Das Leben frisst große Stücke

»Und wenn der Mann neben ihr kein Mann war, den sie sich früher ausgesucht hätte, was machte das schon?
Er hätte sie sich ja bestimmt auch nicht ausgesucht. Aber hier waren sie nun, und Olive musste an zwei zusammengeklappte Scheiben Schweizerkäse denken, solche Löcher brachten sie beide zu dieser Vereinigung mit – solche Stücke fraß das Leben aus einem heraus.«

Aus Elizabeth Strout: »Mit Blick aufs Meer« (Amazon Werbelink)

Ein Text ohne Sinn

»Ich ging in einen Buchladen, um ein Buch zu kaufen und kam mit sechs Büchern heraus.
Jetzt weiß ich, wie Frauen sich in Schuhläden fühlen…«
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Sonntag, 16.06.19. Bielefeld. Gedämpfte Hitze. Die Sonne versucht, hinter den Wolken durchzubrechen und scheitert am Morgen an der zu dicken Wolkendecke. Es ist stickig und ich ein wenig stinkig.

Ohne Scheiß, ich sitze jeden Abend vor dem aufgeklappten Display meines Notebooks, der nach Texten hungert, aber dann passiert häufig – nichts; oder, wenn doch, dann kommt häufig ein Scheißtext dabei heraus.

Natürlich sollte ich meinen Text nicht mit einem Satz beginnen, in dem das Wort »Scheiße« gleich zwei Mal (und hiermit ein drittes Mal) auftaucht, denn wer liest so einen Text? Klingt doch wie die Einladung auf eine Party, die der Partygeber selbst für miserabel hält (warum schmeißt er dann überhaupt Partys?).

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So viel Zukunft, so viel Freude

»In jener Nacht, in der Varja geboren wurde, lag sie da und sah uns stundenlang an. Ihre Augen waren wie zwei schwarze Laternen. Ihr Körper blutverschmiert, die langen Haare klebten am Kopf, und wenn sie sich rührte, geschah es mit den bedächtigen Bewegungen eines Kriechtiers. Als sie so auf Lindas Bauch lag und uns anstarrte, sah sie aus wie etwas aus dem Wald. Wir konnten von ihr und ihrem Blick einfach nicht lassen. Aber was lag in ihm? Ruhe, Ernst, Dunkelheit. Ich streckte die Zunge heraus, es verging eine Minute, dann streckte sie ihre Zunge heraus. Nie hat es so viel Zukunft in meinem Leben gegeben wie damals, nie so viel Freude.«

Aus Karl Ove Knausgard »Sterben« (Amazon Werbelink)

Entscheide dich für eine Seite

»…so spaltete ich mich bei meiner Geburt wurde auf und wurde in eine postpartale Welt geworfen, in der mich kaum jemand als den akzeptierte, der ich war, sondern in der ich nur dazu gedrängt wurde, mich für eine Seite zu entscheiden. Das war nicht einfach, nein, eigentlich war es sogar unmöglich, denn wie konnte ich mich gegen mich selbst entscheiden?«

Aus Viet Thanh Nguyen »Der Sympathisant« (Amazon Werbelink)

Buch: Donna Tartt – Die geheime Geschichte

Nie ticke ich so, wie ich sollte. Aber nur zu bestimmten Zeiten.

Ein Frühling in Wolfsburg, 2015. Das grelle Licht auf meinem Display lässt die Ziffer 5 in der Dunkelheit aufleuchten. Es ist still, kühl und viel zu früh. Ich muss erst in zwei Stunden aufstehen, duschen, frühstücken und kann dann zur Arbeit. Dennoch bin ich wach wie an den meisten Tagen der Woche.

Ich versuche erst gar nicht, wieder einzuschlafen. Meistens nicke ich dann kurz vor dem Aufwecken ein, und dann bin ich wie ausgekotzt. Wandle wie ein Untoter ohne Orientierungssinn, und nur die Wiederbelebungsversuche mit literweise Kaffee halten mich auf den Beinen (mit der Nebenwirkung, dass ich dann wie ein Eichhörnchen auf Speed bin, aber irgendwas ist immer).

Ich könnte mich darüber ärgern oder mich darüber beschweren – ich mag die Bedeutung dieses Wortes, »es sich schwer machen«, denn darin drückt die Last, die man sich unnötig aufbürdet. Und was soll’s? All das Jammern nützt eh nichts. Ja, glaub mir, ich habe es versucht, ehrlich, aber gegen die innere Uhr kommt man nicht an, egal, was dir die Realität da draußen vorschreibt oder wie auch immer sie dich versucht, auf irgendeine Weise wieder in den Takt zu biegen.

Es gibt nur eins, was ich wirksam dagegen tun kann. Ich greife zu dem Buch an meinem Kopfende. Knapp 600 Seiten dick. Diese Zeit sinnvoll zu nutzen. Lesen.
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