Der heimliche Traum von einer Badewanne

Dienstag, 23.06.20. Bielefeld.

An die schönen Dinge, sagte ich einmal einer Ex, gewöhnt man sich schnell und fühlte mich wie ein unentdeckter Poet. Das war als Kompliment gedacht und zugleich eine Warnung. Denn hat man sich an etwas gewöhnt, dann taucht es allmählich aber sicher in die Welt des Selbstverständlichen hinab und man schätzt es nicht mehr, was zum Ausgleich ungewollte Konflikte zutage fördert.

Meine Dusche tauchte aus eben jener Tiefe in neuem Gewand auf. Alles an ihr wirkt schöner und größer, obwohl sich die Ausmaße nicht vom Vorgänger unterscheiden, denn mehr Platz dafür gibt es nicht. Bei diesem rührseligen Anblick hätte ich fast vergessen, dass ich sechs Wochen Zuhause nicht duschen konnte.

An die schönen Dinge, sagte ich einmal einer Ex, gewöhnt man sich schnell und fühlte mich wie ein unentdeckter Poet. Das war als Kompliment gedacht und zugleich eine Warnung.

Eine schwierige Zeit, die sich sofort bei mir bemerkbar machte. Und das lag daran, dass ich nicht täglich Sport treiben konnte bzw. unter diesen Umständen nicht wollte. Je weniger ich mich bewegte, desto schlechter schlief ich und war am Tag gereizter. Je gereizter ich wurde, desto gestresster wurde ich. Der Abend reichte nicht mehr für ein Cool Down (Herunterkommen). Also schlief ich schlechter und geriet in einen unauffälligen Strudel nach unten.

Es klingt dramatisch übertrieben – es sind tatsächlich kaum wahrnehmbare Nuancen, ein gefühlt des allmählichen Abgleitens. Würde ich nicht darauf achten, wäre es mir bestimmt entgangen. Ich glaube, das ist etwas, was man über die Jahre lernt, wenn man (viel?) Sport macht: Ein Gefühl für seinen Körper zu entwickeln und kleine Veränderungen besser an sich wahrzunehmen.

Wie andere Menschen ohne Sport im Leben überhaupt gesund bleiben, bleibt mir ein Rätsel.

Es wäre schön, könnte man wie im Bad bei sich selbst einfach das Veraltete oder nicht richtig Funktionierende durch etwas Neues ersetzen könnte. Nicht das ich es nötig hätte! Also, noch ist glücklicherweise kein Einzelteil bei mir in einem Zustand, der bedenklich wäre. Es ist halt die Gesamtkomposition. Das Zusammenspiel der Einzelteile funktioniert nicht mehr so reibungslos wie früher. Und dann benötigt das Gesamtsystem nach sportlicher Aktivität (oder Feiern am Wochenende etc.) mehr Zeit für die Regeneration. Irgendwann fürchte ich, brauchen meine Muskeln so viel Regenerationszeit, dass sie in der Zwischenzeit wieder abbauen.

Der eigentliche Witz an der Sache ist jedoch, dass meine sportliche Zurückhaltung im Grunde unnötig war. Denn während der gesamten Zeit ohne Dusche gab es nur einen einzigen Tag, an dem ich nicht duschte. Ich nahm mir das vor, weil ich es testen wollte und betrieb daher keinen Sport an jenem Tag. Auch ohne durch Sport oder etwas anderes geschwitzt zu haben, fühlte ich mich am nächsten Tag schmutzig. Mir war nicht wohl und es fühlte sich unangenehm an. Dabei bin ich im Homeoffice. Niemand hätte es bemerkt.

Da fällt mir ein: Statt Teile beim Menschen auszutauschen, ist es einfacher, gleich den gesamten Menschen auszutauschen. Meine damalige Ex dachte sich, sie hätte ihren Ex durch ein besseres Nachfolgemodell ersetzt – also mich –, was natürlich auch stimmte. Ihr Fehler jedoch lag in ihrer irrigen Annahme, sie könne mit mir nahtlos dort weiter machen, wo sie mit ihrem Ex aufgehört hatte, natürlich nur in besser. Aber ich machte da nicht so mit (wer würde das?). Sie war halt speziell und ausgesprochen… schwierig, ja, sehr schwierig.

Meine neue Dusche zeigt zu meinem Glück kein schwieriges Verhalten. Da gleichen sich Mensch und Dusche vielleicht nicht. Eine Dusche, könnte man sagen, spendet einfach selbstlos wohltuende Sauberkeit ohne eine erwartete Gegenleistung (natürlich muss man sie sauber halten). Eine Dusche gibt indem sie dir zugleich etwas wegnimmt, und zwar das Schmutzige. Das ist auch eine Form der Erneuerung.

Ich könnte jetzt dankbar sein. Das liegt mir nicht.

Manchmal nämlich träume ich heimlich von einer Badewanne, aber das sage ich der Dusche nicht.

Meine damalige Ex hatte eine Badewanne.