Wie es sich anfühlt, COVID-19 zu haben

Mittwoch, 09.12.20. Bielefeld. Tag Vier.

Ich habe die schlimmste Tortur meines Lebens hinter mir und sie beginnt wie alles Fürchterliche dort, wo der Körper am angreifbarsten ist: Mitten in der Nacht im Bett.

Es ist der Tag Vier nach meiner Ansteckung.

Ich wache auf. Schweigebadet. Verwirrt. Mit Herzklopfen. Und – nach einem Grund für all das suchend, halte ich Ausschau nach dem beruhigenden Albtraum, der mir diesen angstvollen Moment beschert hat. Aber ich erinnere mich an keinen, denn ich habe nichts geträumt.

Ich schaue mich um und horche in die kühle Dunkelheit des Raums als lauerten dort Antworten. Und während ich auf etwas warte, von dem ich nichts weiß, bemerke ich, wie ich zittere und plötzlich spüre ich die Kälte an mir rasend schnell hochkriechen und sich festbeißen. Etwas stimmt mit mir ganz und gar nicht!

Die Wärmflasche ist mein Rettungsanker. Die Wärme der festumklammerten Plastikflasche, die nach jahrelanger Nutzung nicht mehr unangenehm riecht, beruhigt mich ein wenig. Wie kommt sie in mein Bett? War ich schon einmal wach? Hatte ich sie ahnend direkt mit ins Bett genommen?

Mit der an die Brust gepressten Wärme falle ich in einen unruhigen Schlaf mit fieberhaften Träumen. Mein Kopf überdreht wie ein heiß laufender Motor im Leerlauf und produziert diffuse Träume, die ich nicht fassen und in den Morgen retten kann.

Der Schmerz

Mein leichtes Husten weckt mich heute Morgen auf. Ich fühle mich matt und mein Körper schwer. Etwas klebt an mir überall. Da war doch etwas in der Nacht…?! Doch bevor ich diesem Etwas in Gedanken nachgehen kann, bohrt sich etwas ganz anderes langsam in meine rechte Gesichtshälfte. Eine Andeutung bevorstehenden Schmerzes von seltsamer Ekligkeit. Das kann keine Migräne sein!

Etwas wie Migräne hatte ich eigentlich nur zum Wochenende hin, da ich über die Woche zu wenig trank. Am Wochenende »tankte« ich wieder auf. Allerdings passiert mir dieses schrittweise verdursten nicht mehr, seitdem ich immer ein 0,5l Bierglas zum Trinken nutze und die getrunkenen Liter penibel notiere.

Nein, nein! Ich bin kein Hypochonder! Ich halte Schmerz schon aus (ein wenig). Ich mag halt keinen Schmerz – wie die meisten von uns – und vermeide ihn, wann immer es mir möglich ist. Und man muss schließlich kein Hypochonder sein, der penibel jede unangenehme Regung seines Körpers streng beobachtet, um zu erkennen, dass etwas anders ist als alle anderen Male zuvor.

Meine Vorahnung Sorge bestätigt sich im Laufe des Tages. Der Schmerz beginnt sich langsam und unaufhaltsam durch mein Gesicht durchzubohren. Es ist kaum Mittag, als ich wieder durchgeschwitzt vor meinem Arbeitsnotebook sitze und von der Frage, was ich denn zu Mittag esse, abgelenkt werde.

Da die Ablenkung plötzlich fehlt und der Schmerz meine volle Aufmerksamkeit bekommt, scheint es, als würde dies den Schmerz motivieren, genau in diese Lücke zu stoßen. Und der Stoß beginnt überraschenderweise auf meiner rechten Gesichtshälfte in meinem Ohr.

Es fühlt sich an, als bohre jemand eine glühende Metallstange durch mein rechtes Ohr direkt in meinen Kiefer. Dort spießt es dann reihenweise alle Zähne nacheinander auf und arbeitet sich weiter durch mein Auge hoch bis es endlich an meiner Schläfe angelangt. Auf dessen Spitze pocht meine Ader und sendet qualvolle Schreie ins Universum.

Als ich die angespannte und pralle Ader wieder zurück in meinen Kopf hinein zu drücken versuche, fühle ich, wie meine rechte Gesichtshälfte brennt. Mir wird übel. Und kalt. Essen kann ich jetzt nicht mehr.

Ein Indianer kennt kein Schmerz

Was mache ich jetzt? Soll ich ins Krankenhaus oder zum Hausarzt?

