Angepisst

Mittwoch, 27.02.19. Gütersloh.

Eigentlich gehöre ich nicht auf die Verteilerliste dieser Email. Aber ich weiß, wieso ich auf ihr gelandet bin und daher diese unschöne Mail heute Morgen in meinem Postfach auftaucht.

Ich leitete meinen Beraterkollegen meine Mail weiter, damit er die Informationen daraus für seine Anfrage bei den Systemadmins nutzen konnte. Das tat er auch, lies jedoch meine komplette Mail darin. So entnahm der Admin alle seiner Ansicht relevanten Teilnehmer aus beiden Teilen der gestern bei ihm eingetrudelten Mail. Setzte damit eine Mail auf, in der er neben seinem Hauptanliegen eine weitere Botschaft kodierte aus jeder Empfänger schnörkellos herauslesen kann, wie angepisst er ist.

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Auf eine Reise gehen

Freitag, 22.02.19. Bielefeld.

»Hallo Herr …, wie geht es ihnen?« Ich grüße den Rentner.

»Hallo«, er lächelt und schaut freundlich wie immer und doch ist da ein Zögern, »Herr Civelek«.

Die Worte gehen ihm schwer von den Lippen und fast droht seine Stimme zu kippen.

Dann schweigen wir uns an.

Nicht sehr lange, doch lang genug, um die Traurigkeit dahinter zu entdecken. Ich habe das Gefühl, er möchte mir etwas sagen.

Und dann wird es mir bewusst.

»Ihre Mutter ist verstorben?!«

Die Plötzlichkeit, mit der ich diese Worte ausspreche, überrascht mich selbst.

»Ja.«

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Ein Haus ohne Türen

Donnerstag, 14.02.19. Bielefeld.

Nach ein paar Tagen nasskaltem Wetters scheint die Sonne als hätte sie vergessen, dass wir noch keinen Sommer haben. Vielleicht waren es auch nur romantische Frühlingsgefühle. Der Grund ist mir egal. Heute hatte ich zu wenig auf der Arbeit zu tun. Das Gute an einem ungeplanten Leerlauf auf dem Kundenprojekt ist der unerwartet frühe Feierabend.

Der falsche Sommer ist mild genug, dass ich seit langem wieder ans Laufen denke. In diesem Jahr bin ich bisher nicht gejoggt.

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Mit Tinder über Gesichter wischen

Ein junger Mann, groß und schlank, steht lässig vor mir. Hält sein Smartphone locker in seiner linken Hand und wischt darüber mit seinem rechten Zeigefinger, als würde er gönnerhaft virtuelle Scheine auf dem Büroflur verteilen. Über ihm leuchtet ein grünes Notausgang Schild mit einem Pfeil rechts. Das Szenario wirkt surreal auf mich. Sein Smartphone hätte ebenso ein Colt in einem Western sein können, mit ihm als aus der Hüfte schießendem Cowboy. Das hätte mich nicht mehr irritiert.

In dieser triumphierenden Pose zeigt er mir seine Tinder-App. Man könnte meinen, er hätte etwas entdeckt und etwas Besonderes geleistet, als sei er ein Held in einem selbst inszenierten Film – vielleicht doch kein Western, eher ein Film über Eroberungen. Und ich habe das eigenartige Vergnügen, diesem jemand, der für mich in Wirklichkeit ein niemand ist, denn ich kenne ihn nicht, dabei zuschauen zu müssen.

Das habe ich häufiger, diese unfreiwilligen Begegnungen einseitiger Natur mit Menschen, mit denen ich nicht rede. Ich habe dazu seit längerem eine Theorie: Mein Gesicht spricht eine mir unbekannte Einladung gegenüber nervigen Menschen aus. Meine geheime Superkraft.

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Kratzer auf der Oberfläche

Donnerstag, 13.12.18. Bielefeld. Es ist zu früh, zu dunkel, zu kalt und eine dünne, weiße Eisschicht bedeckt die Windschutzscheibe meines Mietwagens, als würde es noch schlummern. Natürlich finde ich im Wagen keinen Eiskratzer. Stattdessen benutze ich die Hülle meines Kundenausweises. Es klappt, wird sich aber nicht dursetzen. Ich hätte also ahnen können, dass der Tag nicht so toll gewesen sein wird, hätte ich die Zeichen deuten können. Aber wie hätte ich das, wenn der Tag wie jeder andere ist?!

»Die Farbe des Autos: rot.«

Ich runzle die Stirn, während der Polizeibeamte auf der Wache das Wort »rot« in schnörkelloser Schrift in seine Notizen für meine Anzeige kritzelt.

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