Der verlorene Duft meines Duschgels

Kleines Vorspiel

Tag Null: Der Tag, an dem ich mich mit COVID-19 ansteckte
Tag Vier: Wie es sich anfühlt, COVID-19 zu haben
Tag Fünf: Zustandsanalyse meines Körpers

Freitag, 11.12.20. Bielefeld. Tag Sechs. Teil 1.

Ich bin wach. Auf dem Weg zum Bad. Und irgendetwas stimmt hier nicht. Das Gefühl ist bereits da noch bevor mein Ich es aus dem Dämmerzustand des Schlafs ins Wache geschafft hat. Es ist ein ungutes Gefühl wie ein Jucken an einer unerreichbaren Körperstelle.

Vorahnung

Es dringt aus den unteren Schichten meiner Wahrnehmung und kratzt weiter am Tor zu meinem Bewusstsein. Doch bevor ich das Tor öffnen kann, taucht das unbestimmte Gefühl schnell wieder hinab.

Ich öffne die Badezimmertür. Kühle Luft schlägt mir durch den geöffneten Türspalt entgegen. Erfasst mich für einen kurzen, unachtsamen Moment. Wieder taucht etwas am Rande meines Bewusstseins auf, als würde das kurze Frösteln hinabsinkende Teile für einen Moment an die Oberfläche wirbeln.

Und dann ist es wieder weg.

Ein unangenehmes Gefühl hinterlässt Spuren einer dunklen Vorahnung.

Irgendetwas stimmt hier doch nicht!

Aber was?

Nackt vor dem Spiegel

In solch einem Moment führe einen Check meines Körperstatus durch, während ich unbekleidet vor dem Badezimmer-Spiegel stehe (ich dusche nämlich gerne nackt): Arme vollständig, Beine vollständig. Kopf noch da.

Und keine Schmerzen!

Doch das ungeschickte Arrangement des Ganzen, was sich mein Körper nennt, könnte ein Rebalancing wie ein ETF-Portfolio vertragen. Idealerweise vom Bauch zu allen anderen Teilen.

Also nichts Neues, lediglich das übliche Elend. Abgewrackte Orte, die, wäre ich kein lebender Mensch, als Lost Places durchgingen. Früher beschränkte sich das Elend weitestgehend auf mein Gesicht, dem Verunstaltungsort. Aber so ist das Leben, voller Veränderung und ab dem Höhepunkt, der viel zu schnell kommt (für alle Geschlechter übrigens), gehst du immer ein Stückchen mehr kaputt als dein Körper reparieren kann. Reichtum ist die Spachtelmasse des alten Mannes!

Es scheint so, dass sich bereits eine ungehörige Menge an munteren Gedanken in meinem Kopf tummeln und für Verwirrung sorgen, um mein Herz vor dem Elend zu schützen, denn meine Augen können es nicht.

Es ist zu kühl im Bad, um mich unbekleidet weiteren unsinnigen Gedanken hinzugeben, also begebe ich mich in die Dusche.

Unter der Dusche

Ich hasse diesen Moment, wo meine Füße auf die kalte Duschwanne treffen. Es gibt keine Wärme in diesem Bad, vor allem nicht am Morgen, vor allem nicht zum Winter hin… Morgens, im Winter, nach dem Aufstehen, nach dem Dösen auf dem Sofa, nach dem…, da bin ich wie ein tiefgefrorenes Hühnchen und benötige einen ganzen Sommer, um wieder aufzutauen (ja, je älter ich werde, desto länger benötige ich zum Auftauen!).

Bei dem Gedanken an das kalte Hühnchen, Pardon, der kalten Wanne unter meinen Füßen, durchläuft mich ein leichter Schauer. Meine Schultern versuchen durch Schütteln die Kälte – oder meine Vorstellung davon – loszuwerden. Und wieder taucht dieses unbestimmte Gefühlt auf, dass etwas nicht stimmt.

Also mache ich das, was alle machen (das unterstelle ich einfach, um nicht der einzige Umweltsünder und Warmduscher zu sein): Ich heize mit dem Duschstrahl ein wenig vor, quasi eine Bodenheizung von oben (haben Reiche eine Duschwannenbodenheizung?), bevor ich mich hineinstehle.

