Corona, Home Office und Kurzarbeit – Eine Chronologie

Corona-Krise, Kurzarbeit und Home Office. Ein seltsamer Dreiklang. Drei, die leider in letzter Zeit häufiger zusammen auftreten und den Anschein erwecken, als gehörten sie zusammen.

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Ich habe lange nichts mehr geschrieben und da ist viel in so kurzer Zeit passiert, dass ich gar nicht dem nachkommen konnte oder wollte. Um dennoch meiner mir selbst auferlegten Chronistenpflicht nachzukommen, habe ich die Tage vom 16.03 – 31.03. zusammengefasst.

Infografik: Zeitleiste während Corona-Krise

Es sind Tage, da ging es Schlag auf Schlag und jeden Tag änderte sich etwas, kaum das man die Änderung vom Vortag verstehen konnte.

Home Office auf Raten oder mobiles Arbeiten

Montag, 16.03.20. Gütersloh.

Heute haben in nahezu allen Bundesländern Schulen und Kitas geschlossen. Für Eltern in NRW bedeutet das, dass einer von beiden zu Hause bleiben muss, um sich um das Kind / die Kinder zu kümmern.

Was bedeutet es für alle anderen?

Freunde von mir arbeiten komplett im Home Office. Ich nicht.

Freunde von mir arbeiten in anderen Unternehmen. Tja nun.

Dafür sitze ich im Büro. Etwas seltsam für jemanden, der Jahrzehnte als externer Berater häufig im Home Office war und jetzt als interner Mitarbeiter in der IT arbeitet.

Aber dafür sollen wir alle Meetings, soweit das möglich ist, digital per Skype oder Teams durchführen (auch die internen!). Immerhin ein Anfang. Das ist mein Ernst! Irgendwann muss man umstellen. Nicht bei sich im Büro, sondern um international arbeiten zu können ohne zu reisen oder, wenn es mal soweit ist, aus dem Home Office an Meetings teilnehmen zu können.

Und dann habe wir eine Vorsichtsmaßnahme aus Hygienesicht: Alle Türen der Büros sollen offenbleiben, damit niemand an die Türklinke fassen muss. Klingt vernünftig.

Nur so am Rande: Niemand spricht von Home Office, sondern von »mobiles Arbeiten«. Denn beim Home Office wäre der Arbeitgeber verpflichtet, den Mitarbeiter zu Hause mit einem entsprechenden Arbeitsplatz auszustatten. Das hätte den Nachteil, dass der Arbeitnehmer:In an diesem Arbeitsplatz zu Hause erreichbar sein und arbeiten muss. Bei mobilem Arbeiten hat man den Vorteil, von überall aus arbeiten zu können. Für den Interessierten gibt es weitere Details hier.

Mittwoch, 18.03.20. Gütersloh.

Eine E-Mail im Postfach. Sie verkündet das Konzept des 50% Home Office. Kenne ich nicht. Das macht nichts, denn es geht so:

Wir werden in zwei Gruppen geteilt. Jeder im Büro wird jeweils einer Gruppe so zugeordnet, dass maximaler Abstand (mindestens 1,5m) zum Bürokollegen:In gehalten wird. Gleichzeitig dürfen nicht mehr als zwei Personen gleichzeitig im Büro arbeiten. Die Empfehlung spricht sogar von nur einer Person im Büro. Die 3te (oder 2te) Person weicht dann in ein anderes Büro aus.

Diese Idee finde ich nicht schlecht, weil das Konzept nicht nur die Ausbreitung des Coronavirus verhindert bzw. verlangsamt, sondern es könnte auch für die Zeit danach genutzt werden, wenn Home Office sich durchsetzen sollte – da fällt mir ein, dass ich eigentlich kein Fan von Home Office bin…

Sonntag, 22.03.20. Bielefeld.

Ab Montag gelten die Abstandsregeln und die Landesregierung beschließt Kontaktverbot zur Eindämmung der Corona-Virus-Pandemie.

Ankündigung der Kurzarbeit

Montag, 23.03.20. Gütersloh.

Das Kontaktverbot tritt heute offiziell in Kraft.

Kaum treffe ich morgens ein und schon die erste Hiobsbotschaft. Sie trifft in Form einer E-Mail ein.

Kurzarbeit ist an den deutschen Standorten ab dem 1. April 2020 geplant. Die Werke werden die Produktion bis mindestens Ende der Osterwochen unterbrechen. Für das nächste Quartal wir ein massiver Einbruch der weltweiten Absätze erwartet. Das klingt jetzt ernst, sehr ernst und stimmt mich nachdenklich.

Das ist keine leichte Kost.

Apropos Kost, die Kantine ist ab heute für Mittagessen geschlossen.

Es ist jetzt nicht mehr möglich, dort eine warme Mahlzeit oder einen gut gekühlten Salat gemeinschaftlich zu essen. Jetzt könnten sich natürlich alle darüber freuen, die etwas an dem fehlenden Geschmack des Kantinenessens auszusetzen haben, aber Freude liegt dem Ostwestfalen nicht, zumindest stellt er es nicht öffentlich zur Schau. Daher drückt er auch seine Freude durch Verärgerung aus. Also ärgere ich mich. Kein Mittagessen!

