich auf verschiedenen Ebenen und Fronten gegen die Grenzen meines Körpers an. Es ist nicht nur so, dass einem dabei nur die Luft ausgeht, sondern ebenso die Energie und dann treten noch Ermüdungserscheinungen an unterschiedlichen Stellen des Körpers auf, die sich dann als Schmerz Gehör zu verschaffen versuchen, um deinen Lauf zu sabotieren (eigentlich, um dich zu schützen, aber es klingt dramatischer, vor allem während man es selbst erlebt ist es wirklich dramatisch!).

Im Zentrum meines Schmerzes steht auf den letzten beiden Kilometern der Kampf meiner rechten Wade gegen einen Krampf an, der durch eine bevorstehende Explosion eben dort pulsierend im Gleichgewicht gehalten wird. Zwei Mal ganz schlecht, ergibt also doch etwas Gutes, denke ich.

Ich fiebere dem letzten Kilometer entgegen. Schaue zig Mal auf meine Zeit. Sie scheint zu kriechen. Je schneller ich laufe, desto langsamer läuft sie und doch werde ich langsamer und bange um die Sekunden.  Und dann schaffe ich es endlich!

Mit hochrotem Kopf, brennender Lunge und einer festgebissenen Wade. Alle drei pochen in selben grausamen Takt und eine simple Frage schwillt in meinem Kopf an: Warum tue ich mir das an?! Bin ich blöd?! Nie wieder! – Richtig zählen funktioniert in diesem Moment auch nicht mehr. Ein Körper in Ausnahmesituation und das ohne Gefahr und ohne Anlass.

Früher, denkt sich mein wohlgefälliger Kopf, war mehr Kondition. Wobei das gelogen ist. Meine Kondition war schon immer schlecht.

Später werde ich auf YouTube sehen, wie locker Eliud Kipchoge einen Marathon in Weltrekordzeit läuft. Kein Hecheln, kein Kampf, kein hochroter Kopf. Kaum Anzeichen von Anstrengung (wie auch bei den anderen Mitläufern). Da scheine ich grundlegend etwas falsch zu machen. Das ist etwas, worüber ich mir ein anderes Mal Gedanken machen muss.

Meine 10km Bestzeit

Als ich dann atemlos auf mein Ergebnis schaue, kann ich endlich lächeln und denke mir, besoffen vom Sauerstoffmangel, so fühlen sich bestimmt Frauen nach der Geburt, denn alles Schlimme ist vergessen:

  • Distanz: 10km
  • Zeit: 52:39
  • Min/km: 5:16

Das klingt nicht nach einer schnellen Zeit, wenn man es mit anderen Läufern vergleicht, also lasse ich es sein. Ich versuche, nur mich selbst zu schlagen (warum und geht man dann K.O.?).

Als ich im April wegen Corona mit dem fast täglichen Laufen begann, lag meine Zeit bei ca. 6:30 min/km, wenn ich überhaupt die 10 Kilometer schaffte. Die längeren Distanzen über 7 – 8 Kilometer begann ich erst zu laufen, als ich zu müde wurde, um zu schnell zu rennen. Das zu schnelle Laufen ist ein weitverbreiteter Anfängerfehler, über den ich dann später las.

Das zu schnelle Laufen ist wie ein innerer Imperativ. Laufe schneller! Überhole alle anderen!

Keine Ahnung, woher diese Stimme kommt.

Nur Fliegen ist schöner

Aber dann gibt es diesen anderen Moment, wo ich automatisch schneller werde, und plötzlich dahingleite, weil meine Füße kaum den Boden berühren. Es wie ein dahinschweben: Für einen Moment bin ich der Welt entrückt, fern von allem, von belastenden Gedanken, von profanen Problemen und in diesem kurzen Moment gibt keine Schmerzen und kein Ankämpfen gegen etwas. Dann fühle ich mich eins mit mir selbst und zugleich mit allem. Es ist, als würde die Welt unter mir mit mir im selben Takt laufen, wie zwei perfekt aufeinander abgestimmte Tanzpartner. In diesem Moment ist die einzig richtige Art, sich auf der Welt fortzubewegen, das Laufen.

Und dann lande ich – viel zu schnell – auf dem Boden der Realität. Ein nass-kaltes Gemisch aus Matsch.

Aber das Lächeln bleibt.

Quellen & Links

*Aus »Das kolumnistische Manifest« von Axel Hacke. Hier bei Amazon (Affiliate Link).