Kleine süße Aufmerksamkeit

Montag, 13.01.20. Gütersloh.

Heute Morgen wieder ein Meeting, genauer: ein Cross-Stream-Meeting, eher etwas für die Fachbereiche. Ich schaue düster in die Gesichter und kann mich nicht entscheiden. Freudlos wie ein Schwarm Hornissen, wie es so schön im Distelfink heißt – oder doch nur Projektionsflächen?

Ja, ich bin gemein und unfair. Mein Mimimi: Ich habe heute wieder schlecht geschlafen und mein Gesicht fühlt sich an, als hätten auf ihm Tausende besoffener Affen einen Faustkampf auf Leben und Tod in der Nacht ausgetragen und einer blieb mit einem Löffeln hinter meinem linken Auge hängen. Und dann wartet da ein Berg voller Sisyphus Arbeit auf mich. Als IT-Teilprojektleiter muss ich eigentlich nicht hier sein, soll aber dennoch anwesend sein. Also bin ich anwesend und habe mich trotzdem vorbereitet.

Und zwar habe ich mich vorab mit ein paar Duplos eingedeckt, um der langen Sitzung eine süße Note mitzugeben. Schokolade hilft immer! Oder Kaffee. Es sind wieder welche, auf denen Sprüche bedruckt sind wie Du Bist Klasse, Mit Dir Egal Wohin oder Willst Du Mit Mir Fahren? Ja, Nein, Vielleicht. Diesmal achte ich darauf. Diesmal achte ich darauf, denn es könnte sein, dass ich teilen muss. Irgendjemandem fällt immer auf, dass du naschst und will mitmachen. Der falsche Spruch bei der falschen Person und dann hast du mehr als nur die längste Praline in der Hand und stehst dumm da.

Als ich das letzte Mal, es war Ende letzten Jahres, in meinem Büro wahllos Duplos an die Kollegen verschenkte, war es die zufällig anwesende Kollegin Hazel, die mich munter auf die süßen Botschaften aufmerksam machte und mich mit heiterer Ernsthaftigkeit fragte, zu welchem unvergesslichen Erlebnis ich sie denn einladen würde. Oh, sagte ich überrascht, als ich den Spruch las, und wir beide amüsierten uns über den witzigen Riegel mit der frechen Einladung. Natürlich war das alles nur Spaß und wenn nicht, in zwei Jahren verjähren doch solche Ansprüche, oder? Ich könnte mir vorstellen, dass es andere gibt, die sich dann selbst merkwürdige Fragen stellen könnten und dem Ganzen einen falschen Dreh geben…

Indes das Meeting verläuft wie erwartet, was ja auch nicht schlecht ist. Ich greife in die linke Innentasche meines Sakkos, etwas muss ich ja tun, und gönn mir eine kleine Pause: Es ist zu meiner Überraschung kein Duplo, sondern ein Baby PiCK UP!. Ok, schön, dass ich mich selbst überraschen kann. Immerhin, der Löffel hinter meinem Auge lockert sich.

Dieser klitzekleine Snack ist kaum ausgepackt und schon verschwindet es. Übrig bleibt nur die gelbe Verpackung mit den blauen Zähnen an den Rändern. Da ich den Müll nicht entsorgen kann und keine Lust habe, sie in meine Tasche zu packen, falte ich es sorgfältig zu einer dünnen Linie, mache einen Knoten hinein und lege es anschließend auf den Tisch.

Das kleine, gelbe Ding mit seinen blauen Ausläufern leuchtet süß wie ein verpacktes Bonbon. Die grellen Farben und die niedliche Form erregen die Aufmerksamkeit von Lisa.

»Das hast du aber schön gemacht.«

»Danke«, sage ich und greife spontan in meine linke Innentasche. Diesmal ziehe ich ein Duplos heraus und lege es vor sie auf den Tisch.

Jetzt ist sie überrascht und bedankt sich. Dann, bevor sie es auspackt, entdeckt sie den Spruch auf der Verpackung und liest ihn konzentriert.

Obwohl ich die Duplos achtsam am Morgen ausgewählt habe, habe ich wieder vergessen, dass darauf diese Sprüche sind. Ist es der Morgen, meine Müdigkeit oder das Alter, das mich so vergesslich macht?! Ich versuche natürlich zu schauen, was dort steht, kann es jedoch nicht sehen. Es sollte nichts Peinliches sein, höchstens amüsant und vielleicht kurzweilig lustig.

»Ich muss wissen«, sagt sie, »wohin wir fahren, sonst kann ich das nicht ausfüllen.«

Aha, Lisa ist eine von der lustigen Sorte. Eigentlich weiß ich das, aber an diesem trägen Morgen schafft mein Kopf es nicht, die Gedanken zur richtigen Zeit an den richtigen Ort zu senden. Immerhin schafft es diese Schlussfolgerung: Es ist das Duplo mit dem Spruch »Willst Du Mit Mir Fahren? Ja, Nein, Vielleicht«. Diese überraschende Ablenkung tut mir gut und ich denke nicht mehr an den Löffel.

Doch bevor ich antworten kann, kommt von der Kollegin links von mir ein oh, wie nett von dir und ich bin mir nicht sicher, ob es ernst gemeint oder ironisch ist. Vielleicht mag sie Gesten wie diese nicht oder sie hätte auch gerne ein Duplo. Doch statt ein weiteres Duplo aus meiner Tasche wie ein Kaninchen nach dem anderen aus einem Hut zu zaubern, antworte ich ihr statt Lisa.