Pflegeleicht bei 60°

Der Waschvorgang beginnt. Ich starte das Programm »Pflegeleicht 60°«, obwohl auf meinem Etikett »Handwäsche« steht (und jeder, der mich kennt, mich alles andere als pflegeleicht bezeichnen würde).

Das Programm startet oben und arbeitet sich nach unten.

Ich massiere mein pflegendes Öl-Shampoo sanft in meine Haare ein. Meine Finger bohren sich in die schäumende Masse und kreisen auf meiner Kopfhaut, als versuchten sie mehr als nur meine Haare zu entwirren. Und schon fühlen sich meine Haare weich an. Dieses Shampoo, sage ich mir, ist wirklich gut und blicke noch mal auf die Verpackung. Argan & Camelia-Öl. Ich bin es mir wert.

Zufrieden senkt sich mein Blick. Für trockenes und glanzloses Haar, lese ich da und bin kurz davor, empört zu sein. Hat mich mein Shampoo eben glanzlos genannt?!

Schnell wechsle ich zum nächsten Schritt im Programm. Repair- & Pflege-Spülung für strapaziertes und trockenes Haar. Das klingt schon eher nach mir, denn wer, wenn nicht ich, benötigt Pflege, hatte ich doch zwei Tage zuvor eben an diesem Ort ein wenig weiter unten die Schmerzen meines Lebens auf der einen Gesichtshälfte.

Der Duft von Garnichts

Nach diesen sinnentleerten Gedanken, für die ich mich als witzig und geistreich halte, beginne ich mit dem Auftragen meines extravaganten Duschgels. Mint & Tea Tree.

Beim Aufschäumen auf meinem Körper verbreitet es nicht nur einen wunderbaren Geruch von Minze, sondern wirkt erfrischend wie ein Ganzkörper-Hustenbonbon, wobei ich nicht zwischen Minze, Menthol und Eukalyptus unterscheiden kann.

Für jemanden, der so leicht fröstelt, erscheint diese Wahl des Duschgels sehr gewagt, aber das Tolle an diesem Duschgel ist die Wirkung auf meine Nase – ich stoppe abrupt.

Ich rieche nichts. Scheiße!

Ich muss mich irren! Daher nehme ich mein Duschgel wieder in die Hand und presse die Luft aus der Verpackung. Nichts. Ich. Rieche. Nichts. Verdammt!

Ich schaue mein Duschgel an, als müsste damit etwas nicht stimmen.

Ich muss an etwas Stärkerem riechen. Also gehe ich mit eingeschäumter Brust und nassem Körper aus der Dusche und greife zu meinem Joop! Parfüm und rieche daran. Wieder nichts. Also sprühe ich es auf meinen Handrücken und rieche daran. Wieder nichts. Vermutlich zu viel Abstand. Daher sprühe noch mehr Parfüm auf meine Hand und ziehe es wie Schnupftabak durch die Nase. Sofort brennt meine Nase und meine Augen tränen.

Ich rieche wieder nichts.

Ich warte.

Auf die Überraschung.

Auf eine Pointe.

Nichts passiert.

Vielleicht muss ich an etwas riechen, was übel riecht?! Es könnte ja sein, dass mir nur der Teil mit den süßen Düften kurzweilig verloren gegangen ist.

Während mein Kopf verschiedene Gedanken formuliert, um mich vor einer Angstreaktion zu schützen, sehe ich mich finster in den Spiegel blicken, weil ich weiß, was los ist.

Wie lächerlich mir doch meine »Sorgen« um die Ästhetik meines Körpers jetzt erscheinen. Ich wünschte, ich befände mich wieder in diesem Zustand, der nur wenige Minuten unerreichbar zurückliegt.

Ich habe COVID!!!

Und plötzlich schießen zig Fragen unkontrolliert durch meinen Kopf. Ich stehe regungslos da bis ich zu frieren beginne.

Ich muss meinen Hausarzt anrufen und mich testen lassen. Zuerst aber zu Ende duschen.

To be continued…