Die schönste Miss Nacktmull

Ich nenne sie immer Miss Nacktmull oder in gesteigerter Form »Schönste aller Nacktmulls«. Um sie zu ärgern. Andere würden sagen, es ist Necken, aber was wissen die schon.

Wenn sie ungeschminkt ist und wir miteinander reden, sagt sie, sie sähe aus wie ein Nacktmull. J-e-d-e-s Mal. Keine Ahnung, warum. Und ja, sie ist nicht unattraktiv. Unsere Interaktion ist jedoch komplett professionell. Ihr Aussehen spielt für mich im Grunde keine Rolle. Ich ärgere gerne Menschen. Würde ich die Unattraktiven ausschließen, hätte ich weniger als halb so viel Spaß.

Jedes Mal sage ich zu ihr, sie solle das Wort »Nackt« nicht erwähnen. Bei uns Männern könnte es ein falsches Bild in unserem einfältigen Kopf heraufbeschwören, bei dem der Teil des Wortes mit dem Mull auf banalste Weise verloren ginge und nur die Nacktheit bliebe. Ihre.

Nackter rosa Elefant

Es ist so ähnlich wie dieser »Denk nicht an einen rosa Elefanten« Satz, in dem das »Nicht« auf wundersame Weise verschwindet, weil das Gehirn diese Negation langsamer verarbeitet als den Rest. Und während sich das Nicht auf den Weg macht, da ist es bereits passiert. Der rosa Elefant ist da und ein Wegdenken funktioniert nicht mehr.

Und im Falle von »Nackt«, was zieht man der Frau im Geiste an, wenn sich plötzlich ein »Nicht« dazwischen meldet? In modischen Dingsbums sind wir Männer nicht immer en vogue. Eine von mir ausgedachte Forsa Umfrage bestätigt, dass 90% der befragten Männer auf die Frage »Was hatte die Frau an« mit »etwas Pinkes« antworteten.

Was also das Wort »Nackt« aus dem Munde einer Frau betrifft, paart es sich zu übereifrig zu etwas anderem. Im Kopf. Mancher Männer. So sind halt einige Männer, leider. Ich, natürlich nicht.

Verwirrendes Spiel mit Worten

Aber sie scheint es nicht zu stören.

Ich sehe ein leichtes Schmunzeln über ihr Gesicht huschen und es scheint sich zu einem wiederholenden, amüsanten Spiel zu entwickeln, zumindest bilde ich mir das ein, denn ich bin ja besser als die schlechten Männer. Wie gesagt, das spielt hier keine Rolle.

Vielleicht mag sie einfach die Vorstellung, in dem Kopf eines Mannes durch ein simples Wort für Verwirrung und Unsicherheit zu sorgen – solange ihr Gegenüber nicht aufdringlich wird oder gar ein Perverser ist.

Vielleicht krönt sie sich gegenüber anderen, mit denen sie ungeschminkt redet, ebenso zur Miss Nacktmull. Worauf ihre Freundinnen vermutlich erwidern, nein, du siehst toll aus! Und wäre eine Neiderin darunter, könnte sie sich insgeheim denken, nein, du bist hässlicher. Freundinnen, habe ich gehört, sind manchmal die besten Feindinnen – und das habe ich mir nicht ausgedacht. Hollywood-Filme.

Die Schönheit von Nacktmulls

Wer je einen Nacktmull gesehen hat, weiß, dazu bräuchte es übermenschlich viel, den Nacktmull in dieser Kategorie zu schlagen.

Natürlich nur aus menschlicher Wertung, denn aus der Sicht der Nacktmulls sind wir die grottenhässlichen Geschöpfe auf der Welt. Nicht, dass Nacktmulls alles auf der Welt gesehen hätten, nein, sie treffen halt häufig auf Menschen auf Selfie.

Dieses Hässliche des Menschen erscheint ihnen dann so groß, dass sie sich nichts Hässlicheres vorstellen können. Warum sonst, denkt sich der Nacktmull, verhüllen wir Menschen unseren Körper und schminken unsere Gesichter.

Daher ist Miss Nacktmull, ungeschminkt wie sie ist, eine der Schöneren unter den hässlichen Menschen. Aus dem Blickwinkel von Nacktmulls natürlich. Für mich bleibt sie die Schönste aller Nacktmulls. Und vielleicht arbeitet das weibliche Gehirn auch so ähnlich wie das Männliche, und bei ihnen erstrahlt das Wort »Schönste« so stark, dass alle anderen Worte daneben verblassen. Also wie »Nackt« nur in »Schön«. Gefällt mir auch besser.

— ENDE —

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