»Ich weiß«, sage ich bescheiden, »ab jetzt werde ich immer, wenn ich ein Kompliment bekomme, diese Person belohnen.«

In diesem Moment finde ich mich nicht nur nett, sondern auch geistreich und raffiniert, denn ich deute eine positive Konditionierung an, was eigentlich nicht so nett ist, aber wer ist schon perfekt!

Das Meeting endet ein paar Minuten früher als angesetzt. An meinem Arbeitsplatz nehme ich die übrigen Duplos heraus und lese mir die Sprüche durch. Längst habe ich vergessen, was darauf stand – das Alter und so. Auf einem der Riegel steht »Mit Dir Egal Wohin« – das!, rufe ich mir innerlich zu, ist die Antwort auf Lisas Frage wohin.

Jetzt muss ich mir nur überlegen, wie ich diesen Riegel ins Spiel bringe. Man muss sich ja trotz der vielen Arbeit irgendwie bei Laune halten!

Und plötzlich fällt es mir ein!

Überraschung!

Lisa sitzt neuerdings im Büro mit Hazel, also der Entdeckerin des Spruchs auf meinem ersten Duplo Ende letzten Jahres. Ich stehe auf und gehe los, denn es bleibt nur noch ein kleines Zeitfenster von unserem früher endenden Cross-Meeting bis zum nächsten Meeting übrig und beide Damen haben noch weniger Zeit als ich.

Ich sehe durch die Fenster beide im Büro. Ich klopfe an und gehe auf Hazel zu, die steht und mit Lisa über ihren Monitor hinwegredet.

»Hier«, sage ich und überreiche ihr das Duplo, »zeig das gleich Lisa. Das ist eine Antwort auf ihren Riegel.«

Zwei blonde Köpfe drehen sich abrupt zu mir, so dass die Haare auf dem Kopf kaum mitkommen und eine Welle schlagen. Toll, ich konnte beide überraschen. Aber dann schnellen Hazel Augenbrauen hoch und während sie die Arme verschränkt, setzt sie ihr Bein auf ihren Drehstuhl auf als wäre sie Captain Morgan. Die ist ja cool drauf.

»Aaa-ha.« Sie dehnt das Wort ein wenig aus, klimpert mit ihren Augen und versucht enttäuscht und empört zu klingen. Eine beachtliche Leistung!

»So ist das also«, sagt sie und legt eine kunstvolle Pause ein. Jetzt klingt es vorwurfsvoll und sie blickt mich direkt an.

Lisa schaut auch gespannt.

Eben noch cool und jetzt der Dumme. Frauen haben dieses unglaubliche Talent, uns Männer in jeder Situation ziemlich dumm dastehen zu lassen. Darauf bin ich nicht vorbereitet. Da komme ich mit einem kleinen Geschenk voller guter Absichten und werde heimtückisch aus dem Hinterhalt überwältigt!

»Öääääahmmmm…« Jetzt bin ich an der Reihe mit gedehnten Worten. Doch helfen tun sie nicht.

»Ich dachte«, sagt Hazel, weil ich noch immer nicht ihre unterschwellige Frage beantwortet habe, »du würdest mir einfach so etwas schenken.« Ihre Augen weiten sich und sie versucht wie ein trauriges oder verletztes Reh zu schauen. Würde ihr Bein nicht noch immer auf dem Stuhl ruhen, hätte es funktionieren können, denn sie hatte mich eben ins Schleudern gebracht – aber das versuche ich mir nicht anmerken zu lassen. So sind wir Männer. Alles im Griff.

»Es hat zwei Funktionen.« Ich versuche mich zu fangen und klinge jetzt selbstsicher.

»Die 1ste gilt dir«, nicke ich mir zustimmend zu, »und die 2te als lustige Antwort auf Lisas Riegel.« Wenn man etwas Eigenes als lustig bezeichnet, dann ist es nie lustig. Da muss ich mehr aufwarten. Mensch, immer diese Ansprüche.

»Ihr Riegel und dein Riegel«, meine Hände formen einen großen Kreis oder ein kaputtes Herz, »sind eine Einheit und verbinden euch miteinander.«

Ich schaue zu ihr und dann zu Lisa.

Mann, das war wieder was! Plötzlich finde ich mich wieder geistreich und schlagfertig. Ich zwinkere gönnerhaft. Hazel lächelt und es könnte bedeuten, dass ich gerade die Kurve gekriegt habe oder dass ich ihr keinen vom Pferd erzählen soll.

Ich gehe, sicher ist sicher, und lasse sie mit den beiden Riegeln alleine.

Ich weiß nicht, ob sie sich nachher beide Riegel angeschaut haben. Das ist nicht so wichtig. Ich fand die Aktion sehr lustig. Ich verteile gerne Süßigkeiten. Auch an Männer. Bei denen ist es jedoch nie so ereignisreich und mit überraschenden Wendungen verbunden. Da sind Riegel einfach Riegel, Hauptsache kostenlos. Die Hauptsache ist, es macht Spaß und hält mich zudem davon ab, selbst viel zu viel zu naschen. Also hat es für mich mindestens zwei Funktionen in einer;-) Und…, wer hätte ahnen können, dass das Meeting, zu dem ich eigentlich nicht gehen wollte, zur Verkettung solcher Ereignisse führen würde, nur weil eine – Pardon – zwei Pralinen im Spiel waren. Also, wo immer du auch hingehst, nimm immer kleine (und süße) Aufmerksamkeiten mit!

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