Eine E-Mail-Adresse für meine Gedanken oder Wie mein Denken funktioniert

Freunde von mir meinen, ich denke zu viel – nach. Sie beziehen das auf Menschen. Vielleicht haben sie recht. Trotzdem ist das einseitig, z. B. wissen sie nicht, ob und wie viel ich über meine Arbeit nachdenke oder wie mein Denken generell funktioniert oder warum ich mir mehr Gedanken mache als sie. Ich glaube nicht, dass ich mir mehr Gedanken als sie mache; ich glaube eher, dass ich kommunikativer bin als sie. Und vielleicht liegt hierin ein Grund, warum ich schreibe.

Wenn ich nach Feierabend zu Hause ankomme, dann begleitet mich manchmal die Arbeit ein wenig. Gedanklich hänge ich noch an dem Problem, das ich kurz zuvor bearbeitet habe. Mein Kopf versteht den Ortwechsel nicht; mein Kopf kennt keinen Feierabend.

Irgendwann verschwinden meine Gedanken um dieses Problem aus meinem Bewusstsein.

Bis mir plötzlich neue Lösungen oder Ideen kommen. Dann lassen sie mich nicht mehr in Ruhe, bis ich sie stichwortartig in einer Mail aufschreibe und mir als E-Mail zusende. E-Mail an mich.

Dort warten sie dann auf mich am nächsten Morgen.

Häufig freue ich mich auf sie.

Aber abends brauche ich meine Ruhe. Würde ich mir selbst keine Nachrichten schreiben, würde ich diese Gedanken mit ins Bett schleppen, weil irgendwo in meinem Kopf die Befürchtung geistert, diese Idee, Lösung oder den Gedanken wieder zu vergessen.

Meine Art des Denkens, das keinen Feierabend kennt, macht ebenso wenig Halt bei Menschen. Dort verfahre ich genauso. Nur habe ich hierfür keine E-Mail-Adresse, wo ich meine Gedanken aufschreiben und hinschicken könnte.

Schade eigentlich.

Denn diese Gedanken kann ich nicht so einfach in einem virtuellen Briefkasten bannen. Sie schaffen es sogar bis in mein Bett. Und manchmal sind sie so gemein, mich mitten der Nacht heimzusuchen. Dabei bin ich schon so schlecht im Bett!

Dann schreibe ich mir keine E-Mails, aber dafür habe ich Notizzettel. Kleine, bunte Zettel, die überall kleben und so tun, als gäbe es etwas zu feiern. Sie kleben an meinem Nachttisch, an meinem Küchentisch, an meinem Schreibtisch – überall, wo ein Gedanke mein Bewusstsein trifft.

Wenn mir diese Gedanken ein wenig Zeit lassen – sie selbst sind schwer zu fassen und erstaunlich flüchtig –, banne ich sie in eins meiner vielen bis zur Unleserlichkeit vollgekritzelten Collegeblöcke. Kariert mit Rand und Löchern.

Von alledem bekommen niemand etwas mit. Nur, wenn ich mit ihnen darüber rede. Dann sind sie unwissentlich meine kleinen Notizzettel, die meine Gedanken aufnehmen, in der Hoffnung, etwas Sinnvolles purzelt aus ihnen heraus. Und ich kann auf viele Zettel schreiben bis es sie nervt.

Aber so funktioniert mein Kopf. Denken, schreiben, reden, denken, schreiben, Zettel zerknüllen und wegschmeißen, umformulieren. Und dann alles wieder von vorne, nur in einer anderen Reihenfolge.

All das speist sich aus Gedanken und speist meine Gedanken, die sich wie kleine Zahnräder in Gang setzen und die sich zunächst chaotisch zu drehen beginnen. Und irgendwann, wenn ich Glück habe, fernab meines Bewusstseins, als ich glaubte, sie vergessen zu haben, beginnen sie sich zu sortieren und sich fein aufeinander abzustimmen. Das ist der Moment, wo sie sich alle im Gleichtakt drehen. Und plötzlich fügen sie sich wie Teile eines Puzzles zu einem erkennbaren Gesamtbild zusammen!

Das klappt nicht immer. Dann passiert es mir, dass ich einige Gedanken zermahle, bis nichts mehr von dem anderen übrigbleibt als ich selbst.

Irgendwann landen einige dieser Gedanken oder skizzenhaften Notizen als Text auf meinem Blog. Meine E-Mail-Adresse ist also mein Blog. Mal mein Collegeblock, mal mein Internet-Blog.

Dort (also hier) ist es eine Art Biographie eines Gedankens. Seine Geburt, sein Werdegang, seine Wirrungen, ein Abschluss für mich. Manchmal auch nur ein Fragment. Manchmal in der Hoffnung, dass irgendjemand »da draußen« (bitte an dieser Stelle die mysteriöse Akte X Musik einspielen) etwas damit anfangen kann. Und vielleicht ist die Antwort auf die Frage, um die sich der Gedanke im Kern dreht, wirklich da draußen…

5 Gedanken zu “Eine E-Mail-Adresse für meine Gedanken oder Wie mein Denken funktioniert

  1. Wie schön, dass hier (wieder) kommentiert werden darf. 🙂 Seit Tagen stöbere ich immer mal wieder durch die Texte, erfreue mich an Formulierungen wie „Kleine, bunte Zettel, die überall kleben und so tun, als gäbe es etwas zu feiern.“ Mir gefällt die Art, wie dein Denken „funktioniert“. Vielleicht, weil meines ähnlich arbeitet. Bunde Klebezettel, Notizblöcke und das nächtliche Aufschrecken und schnell was aufschreiben müssen … was dann irgendwann vielleicht als Blogbeitrag im Netz landen wird. Danke für die Einblicke in dein Denken und bis zum nächsten Kommentar viele Grüße

    1. Hallo BeraTina,
      willkommen auf meinem Blog! Vielen Dank fürs Kommentieren und die Erinnerung, wieder meinen Blog etwas interaktiver zu gestalten 🙂
      Jetzt kann ich zumindest behaupten, nicht nur meine Gedanken gehen sonderbare Wege und das ist völlig normal 😀

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