Auf der Suche nach dem Prickeln in der Flasche

Ich gebe es zu, warum sollte ich auch jemandem etwas vormachen, ich kann Wasser ohne Kohlensäure nicht trinken. Klingt banal, aber wäre ich darauf angewiesen, würde ich nicht überleben, denn ich finde stilles Wasser so langweilig, dass ich beim ersten Schluck sofort einschlafen und am Ende verdursten würde.

Damit kommt das Trinken von Wasser aus der Leitung für mich nicht in Frage. Also blieb mir nichts anderes übrig, Mineralwasser in Flaschen zu kaufen.

Ich kaufte und kaufte und wurde zum Flaschensammler, bis ich mich eines Tages dazu durchringen musste, das gesammelte Pfand einzulösen. Was mich zu meinem nächsten Problem führte: den Automaten. Maschinen vor denen du dich einreihen und dich ihrem Willen unterwerfen musst. Und jedes Mal fragte ich mich, dient die Maschine mir oder bediene ich die Maschine?!

Das ständige Gejammer über die leeren Flaschen und dem anfallartigen Fluchen vor den Pfandautomat mit dem kaputten Prozess, dessen unfreiwilliger Teil ich wurde, ging mir irgendwann auf den Geist, weil es mein Problem nicht löste. Kurzerhand kaufte ich einen Wassersprudler von SodaStream. Endlich begann das Wasser bei mir zu Hause zu sprudeln und prickeln.

Und dann, nach langer Zeit, daher unerwartet, aber erwartbar, geschah Folgendes: Der Kohlensäure im CO2-Zylinder ging die Puste aus. Kein Blubbern, kein Zischen und Prickeln mehr.

Kein Problem! Ich nahm den Zylinder heraus und ging zum Real,-, also dorthin, wo ich den SodaStream gekauft hatte. Und dann passierte das Unerwartete – ich bekam keinen vollen Zylinder.

Die Irritation

Montag, 03.02.20. Bielefeld.

Meine Suche nach einem neuen CO2-Zylinder begann – wen wunderts? –  an einem Montag. Montage sind bekanntlich unheilvolle Tage, denn sie sind am weitesten vom Wochenende entfernt, wenn man in die Zukunft schaut (im Rückblick stehen sie mit dem Rücken an dem Sonntag, aber wen interessiert das?!).

Es ist um 16 Uhr herum, als ich die leere Druckflasche aus meinem SodaStream hole. Von der Arbeit blieb nichts übrig außer der lustigen Erinnerung an ein Curry-Wurst mit Pommes Wochenende einer Kollegin. Ich gehe also unbelastet und mit einem Schmunzeln im Gesicht zum Real,-.

Doch kaum sieht mich die Dame an der Information mit dem Zylinder in der Hand, schüttelt sie mit heruntergezogenen Mundwinkeln den Kopf.

Meine Augenbrauen schnellen hoch und halten meine Mundwinkel noch oben, was dazu führt, dass meine Augen aufgerissen werden – ich muss aussehen wie Sheldon Cooper beim Versuch zu lächeln, also irgendwie irre und gestört.

Doch die Dame hinter der Informationstheke bleibt davon unbeeindruckt.

»Wir haben leider keine Flaschen mehr da. Sie müssen am Donnerstag wiederkommen.«

Sie blickt ein wenig traurig.

»Am Donnerstag?«

Ich mache eine Pause, um selbst zu verstehen, was ich da sage.

»In drei Tagen?«

Wieder mache ich eine Pause. Rechnen ohne Rechner braucht halt seine Zeit.

»Ich werde also vier Tage lang kein Wasser mehr aus meinem SodaStream haben?«

Allmählich begreife ich die Bedeutung der Zahlen, die eben aus meinem Mund gepurzelt sind. Meine Mundwinkel senken sich langsam ab. Meine Augenbrauen folgen ihnen nicht. Diese Asynchronität und Asymmetrie deuten meine mimischen Fähigkeiten bescheiden an, doch die Dame, noch immer traurig schauend – oder doch nur mitleidig? – lässt sich immer noch nicht von dieser kleinen physiognomischen Glanzleistung beeindrucken.