Nein, nein. Es ist schlimm, aber nicht so schlimm!

Am liebsten würde ich mir die rechte Gesichtshälfte abreißen, aber – es ist N-I-C-H-T S-OOOOOO S-C-H-L-I-M-M!!!

Bei all diesen heftigen Schmerzen, die mein Gesicht quälen und meinen Körper peinigen, ist das Letzte, woran ich denke, ins Krankenhaus oder zum Hausarzt zu gehen. So krank bin ich dann doch nicht. Solange ich den Schmerz irgendwie aushalte, bin ich nicht ernsthaft krank. Eine ziemlich dumme Einstellung, aber typisch Mann. Ein Mann geht erst zum Arzt, wenn er kurz vorm Verrecken steht, also am Höhepunkt seines Leids. Außerdem habe ich wie in jedem gut geführten Haushalt die heilige Dreifaltigkeit: Aspirin, Paracetamol und Ibuprofen.

Nur nehme ich keine davon.

Warum nicht?

Ganz einfach: Wenn ich sie nähme und sie nicht helfen, dann bin ich wirklich am Arsch. So reize ich ihre psychologische Fernwirkung aus.

Lappen auf Lappen

Stattdessen mache ich das, was am naheliegendsten ist. Ich nehme einen in kaltem Wasser getränkten Lappen, lege mich aufs Sofa und den Lappen auf mein Gesicht. Lappen auf Lappen.

Die Kühle tut mir gut.

Nach ein paar Minuten des Ausruhens, geht es mir ein wenig besser, bilde ich mir ein. Ich esse schnell ein kleines Stück trockenes Brot, um eine Aspirin zu mir zu nehmen. Auf leerem Magen ist das ungesund. Soweit kann ich noch denken.

Anschließend ziehe ich mich komplett um. Trockenes T-Shirt. Trockene Jogginghose. Trockene Boxershorts und Socken (auch wenn die nicht durchgeschwitzt sind). Gesicht ist bereits trocken dank eines trockenen Lappens, der auf den Feuchten folgte. Setzte mich um 13:00 Uhr wieder an mein Arbeitsnotebook. Setzte mein Headset auf und wähle mich in das Meeting.

Wie ich die 1,5 Stunden durchhalte, daran erinnere ich mich nicht mehr. Um 14:30 Uhr kann ich nicht mehr arbeiten und höre auf. Niemand merkt etwas davon.

Morgen werde ich einer Kollegin vom heutigen Tag erzählen und sie wird sagen, dass ihr aufgefallen sei, wie leise ich im Meeting gewesen sei. Das Reden verursachte zusätzlich pochende Schmerzen in meinem Gesicht. Ein pulsierendes Brennen. Immer nur rechts.

Wieder lege ich mich mit kaltem Lappen auf das Sofa und komme endlich zur Ruhe. Irgendwann lässt der Schmerz nach. Die Übelkeit weicht einem unangenehmen Hungergefühl und ich kann etwas trinken und essen.

Mein Kopf kreist nicht mehr um die Schmerzen. Jetzt kreisen in meinem Kopf Gedanken um Sorgen.

In Sorge um mich

Habe ich es überstanden? Oder ist das die Ruhe vor dem Sturm?

Fragen, mit denen ich mich genauso wenig beschäftigen möchte wie mit dem Krankenhaus- oder Arztbesuch, doch die mir Sorgen bereiten. Ich weiß nicht, was mir noch bevorsteht oder ob ich es überstanden habe.

Eigentlich weiß ich nicht, was ich habe, aber ich ahne es schon. Viele Möglichkeiten bleiben nicht und vor allem hatte ich diese Art von Schmerzen noch nie zuvor. An Schmerzen wie diese würde ich mich erinnern!

Was, frage ich mich, wenn es mir heute Nacht wieder schlecht geht? So schlecht, dass ich selbst es nicht schaffe aufzustehen oder in schmerzhaften Fiebern verfalle? Was mache ich dann?

Ich überlege, jemanden (einen Mann, die sind emotional distanzierter) anzurufen und ihn zu bitten, dass er mich morgenfrüh versucht, telefonisch zu erreichen. Für den Fall der Fälle. Aber verwerfe den Gedanken wieder schnell. Es wird schon schiefgehen…

In solchen Momenten wird mir bewusst, wie fragil mein Körper und Leben ist, in dem ich mich gemütlich und wie selbstverständlich eingerichtet habe…