Zustandsanalyse meines Körpers

Donnerstag, 10.12.20. Bielefeld. Tag Fünf.

Gestern war ein sehr schlimmer Tag und heute scheint er fast schön zu sein, weil er nicht so schlimm ist.

Ich bin wach.

Schaue mich um, was vielmehr einem In-Sich-Hineinhorchen gleicht.

Wie fühle ich mich? Wie geht es mir? Und wie spät ist es?

Danach falle ich wieder in den Schlaf, wache auf, nicht richtig, schlafe ein, nicht richtig, wache auf… – ein zermürbender Wechsel zwischen nicht wirklich Wachwerden und nicht richtig Einschlafen. Und dann ist die lange Nacht viel zu schnell zu Ende: Es ist Zeit aufzustehen.

Wieder Augen auf. Ich schaue mich um. Zustandsanalyse meines Körpers.

Nach dem gestrigen Tag, an dem ich die Schmerzen meines Lebens hatte und glaubte, meine rechte Gesichtshälfte würde verbrennen, taste ich mich behutsam in den Wachzustand, bloß keinen Schmerz wecken!

Ist es vorbei?

Habe ich es (was immer es war) überstanden?

Während ich überlege, suche ich nach Schmerzen an meinem Körper. Ich traue dem Ganzen irgendwie nicht, dafür war der gestrige Tag zu heftig. Aber ich finde nichts. Nur ein durch die Nacht geprügelter Körper mit einem sich rau anfühlenden Hals daran. Irgendwie weiter oben in weiter Ferne eine Andeutung von Kopfschmerzen. Also noch nichts Besorgniserregendes oder anders gesagt: Ein normaler Morgen in meinem Bett.

Ich stehe auf. Es war kurz nach 2 Uhr, fällt mir ein, als ich in der Nacht das erste Mal wach wurde.

Telefonate atemlos

Gegen Mittag, als ich mich nicht schlechter fühle und sich die Kopfschmerzen noch immer nicht zeigen, rufe ich M. an, bei dem ich meine, mich angesteckt zu haben. Ich will ihm von gestern erzählen und ihn fragen, ob es ihm gut geht.

Zu meiner Überraschung ist er seit Dienstag krankgeschrieben. Seine Glieder täten ihm weh, vor allem der Rücken und die Schultern. Er habe seinen Hausarzt angerufen, der mit ihm nur einen Fragebogen durchgegangen sei und wenn er sich schlechter fühle, solle er am Montag in die Praxis kommen. M. sagt mir, er hätte auch überlegt, mich anzurufen, hätte es dann gelassen. Aha.

Bei meinen Telefonaten merke ich, dass mir ein wenig schwindelig wird. Normalerweise würde ich dem keine Beachtung schenken und es mit einem Murren verscheuchen. Aber jetzt denke ich einen Moment darüber nach. Vermutlich bekomme ich zu wenig Sauerstoff. Also kurz tief einatmen und weniger reden. So ganz ist diese Sache wohl nicht ausgestanden.

Als ich den Kolleg*innen in einem weiteren Anruf von gestern erzähle, sagen sie, ihnen sei aufgefallen wie ruhig ich gewesen sei – was nur ein netter Ausdruck für »Du hast nicht so viel gequatscht wie sonst« ist. Lisa schrieb mir bereits gestern per Skype, ob es mir gut ginge. Da war ich schon offline und jetzt frage ich mich, wie lange ich noch online bleiben werde, denn ich habe ein ungutes Gefühl – meine Arbeit als Teilprojektleiter besteht im Prinzip aus einer Reihe von endlosen Telefonaten. Aber hey, ungute Gefühle sind kein Grund sich krank schreiben zu lassen oder zum Arzt zu gehen… – obwohl, vielleicht führt mein Hausarzt auch ein Telefoninterview durch.