Küchengespräche oder Alles nur eine Frage der Perspektive

Mittwoch, 13.11.19. Gütersloh.

Zwei Blondinen und ein Südländer in der Küche. Das hat eigentlich keine Relevanz für diese Erzählung, aber das Auge liest ja bekanntlich mit.

Normallerweise ist die Küche auf der Arbeit so früh am Morgen menschenleer und nur ein abgestandener Geruch wartet auf Erfrischung. Das stört mich eigentlich nicht, sofern ich nicht Menschen begegne. Das ist eigentlich das, was ich an dem Morgen so schätze: die Ruhe und Abwesenheit von anderen. Die beiden Kolleginnen, die jetzt vor mir in der Küche sind und sich miteinander unterhalten, stören mich jedoch nicht (genau genommen würde ich sie stören). Ich schätze sie nicht nur wegen ihres fachlichen Wissens, nein, sie sind auch für jeden Quatsch zu haben, also ist ein Aufeinandertreffen mit ihnen häufig aufheiternd und amüsant.

Und bevor ich auch nur einen Ton sagen kann, springt Lisa mit den Worten »Ich lasse dich zum Wasserkocher« zur Seite in Richtung Spüle, wo ihre Kollegin Nebraska steht.

Der Wasserkocher ruht auf einem weißen, quadratischen Tisch und soll das Teewasser aufheizen. Ich habe jedoch meinen eigenen bei uns in der Kaffee-Ecke direkt neben unserem leckenden Kaffeevollautomaten – wer je wissen wollte, ob er/sie bereit für ein Kind ist, muss sich einen Kaffeevollautomaten anschaffen! Der benötigt mehr Pflege und Aufmerksamkeit als ein Baby in den ersten Jahren. Kaffeesatzbehälter leeren, Abtropfschale leeren, Wasser nachfüllen, Kaffeebohnen nachfüllen, Maschine entfetten, Wasser entkalkten sonst sifft er herum etc. Obwohl ich mich nie mit dieser Kaffeemaschine beschäftigt habe, weil ich den Kaffee zu bitter finde und ihn deshalb nicht trinke, kenne ich all diese Begriffe. Denn die Kollegen, nahezu jeder Dritte, flucht, wenn ihnen die Maschine irgendetwas davon aufzwingt. Ich bin nur hier, um den Teebeutel von gestern zu entsorgen und meine Tasse von den vertrockneten Überresten zu befreien.

Also hebe ich den Deckel des Mülleimers, der direkt vor dem weißen Tisch steht. Und kaum einen Spalt offen stinkt der aus dem Maul wie die meisten Menschen am Morgen vor dem Zähneputzen.

Angewidert schmeiße den halb vertrockneten Minz-Teebeutel durch die kleine Öffnung und rufe dem Mülleimer dabei im Geiste zu: »Lutsch das, das macht deinen Atem frischer!«

Kaum denke ich diese Worte, beginnt auch schon der Wasserkocher am Nebentisch gedämpft zu blubbern.

Danke für den Applaus, flüstere fast schon bescheiden dem brodelnden Gefäß zu, in dem immer mehr Bläschen aufsteigen und weit vor der Oberfläche implodieren.

Der Raum nimmt Temperatur auf.

Die beiden Damen jedoch bekommen nichts von meiner coolen Performance mit. So ist das Leben.

Danach drehe ich mich in Richtung Spüle. Weil nach dem Spülen in der Spülmaschine die Tassen wie die eine Socke in der Waschmaschine verschwinden, wasche ich die Tasse immer wieder von Hand.  Das Weihnachtsmotiv könnte ein Hinweis darauf sein, wie lange ich diese Tasse schon wiederverwende – und ein unbedarfter Mensch könnte glauben, es seien Vorfreuden zum Fest der Liebe. Alles eine Sache der Betrachtung (und je näher die Monate an den Dezember rücken, desto mehr Kollegen glauben, es handle sich bei mir wirklich um jene beschriebene Vorfreude oder Vorboten von Weihnachten, als sei die Tasse eine Art Lebkuchen im September).

Natürlich stehen die beiden jetzt direkt vor der Spüle – so viele Möglichkeiten bietet eine kleine Küche halt nicht. Also müssen jetzt beide zur Seite gehen, was sie auch anstandslos tun. Nur ich muss es kommentieren, weil ich es irgendwie lustig finde, wie ich sie wortlos von einer Ecke in die andere scheuche bewege.

»Egal, wohin ich gehe«, sage ich, »da seid ihr schon.«

»Was sagt uns das?« Lisas Gesicht formt ein Fragezeichen, während ihre Augen belustigt auf- und abflattern. Vier Augen blicken auf mich und warten gespannt auf meine Antwort.

Na toll! Morgens fühlt sich mein Kopf so leer an wie mein Bauch am Abend. Leerer Bauch und leerer Kopf, eine wunderbare Kombination, um etwas Dummes zu sagen.

»Es gibt zwei Interpretationen«, sage ich und hebe meine Stimme, um dann sofort einen Moment inne zu halten. Spannung erzeugen. Im Hintergrund brodelt weiterhin der Wasserkocher und die ersten Wasserbläschen schaffen es an die Oberfläche.

»Entweder«, sage ich und schaue sie nacheinander an, »ihr steht im Weg«, mache wieder eine Pause, »oder«, wieder eine gekonnt-kunstvolle Pause, »ihr seid schon dort, wohin ich hinwill.« Puh, gerade noch die Kurve bekommen.

Lisa lacht.

»Das Letztere«, sagt sie und fügt ein, »wir sind unserer Zeit voraus!« hinzu. Nebraska nickt anerkennend.

Ich spüle meine Tasse unter warmem Wasser ab.

Im Hintergrund hört das Brodeln auf, denn alle Blasen im Wasserkocher schaffen es endlich bis zur Oberfläche. Ein entspanntes, gleichmäßiges Blubbern des kochenden Wassers ist nun zu hören.

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