Cool Down für Egos

Jessy / Wintertime by ikopix

Schwubb, schwubb, schwubb.

Zartes Rosa schwingt sich in elliptischen Bahnen auf dem Crosstrainer. Wirbelt schwungvoll die Luft durcheinander. Die blonde Pagenfrisur darüber schießt nach oben und poppt auf ihrem Weg nach unten wie eine Qualle auf. Bevor die Haare auf dem Kopf der jungen Frau landen können, stößt sie ihr Kopf wieder in die Weite des Raums.

Schwupp, schwupp, wusch.

Von diesem Anblick wäre ich fasziniert, würde sie sich nicht direkt neben meinem Stammgerät aufwärmen. Ich bin mit meinem Training fertig und will mich abkühlen.

Cool Down, das entspannte Herunterfahren des Körpers nach einem knallharten und hoch-effektiven Training. Bei mir bedeutet das meistens: Ich habe so schlecht oder lasch trainiert, dass ich wegen eines schlechten Gewissens unfreiwillig mein Training ausdehne.

Während ich mich majestätisch langsam auf die Crosstrainer zubewege, arbeitet sie sich am Gerät ab wie ein Duracell Hase auf Speed. Natürlich könnte ich einen anderen Crosstrainer nehmen, der weiter weg von ihr steht, aber da bin ich zu sehr Sheldon Cooper. Außerdem habe ich Kopfhörer, und sie sieht nett aus – ohne Brille sehe ich wunderschöne Farben ohne störende Details (etwas mehr Kurzsichtigkeit statt Alkohol für alle!).

Schwubs. Ich schwinge mich lässig und ohne einen Blick zurück auf den Crosstrainer direkt neben ihr. Lege mein schwarzes Handtuch fein drapiert darauf ab. Wähle ein raffiniertes Cool Down Programm aus, das auf meine Bedürfnisse und Können abgestimmt ist (kraftvolles Nachlassen) als plötzlich etwas durch die Peripherie meines Blickes huscht.

Ein kahlköpfiger Mann in grauem Dress bewegt sich gefährlich nah an die Pastell-Frau heran. Sagt ihr etwas. Sie jedoch schaufelt wie besessen weiter. Kann sie in diesem Zustand etwas verstehen? Warum quatscht er sie jetzt an? (Und warum frage ich mich das?!)

Es gleicht einem Wunder, dass er noch stehen kann und keine von ihr ausgehenden Turbulenzen ihn erfasst haben. Vielleicht produziert er gerade selbst Luft, denke ich mir und mir schmeichelt der Gedanke, ich könnte der Grund für seine Aktion sein. Was es auch ist, die Moleküle in der Luft bekommen einen Extradreh.

Ich tippe mein Gewicht ein. Wie viel wiege ich? Ich erinnere mich nicht mal daran, wann ich mich zulegt gewogen habe. Wieder schweifen meine Gedanken seitwärts ab. Dann, sage ich mir, handelt er aus einer unterlegenen Position. Ein cooler Typ würde an seinem Gerät weiter trainieren. Ich überlege kurz, im Menü nach einem weiteren Programm für Coolness zu suchen.

Programm Start. Mein Arm schiebt den mit Schaum gepolsterten Griff nach vorne.

Der Mann geht wieder zu seinem Gerät.

Sie bewegt sich unverändert schnell.

Meine Bewegungen sind hingegen geschmeidig, also langsam und gemütlich. Nur die Musik, die aus meinen Kopfhörern dröhnt, passt nicht. Ich verlangsame mein Tempo – für den Blick eines Untrainierten sieht es wie Stehen aus – und hole mein Smartphone heraus. Nächster Song.

Eine abrupte Veränderung zieht meine Aufmerksamkeit wieder zur Seite. Sie hat aufgehört. Ich sehe sie absteigen, zu ihrem Typen eilen und energisch wieder zurückkommen.

Ihre Haare verdecken ihr Gesicht. Als sie sich vor mir befindet, schwingt sie mit einem Ruck ihren Kopf zur Seite und wirft die Haare aus dem Gesicht. In diesem kurzen Moment blickt sie mir direkt in die Augen.

War das keck, aufreizend, verführerisch oder wollte sie mich töten?

Ja, will ich ihr zurufen, ich habe es genau gesehen. Du hast dein Gerät nicht sauber gemacht!

Ihre Haare fallen wieder zurück.

Ich gehe in meine Playlist und wähle das richtige Lied für diesen romantisch angehauchten Cool Down aus: Maroon 5 – Cold.

photo credit: ikopix Jessy / Wintertime via photopin (license)


3 Gedanken zu “Cool Down für Egos

    Reposts

    • Hakan von C

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