Mit meiner Verärgerung bin ich natürlich nicht alleine. Auch andere Kollegen:Innen sind unvorbereitet, also wie ich ohne Mittagessen. Immerhin gibt es morgens Brötchen zum Mitnehmen, die die Kantine wie eine Bäckerei verkaufen darf. Nur das tröstet kaum jemanden.

Während man sich in der losen Gruppe ärgert, fallen ein paar Spekulationen und ein Wort wie »Kurzarbeit« und niemand möchte es aufheben. Das gefallene Wort zieht nämlich eine Verkürzung des Gehalts mit sich. Da Geld schon immer ein knappes Gut war, gibt es verständlicherweise besorgte Kollegen:Innen, die bereits online nachgeschaut haben, wie viel bzw. wie wenig am Monatsende übrigbleiben würde, wenn wir auch in Kurzarbeit geschickt würden.

Es seien 60% des Nettolohns und wer Kinder versorgen muss, erhielte 67% (mehr Informationen dazu auf der Seite der Bundesagentur für Arbeit).

Für jemandem mit geringen Einkommen und/oder als Alleinverdiener:In in einem Haushalt und/oder einem Kredit (beispielsweise wegen einer Immobilie) und/oder sonst aus welchen Gründen auch immer mit einem knappen Budget, dem wird diese temporäre Lohnkürzung Sorgen bereiten.

Ich jedoch denke sofort ans Geld »verdienen«, ohne zu arbeiten und an mehr Freizeit. An diese Option habe ich bei meinem Gedankenspiel als fiktiver Millionär nicht gedacht.

Als ich am Arbeitsplatz sitze und mich die Arbeit sofort in Beschlag nimmt, sind all diese Gedanken weit entfernt. Und dann trifft eine E-Mail ein. Ab dem 01.04.2020 wird vorerst bis Ostern deutschlandweit in den Betrieben Kurzarbeit eingeführt. Die Gerüchteküche ist schneller als jede E-Mail, denke ich mir, weiß aber nicht, ob die Kurzarbeit nur die Arbeiter an den Fließbändern betrifft oder auch uns in den Büros…

Ich beiße in mein Brötchen, das ein Tick zu trocken ist. Passiert halt, wenn man es so lange liegen lässt.

Zu Hause erinnere ich mich an das Brötchen und dass es keine dauerhafte Alternative zu echtem Essen ist. Daher habe ich eben im Real,- Dosen und Tütensuppen gekauft, die ich mit dem Wasserkocher zubereiten kann. Das ist wahrlich kein Essen für Gourmets mit raffiniertem und anspruchsvollem Gaumen, eher für Gourmand (ich weiß das, weil ich es gegoogelt habe;-). Bei dieser Essweise muss ich aufpassen, dass ich genug Vitamine zu mir nehme!!! Immerhin ist morgens die Kantine noch auf, da sie die Brötchen wie in einer Bäckerei verkauft.

Dienstag, 24.03.20. Gütersloh.

Für den Home Office dürfen wir jetzt unsere Hardware vom Arbeitsplatz mitnehmen. Es betrifft nur die Monitore und das Notebook. Nicht den Bürostuhl oder den Tisch, wie einige Kollegen zu spaßen pflegen. Bei unserer Kaffeemaschine hört der Spaß jedoch auf. Keiner möchte sie mitnehmen.

Mittwoch, 25.03.20. Gütersloh.

Kurzarbeit ist jetzt offiziell in allen Werken (Produktion) z.B. in der Fertigung weltweit. Bei uns (das sind die Mitarbeiter in den Büros) beginnt sie ab dem 01.04.2020.

Sofort googeln die meisten Kollegen:In, was das für sie in finanzieller Hinsicht bedeutet.

Homeoffice

Freitag, 27.03.20. Gütersloh.

Ich bin heute der einzige Depp – so fühle ich mich zumindest im Moment –, der am Morgen auf der Arbeit ist.

Eigentlich ist es kein Problem für mich. Ich ziehe die Arbeit im Büro dem generellen Home Office vor. Das hat vielfältige Gründe. Wenn du fast zwei Jahrzehnte Berater warst, dann lernst du die Abgrenzungen zwischen Arbeit und Feierabend ernsthaft zu schätzen. Daneben gibt es einen weiteren Aspekt, den die meisten nicht kennen: Wenn alle Berater gleichzeitig im Home Office sind (was an vielen Freitagen der Fall war), dann steigt dein Kommunikationsaufwand erheblich an. Diverse E-Mails und Telefonat findet statt, weil man nicht direkt reden kann. An diesen Freitagen war meine Produktivität auf dem niedrigsten Niveau.

Aber darauf wollte ich nicht hinaus. Gestern Abend sollte eine E-Mail an uns alle herausgehen, die sinngemäß sagen wird, dass wir ab sofort in Home Office gehen können / sollen und nur in Ausnahmen ins Büro kommen.

Diese E-Mail trifft am Abend ein.

Noch immer Freitag, aber andere Location:
In Bielefeld = Home Office.

