Der Tag, an dem ich mich mit COVID-19 ansteckte

Samstag, 05.12.2020. Bielefeld. Tag Null.

Der Schlaf ist nicht mein Freund. Auch nicht diese Nacht, dabei ist der Schlaf so wichtig, wie auch gute Freunde. Gute Freunde zu treffen ist ebenso wichtig, denn Freunde treffen macht glücklich und manchmal macht es mehr. Doch in letzter Zeit fanden Treffen so selten statt, dass ich eine Weile nachdenken müsste, um zu sagen, wann ich zuletzt mich mit Freunden zum Trinken getroffen hätte.

Der Plural Freunde reduziert sich heute Abend auf den Singular. Immerhin. M. kommt auf ein Bier vorbei und bringt etwas mit. Ansonsten ist es ein Tag wie jeder andere. Monoton, vorhersehbar und so wie gestern, nur ohne Arbeiten.

Und keine Vorzeichen. Keine Hinweise auf das bevorstehende Ereignis. Es ist weder laut noch leise. Noch hell oder dunkel. Weder kalt noch warm. Zumindest nicht in meiner Wohnung, dem Ort des Geschehens. Es gibt keine einzige Besonderheit oder ein verstecktes Zeichen, das im Nachhinein etwas erahnen ließe. Nichts. Im Gegenteil.

Etwas im Kasten oder Message in the Box

Ein Brief kippt gelangweilt aus meinem Briefkasten als ich es öffne. Es ist von meiner Firma. Die erste Überraschung heute; eine positive Nachricht in schlechten Zeiten: Wir bekommen eine »Corona-Sonderzahlung«!

Ich überlege kurz, ob ich seitdem Homeoffice weniger oder mehr Geld ausgebe… auf jeden Fall ernähre ich mich schlechter und bewege mich weniger, auch wenn ich jetzt regelmäßig Joggen gehe. Jetzt gehe ich zum Real,-, Bier kaufen, denn so etwas habe ich nicht im Haus. Ich mag kein Bier. Höchsten den Rausch, wäre nicht der Kater am Ende.

Männerabend oder das Prickeln des Bieres

M. ist Vater zweier bezaubernder Töchter, Ehemann einer energiegeladenen Frau und Besitzer einer schüchternen Hundedame, lebt also in einem Haushalt mit lauter Frauen und trinkt wie viele Männer abends gerne Bier im eigenen Heim und gerne auch in Gesellschaft (vielleicht hat er auch deswegen mehr Gesellschaft als ich…?). Ich jedoch trinke kein Bier und Alkohol nur in Gesellschaft. Daher passen wir beide ganz gut in diesen Abend.

Als er bei mir klingelt, öffne ich ihm und seinem Mitbringsel die Tür. Beim Eintreten klimpern die Bierflaschen in seiner Hand vor Freude oder als wollten sie einen weiteren Gast ankündigen (so einen Satz kann man natürlich nur im Nachhinein schreiben, weil man weiß, was passieren wird).

M. bringt immer sein eigenes Bier mit, um sicher zu gehen. Er weiß, dass ich normalerweise kein Bier Zuhause habe und wenn doch, dann ist es nicht kühl genug, weil ich es kurzfristig gekauft und in den Kühlschrank zu stellen vergessen habe. Genau wie heute. Die Biere, die ich vor wenigen Stunden gekauft habe, stecke ich sofort ins Kühlfach und hoffe, dass sie einigermaßen kühl genug sein werden, wenn das Bier meines Gastes ausgetrunken ist.

Und dann stoßen wir bei gedämpftem Licht an. Wieder klimpern die kalten Flaschen. Tröpfchen verteilen sich in der Luft. Quatschen über Alles und Nichts. Mal oberflächlich, mal in der Tiefe suchend. Ich schaue mich zufrieden in meinem Wohnzimmer um. Nette Stimmung und Atmosphäre. Der Staub, den meine Wohnung täglich aus ganz Bielefeld aufzusaugen scheint und gegen den ich täglich wie auch heute verliere, versteckt sich unsichtbar in den warmen Strahlen der geschwächten Energiesparglühbirnen. Licht, das versteckt.

Blind-Studie für Gedankenspiel

Diese Lampen sind mein Weichzeichner! Für den Sommer mit seinen willkommenen langen hellen Tagen, die bis weit in den Abend reichen werden, muss ich mir etwas anderes überlegen.

In Gedanken spiele ich mit Brillen. Es dürfen mich nur Menschen besuchen, die Brillenträger sind. Und bei mir Zuhause dürfen sie die Brille nicht tragen. Diese Idee finde ich bezaubernd, würde aber meine Freunde ohne Brille diskriminieren, also würde ich mir kurzerhand mehrere Brillen mit starken Gläsern beschaffen und sie den Nicht-Brillenträgern in meiner Wohnung aufzwingen. So würden die einen berichten, es gäbe einen Brillenzwang und für die anderen gälte das genaue Gegenteil. Ein teuflischer Plan (auch wenn die überflüssigen Brillen zu Übelkeit führen könnten – ich arbeite also noch an dem Plan)! Natürlich könnte ich versuchen, meine Wohnung vom Staub zu befreien, aber das wäre etwas für geistig träge Menschen. Banal und völlig unkreativ. Gedanken wie diese, die absurd wirken können, sind übrigens Nebenwirkungen, wenn man allzu lange alleine mit sich bleiben muss (hoffe ich zumindest).

Dekorativer Staub trifft auf Minimalismus

Ich schweife ab, wie immer. Wobei das Thema Staub und Putzen mich häufig beschäftigen. Zum Beispiel schaue ich mir die Sendung »Fix Upper« auf SIXX gerne an. Wer sieht sich nicht diese Verwandlung von Bruchbuden in wunderschöne Häuser an? (Viel besser als die Verwandlung bei Menschen im Fernsehen zu sehen.) Und jedes Mal bin von der neuen Innenausstattung der Jonna Gaines positiv überrascht und verhalten begeistert. Könnte nicht auch meine Wohnung so aussehen? Nein! Diese Freude dauert nur einen Moment, denn dann kommt mir mein Kopf in die Quere bzw. das, was darin herumgeistert, und stellt die gemeine Frage: »Wer soll bei all diesem Krimskram den Staub abwischen?«

Vielleicht bin ich auch selbst schuld, weil ich bei jedem Kauf mir eben diese Frage stelle. Irgendwann verinnerlicht und verselbständigt sich diese Frage zu einer mahnenden inneren Stimme. Brauche ich es wirklich oder ist es nur dekorativ – was soviel wie »Staubfänger« bei mir bedeutet. So gerne ich in Bielefeld zu TK MAXX oder DEPOT gehe, so selten kaufe ich dort etwas. Es ist dieser Kampf zwischen Dekorativem und Minimalistischem, verursacht durch meine Faulheit, die meistens gewinnt. Daher sieht auch meine Wohnung so leer aus, dass Erstbesucher mich fragen, ob ich neu eingezogen sei oder gerade am Ausziehen wäre. Ich sage dann, ich sei Minimalist. Interessant fände ich, herauszufinden, warum die einen das und die anderen an das andere denken… aber ich schweife wieder ab, denn die eigentliche Geschichte versteckt sich irgendwo zwischen den Zeilen bzw. liegt wie Staub oben auf, dass man es leicht überlesen könnte…