Social Distancing und menschliche Gesten

Freitag, 03.04.20. Bielefeld.

Da glaubst du, du hast das Trauma deiner Generation an der Tür gescheiterter Ausländer längst überwunden – oder einfach für immer hinter dir gelassen –, dann passiert das!

Schlanker Mann mit Cappy. Steht sicher und unverrückbar an dem Eingang. Davor eine kleine aufgebrachte Menschenmenge. Mal diskutierend, mal ratlos und unkoordiniert herumlaufend.

Ich denke mir nichts dabei. Gehe an ihnen vorbei und plötzlich hält mich der Mann an. Ich könne so nicht hinein.

Nur weil ich Turnschuhe trage?!

Beinahe erliege ich der Empörung, reflexartig »Ich bin Stammkunde!« auszurufen, kann mich jedoch noch rechtzeitig ausbremsen. Ich stehe vor dem Eingang der Supermarktkette Real und nicht an der Tür einer Disco.

Ich schaue den Mann irritiert und fragend an, der eher einem Hausdetektiv statt einem Türsteher gleicht.

Der umfunktionierte Türsteher sieht meinen nach Erklärung suchenden Blick und zeigt freundlich auf den Aufsteller, an dem keine Werbung, sondern ein Hinweistext aufgedruckt ist: Einlass nur mit einem Einkaufswagen.

Das gilt auch für Paare.

Aber was ist mit Kindern?

Ich kann nichts für meine Gedanken. Die poppen einfach in meinem Kopf auf und verdrängen alles andere, dabei habe ich keine Kinder. Das einzige, was ich über die Jahre gelernt habe, ist, sie nicht sofort laut auszusprechen, die Gedanken. Und das klappt einigermaßen gut. Das lernt man schnell, wenn Türsteher darauf warten, dass man ein falsches Wort – oder irgendein Wort – sagt.

Hast du mal ‘nen Euro?

Dann fällt mir doch noch etwas Wichtiges ein – ich habe keinen Euro für den Einkaufswagen.

»Ich habe kein Euro-Stück. Könnt ihr wechseln?«

Ich gehe davon aus, dass sie damit rechnen, Kunden ohne Geld für den Einkaufswagen anzutreffen. Viele sind auch wegen der Coronakrise auf bargeldloses Zahlen umgestiegen, um jeden Kontakt zu vermeiden.

Er greift in seine Hosentasche und ich höre Geld klimpern. Dann hält er eine Ein-Euro-Münze vor mein Gesicht und hebt zur Untermauerung seiner folgenden Geste den Finger der anderen Hand.

»Heute nur für dich!«

Meine Augenbrauen ziehen sich verwundert an der Stelle zusammen, wo einst Haare wuchsen, die aber durch das ständige Wegzupfen in meiner Jugend nie wiedergekehrt sind.

Für mich? Oh wow! Ich bin mir nicht sicher, ob es eine nette oder keine nette Geste ist. Irgendwie muss ich wohl ein vertrauensvolles Gesicht haben oder vielleicht ist er tatsächlich im echten Leben der Hausdetektiv und kennt mich aus zahllosen Beobachtungen, die frei von jeglichem Fehlverhaltens sind. Ich selbst würde meinem Gesicht nicht trauen, aber vielleicht hat er eine bessere Menschenkenntnis als ich. Oder, da machen meine Gedanken wieder keinen Halt, sein Arbeitgeber hat ihn mit Euros ausgestattet basierend auf einer einfachen Kosten-Nutzen-Rechnung.

Gedanken sind Gedanken, und man muss nicht alles bis zum Schlechten zerdenken. Er hat es jedenfalls charmant verkauft.

Ich wünschte, in meiner Vor-der-Tür-Steher-Zeit hätte es Türsteher wie ihn gegeben. Türsteher, die mir Geld geben, nur weil ich ihren Laden betrete. Das wäre doch the next step, nachdem die Discos kostenlosen Eintritt gewährten, weil die Kundschaft ausblieb oder vor der Tür zu saufen begann.

Die drei Funktionen des Einkaufswagens

Während des Einkaufes sehe ich die anderen Kunden mit ihren Einkaufwagen. Paare, die nebeneinander mit jeweils separaten Wagen einkaufen. Sieht eigenartig aus. Dann andere, wie sie in den Gängen warten, um andere mit dem Wagen vorbei zu lassen, als seien die Gänge zu eng. An den Kassen stehen wir alle dank der Einkaufswagen in gebührendem Abstand.

Und während des Wartens an der Selbstbedienungskasse denke ich mir, dass das gar keine so schlechte Idee ist, jedem einen Einkaufswagen aufzuzwingen. Drei wichtige Funktionen fallen mir ein:

  • Abstand zu anderen erzwingen
  • Anzahl der Personen im Laden durch die Anzahl der zur Verfügung stehenden Einkaufswagen kontrollieren
  • Hamsterkäufe durch Einsicht in den Einkaufswagen verhindern

Gegenseitigkeitsprinzip

Als ich auf dem Weg nach draußen bin, sehe ich, dass der Ausgang, den ich sonst immer nutze, auch nicht als Ausgang genutzt werden kann. Ich muss also dort hinaus wo ich rein bin.

Draußen hole ich die Euromünze aus dem Einkaufswagen und überlege, die ein Packung Toffifee aus meiner Doppelpackung dem »Türsteher« als kleines Dankeschön zu geben. Doch als ich den Euro übergebe und danach ihm die Packung überreichen will, hebt er beide Hände und lehnt ab. Ich solle es meinen Kindern schenken. Dass ich keine Kinder habe, ändert nichts an seiner Meinung.

Auf dem Weg nach Hause fällt mir das »Gegenseitigkeitsprinzip« aus der Werbepsychologie ein. Das Gegenseitigkeitsprinzip basiert auf dem Wunsch eines Menschen, bei sozialen Interaktionen ein ausgeglichenes Verhältnis zu schaffen, um nicht in der Schuld des anderen zu stehen. Dabei übertrifft die Gegenleistung meistens die ursprünglich erhaltene Leistung.

Gut, dass er das Geschenk nicht angenommen hat, denke ich mir. Das zeigt, dass er Format hat und ein Profi ist. Und vielleicht ist es doch mitunter eine nette Geste von ihm gewesen, mir den Euro auszuleihen. Zumindest widerspricht jetzt nichts dieser Interpretation…