Reichtum, Vermögen, Job, Karriere und Luxus

Freitag, 17.01.20. Gütersloh.

Die meisten Menschen denken bei Reichtum oder Luxus sofort an Geld, an viel Geld, an sehr viel Geld. Ich verstehe das. Aber Geld war für mich noch nie wirklich wichtig. Ich hatte bisher das Glück, immer genug davon oder bescheidenere Ansprüche zu haben, um mir ein gutes Leben zu machen und wundere mich noch immer, warum Menschen glauben, dass sie mit Geld glücklich(er) werden können. Vor allem, wenn sie sich mit dem Mehr-Geld-Verdienen sich von dem entfernen, was sie einst glücklich machte.

Eigentlich ist ein Freitag kurz vor Feierabend nicht der richtige Zeitpunkt für derartige Gedanken, und die meisten sind auch schon ab in den Feierabend, aber irgendwie entwickelt sich das Gespräch mit Hazel in diese Richtung, was mich nicht stört. Wenn ich rede muss ich allerdings aufpassen, mein Gegenüber nicht anzustrengen. Ich neige während eines Dialogs zum Monolog.

Als Berater, sage ich zu ihr, habe ich es oft gehört, wie reich ich sein müsse. Die Leute glauben, dass ich sehr viel verdienen würde und daher viel Geld hätte, damit zwangsläufig auf irgendeine geartete Art und Weise vermögend sei.

Tatsächlich bin ich auf meine eigene Art sehr reich, führe ich nicht unbescheiden aus: Ich suche mir meine Jobs danach aus, was mir am meisten Spaß macht und nicht, wo ich das meiste verdiene. Das ist ein ganz besonderer Luxus.

Eine leichte Brise weht durch das Fenster und ein leises Rascheln geht durch die ausgebreiteten Blätter, die auf ihrem Schreibtisch liegen. Sie arbeitet also auch wie ich mit Notizen.

Das ist nicht alles bzw. nur ein Teil meines luxuriösen Berufslebens, fahre ich fort (das Wort »luxuriös« habe ich jetzt beim Schreiben eingefügt;-). Gleichzeitig habe ich mich gegen den normalen Karriereweg entschieden. Der geht in dieser oder ähnlicher Form so:

Du arbeitest als Projektmitglied in einem Projektteam, wirst irgendwann Teilprojektleiter und schließlich endest du als Projektleiter. Parallel mit der Zunahme deiner Verantwortlichkeiten wirst du Führungskraft und stellst Mitarbeiter ein und hast Zusatzarbeit on top.

Mit jedem dieser Schritte verdienst du natürlich gleich mehr. Dein Fixgehalt steigt dabei ein wenig an und dein variabler Anteil, der von deinem Gesamtumsatz abhängt (und vielen weiteren Umsatzzahlen), steigt rapide.

Um mehr Umsatz zu machen und deine Ziele zu erreichen, musst du mehr Mitarbeiter einstellen und diese in Projekte stecken.

Mit jedem erhöhten Umsatz steigt dein Umsatzziel von Jahr zu Jahr. Da dein Umsatz gestiegen ist, erweckt das das Interesse der oberen Führungsriege, die dich dann weiter befördern, beispielsweise zum Associated Partner und irgendwann zum Partner. Natürlich musst du noch mehr arbeiten, weil du mehr Umsatz machen musst. Gleichzeitig erhöhen sich deine Ausgaben, denn als Associated Partner oder gar als Partner brauchst du ein teureres Auto als vorher. Auch deine Anzüge müssen besser werden. Du kannst dir eine teurere Wohnung kaufen und luxuriösere Urlaube buchen, sofern du noch Zeit dafür hast.

Damit steigen deine Einnahmen und gleichzeitig deine Ausgaben – das passiert immer, weil Menschen sich steigern möchte, daher gibt es bei den Autos die Modellreihen mit 1,2,3,4,5 (einige kennen das als »Upselling«). Für mich nivelliert sich damit der Gewinn und wenn man Glück hat, ist es lediglich ein Nullsummenspiel.

Ich mache eine Pause. War das zuviel Gequatsche?

In der Zwischenzeit hat Hazel ihren Bürostuhl gedreht und ihre Beine bequem über die Armlehne gelegt, wie jemand, der auf einer Schaukel sitzt. Sie schaut mich an und hört mir zu und würde sie jetzt große Augen machen, käme ich mir wie ein Märchenonkel vor, der von fantastischen Dingen erzählt.

Sie nickt mir wieder zu.

Du entfernst dich also, fahre ich fort, mit jedem dieser »Karriere-Schritte« mehr und mehr von dem, was du ursprünglich getan hast.

Das finden nicht alle schlecht – ich jedoch schon, denn das, was ich immer toll fand und mache, ist am System zu sitzen und ein wenig herumzuhacken bzw. zu programmieren. Ich bin eher der Nerd. Heutzutage verwendet man eher das Wort »Subject Matter Expert« (SME), das bedeutet, ich bin in einem speziellen Bereich ein Experte und das bin ich, sogar in mehreren.

Vor allem ist ein Bereich aus Projektsicht bisher immer der wichtigste und kritischste gewesen: Die Performance-Optimierung der Anwendung.

In jedem SAP Projekt, an das ich mich erinnern kann und an dem ich natürlich beteiligt war, gab es immer Probleme mit der Performance. Diese Probleme führten bei nahezu jedem Kunden zur Eskalation auf Management-Ebene und drohten, das Projekt zum Scheitern zu bringen.

Sie grinst und ich weiß, was sie andeutet.

Ha ha, nein, ich bin nicht der gemeinsame Nenner und Ursache für die Probleme! Ich war einer der wenigen – ich hebe den Zeigefinger –, die dann Feuerwehr spielten und den Brand löschen durften. Jetzt kommt der Witz an der Sache (finde ich): Wer Projekte rettet – manchmal ging es um Millionen –, bei dem steht nicht, wie viel monetären Schaden er von der Firma abgewendet hat, sondern immer nur sein gemachter Umsatz.

Oh Mann!, fällt mir am Ende auf, ich klinge wie ein Angeber oder ein Irrer.

Aber sie scheint es zu verstehen, die manchmal fehlende Wertschätzung und das nicht Karriere machen wollen. Sie selbst ist für mich jemand auf der Durchreise, denn sie möchte irgendwann auswandern, sobald die Rahmenbedingungen stimmen. Eines davon scheint das Geld zu sein, denn ohne Geld, also angespartes Geld auf der Bank, was ein kleines Vermögen ausmacht, keine Einreise.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.