Schlagwort: Frauen
Ich nenne sie immer Miss Nacktmull oder in gesteigerter Form »Schönste aller Nacktmulls«. Um sie zu ärgern. Andere würden sagen, es ist Necken, aber was wissen die schon.
Wenn sie ungeschminkt ist und wir miteinander reden, sagt sie, sie sähe aus wie ein Nacktmull. J-e-d-e-s Mal. Keine Ahnung, warum. Und ja, sie ist nicht unattraktiv. Unsere Interaktion ist jedoch komplett professionell. Ihr Aussehen spielt für mich im Grunde keine Rolle. Ich ärgere gerne Menschen. Würde ich die Unattraktiven ausschließen, hätte ich weniger als halb so viel Spaß.
Jedes Mal sage ich zu ihr, sie solle das Wort »Nackt« nicht erwähnen. Bei uns Männern könnte es ein falsches Bild in unserem einfältigen Kopf heraufbeschwören, bei dem der Teil des Wortes mit dem Mull auf banalste Weise verloren ginge und nur die Nacktheit bliebe. Ihre.
Gleichsam wie durch einen Kuss aus ihrem Dornröschenschlaf aufgeweckt, bemerkten einige meiner »Kontakte« auf WhatsApp einen eingebildeten bitteren Geschmack in ihrem Mund. Vielleicht hätte ich zuerst eine Zahnbürste oder gleich eine Badewanne reichen sollen (was viel zu selten in Märchen geschah – es ist doch erstaunlich, wie bezaubernd die angehenden Prinzessinnen aus ihrem langen Schlaf erwachen). Aber das hier war kein Märchen, sondern die reale Welt, wo Menschen nicht gerne aufgeweckt werden (der Wecker singt jeden Arbeitstag sein Lied davon).
Der Weckruf erreichte einen Teil meiner »Kontakte« in Form eines überraschend verschwindenden Profilbilds. Mein charismatisches Gesicht wurde durch einen grauen Kreis mit weißem Kopf ersetzt. Ich hatte meine WhatsApp Einstellungen geändert und teilweise sie gelöscht. Im ersten Moment muss das ein Schock gewesen sein, sonst hätte ich nicht emotional aufgeladene Nachrichten bekommen.
Bielefeld heute. Die Sonne lächelt in den frischen Tag hinein.
Ich blicke aus dem Fenster in den Morgen, während ich mich gerade auf einem Crosstrainer beim Fitness aufwärme. Der andere Arm zurück. Überkreuzt die Beine. Und wiederholen. Morgens bin ich so geschmeidig wie ein tiefgefrorenes Huhn. Dann muss ich mich durch Bewegung langsam auftauen und auseinanderfalten.
Am liebsten würde ich mich in eine Mikrowelle legen und mich ein paar Runden kross drehen. Leider geht das nicht, weil ich höchstwahrscheinlich dabei einschlafen würde. Also muss ich mich mit dem Crosstrainer begnügen. Laufband wäre zu hart. Ich werde halt alt. Schon die ganze Zeit. Früher fand ich diesen Satz schlimm. Jetzt halte ich daran so lange es geht fest, denn am Ende bin ich einfach nur alt.
Egal, dann dauert das Warm-Up halt länger.
Und das ist gar nicht so schlimm. Morgens gleicht das Fitnessstudio einem kleinen, geheimen Club, in das sich nur wenige Verlaufen. Daher mag ich die Ruhe, die unverbrauchte Luft und den maximalen Abstand zu den anderen Fitnessen (sagt man das so?).
Also weiter mit den Armen schwingen. Schwubb, schwubb, schwubb. Als sei dies ein Lockruf, nähern sich zwei Damen und – wie soll es anders sein – steigen auf die Geräte neben mir. Natürlich darf ich das nicht überbewerten, nur weil nahezu alle Geräte frei sind. So süß bin ich dann doch nicht.
Während der betrübte Himmel über Bielefeld weint, toben woanders Shitstorms: Eins über Lidl und ein anderes über Lindner. Sie haben eins gemeinsam: falsche Bilder.
Mittendrin: die Bibi mit ihrem pink glitzernden BeautyPalace, Big Data am Rande des DSGVO und einem etwas seltsamen Dank an die Mütter.
Und damit geht mein Wochenrückblick los. Here we go.