»Am Samstag«, sagt sie im gleichen Tonfall und Rhythmus, »bekamen wir ein paar Flaschen, die waren innerhalb weniger Stunden weg.«

Ich bin mir nicht sicher, ob sie mich trösten will oder nur irgendetwas sagen.

»Das heißt«, sage ich diesmal direkt zu ihr, »ich soll am Donnerstag wiederkommen und habe solange kein Wasser und dann sagen Sie mir noch, dass ich, wenn ich Pech habe, keinen vollen Zylinder erhalte?«

Keine Antwort. Nur Blicke.

Ich stehe und warte mit der leeren Flasche in der Hand und komme mir – doof vor, während jetzt auch meine Augenbrauen nach unten herabsinken und meine Augen wieder auf Normalgröße schließen.

Es vergehen Sekunden. Wer hält länger die Stille aus?

»Jetzt muss ich mir also zur Überbrückung Wasserflaschen kaufen?«

Blicke, die sich immer noch anschauen.

Wieder keine Antwort.

Ich wackle fragend den Kopf. Irgendwie fühle ich mich vor den Kopf gestoßen.

»Konterkariert das nicht die Idee von SodaStream?«

Wieder keine Antwort und dann doch.

»Es gibt Lieferengpässe.« Kurz. Knapp. Punkt.

Lieeee-feeeer-eeengpässe? Ich dehne jede Silbe im Geiste aus. Beim wem? Wieder so eine Antwort, die mir nicht weiterhilft, aber jetzt beginne ich mich zu ärgern.

»Wenn Sie mit der Nachfrage an Zylindern nicht nachkommen, wieso verkaufen Sie dann diese Geräte?«

Wieder keine Antwort. Aber das ist ok. Schon längst sind es Fragen, die keiner Antwort bedürfen.

Ich packe den leeren Zylinder wieder in meinen Beutel und gehe Mineralwasser mit Kohlensäure einkaufen (ich glaube, Schokolade und andere kleine Sünden haben es irgendwie auch in meinen Einkauf geschafft).

Die Enttäuschung

Donnerstag, 06.02.20. Bielefeld.

Ich habe heute frei und morgen auch, Resturlaub (=Urlaub vom Vorjahr). Da auch die Sonne scheint, sind das gute Voraussetzungen für gute Laune (außerdem erwarte ich meinen neuen Teppich).

Heute ist aber auch der Tag, an dem die vollen CO2-Zylinder beim Real,- ankommen sollen. Damit mir niemand welche wegschnappt, gehe ich recht früh hin.

Die Dame hinter der Informationstheke, diesmal eine andere, reagiert ähnlich als meinen leeren Zylinder aus dem Einkaufsbeutel hole.

»Tut mir leid«, sagt sie, »wir haben leider noch keine neuen Flaschen bekommen.«

»Ok«, sage ich und lächle, denn ich habe es geahnt, denn ich hatte am Montag Mineralwasser für fünf bis sechs Tage gekauft. Einen weiteren Versuch werde ich hier nicht mehr unternehmen.

Die Suche und das wiedergefundene Prickeln

Freitag, 07.02.20. Bielefeld.

Bevor ich in die Stadt gehe, erkundige ich mich im Internet, wo ich meinen leeren CO2-Zylinder gegen eine volle austauschen kann: bei ROSSMANN.

Ich gebe der Dame an der Kasse den Zylinder. Sie nimmt es entgegen, legt es nach unten und holt eine verpackte, neue Flasche. Ich sehe noch, dass sie dort unten weitere volle Flaschen hat.

So einfach geht das.

Zu Hause wieder eingesetzt beginnt das bekannte und lang erwartete Zischen mit anschließendem Prickeln in der Glaskaraffe.

Jetzt bleiben noch die bald leeren Mineralwasserflaschen übrig bis ich sie zur widerspenstigen Fütterung des Pfandautomaten mitnehme. Das wird noch länger dauern…

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