Also fahre ich nach einem Workshop per Skype wieder nach Hause und bin damit im Home Office, aber richtig! Da ist mir noch nicht klar, dass ich so bald nicht mehr im Büro arbeiten werde. Mehrere Wochen werden viele von uns nicht mehr ins Büro kommen und nur noch von zu Hause arbeiten.

Per Skype gibt es ein Team-Meeting, in dem offiziell die Kurzarbeit auch für uns in der IT angekündigt wird. Sie gilt für das gesamte Unternehmen.

Sie beginnt am 01.04. und wird vermutlich für den gesamten April gelten. Der Plan für unsere Arbeitstage wird aktuell erarbeitet und uns dann spätestens am Dienstag vorgestellt werden.

Während der Kurzarbeit dürfen wir keine Überstunden machen, was die Idee der Kurzarbeit konterkarieren würde, denn man geht in Kurzarbeit, weil man weniger Arbeit hat.

Ebenso müssen erst die Resturlaube und Überstunden abgebaut werden, bevor ein Mitarbeiter in Kurzarbeit gehen kann. Na dann kann ich zunächst meine sechs Tage abfeiern.

Natürlich wird auch das Gehalt angesprochen. Die 60% bzw. 67% hatten alle schon die Tage gegoogelt und mit Erschrecken oder mit Gleichgültigkeit aufgenommen. Es gibt jedoch für beide dieser Gruppen eine gute Nachricht:

Unser Gehalt wird während der Kurzarbeit auf 80% aufgestockt!

Das ist unabhängig davon, ob jemand ein Kind hat oder nicht.

Die IG Metall hat mit dem Arbeitgeber eine Aufstockung vereinbart. Das ist ganz schön viel Geld!

Plan für die Kurzarbeit

Dienstag, 31.03.20. Bielefeld. Home Office

Telko per Skype.

Ab Morgen pausieren alle meine Projekte.
Nur noch für den operativen Betrieb wird gearbeitet.
Uns wird der Arbeitsplan für die nächsten Wochen vorgestellt.

Wir werden abwechselnd auf die Wochentage verteilt, so dass immer jemand aus unserem IT Team verfügbar ist. Der Plan sieht vor, dass die meisten von uns 2 – 3 Tage die Woche arbeiten und 2 Tage Kurzarbeit haben.

Im Fachbereich reduziert sich die Arbeit auf maximal einem Tag für wenige und 100% Kurzarbeit für alle anderen.

Ich baue wie andere Kollegen:Innen zunächst Überstunden ab. Dann habe ich in der Woche drei Tage normale Arbeit und zwei Tage Kurzarbeit. Feiertage gelten auch als Arbeitstage. Und an einem Brückentag darf keine Kurzarbeit stattfinden.

Mit den 3 Arbeitstagen liege ich über den 80%, also rechne ich für mich schnell aus (also Excel auf, Zahlen eintippen, Formel zusammenzaubern und ausrechnen lassen), mit viel Prozent ich meines Nettogehalts ich rechnen kann. So sieht die Formel mit Ergebnis aus:

(3 x 100% + 2 x 80 %) / 5 Tage = 92%

Damit liege ich mit 12% über dem Wert 80%, wenn ich gar nicht arbeite.

8% weniger vom Nettolohn und dafür 2 Tage in der Woche weniger arbeiten? Das ist ein krass!

Und da ich schon dabei bin, rechne ich mir gleich für alle 6 Varianten den prozentualen Anteil des Nettolohns aus.

Infografik: Nettogehalt und Kurzarbeit

Ich weiß, diese Betrachtungen sind nicht korrekt. Das Kurzarbeitergeld soll dem Unternehmen helfen, in schwierigen Zeiten die Mitarbeiter zu halten. Also eine Win-Win-Win Situation (Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Arbeitsamt), aber so ganz gerecht bzw. fair finde ich es nicht.

Wirklich gerecht fände ich es, wenn Menschen mit geringerem Einkommen die 80% bzw. 100% weiter erhielten, während Menschen mit gutem Verdienst wie ich die 60% bzw. 67% erhielten.

Ja, ich weiß, es ist krank, selbst auf Geld verzichten zu wollen, damit es anderen besser geht, denen es schlechter geht. Und, da niemand weiß, wie lange die Corona-Krise anhalten wird, dürfte sich die Situation für Familien mit geringem Einkommen, Selbstständige, etc. dramatisch verschlechtern.

Nicht, dass du mich missverstehst, 60% des Nettolohns sind eine beachtliche Reduzierung auch meines Gehalts. Nur ich habe mich soweit abgesichert, dass ich drei Monate ohne Gehalt auskommen kann. Auch dazu muss man in der Lage sein.

Als mir vor langer Zeit der Gedanke kam, mich finanziell ein wenig abzusichern, da hatte ich etwas anderes im Sinn als die aktuelle Pandemie. Mein realistisches Szenario war und ist immer noch, dass ich plötzlich ohne Job und damit ohne Einkommen dastehe. In einer solchen Situation will ich mit etwas Einschränkungen drei oder gar sechs Monate auskommen können. Ich hoffe, dass bleibt mir und vielen erspart…