Rufbereitschaft – 2ter Teil

Sonntag, 10.11.19. Bielefeld.

Mit der Hoffnung ist es ja immer so einer Sache und seitdem ich gestern in meiner Rufbereitschaft (also Teil 1 dieser Geschichte) wegen einer Banalität angerufen wurde, hegte ich begründete Hoffnung, dass es heute zu keinem Problem kommen würde.

Doch für jemanden, der mal auf Twitter mit düster Vorahnung  schrieb „Hoffnung ist ein Ort in Sehnsucht gleich links neben den Träumen“, ist das seltsam, denn er – also in diesem Fall ich – hätte es besser wissen müssen.

Vor allem, wenn man bedenkt, dass Rufbereitschaft etwas von kognitiver Dissonanz hat. Also jenem ungemütlichen Gefühlszustand, der den Körper in unbehaglicher Grundstimmung hält und sich damit zu überreden versucht, dass es eigentlich gut für einen ist. Denn Rufbereitschaft ist Bezahltwerden ohne zu arbeiten, quasi Geld mit Nichtstun während der Freizeit verdienen. Eigentlich, so heißt es, wird man meistens nicht angerufen.

Anruf oder kein Anruf – das ist hier nicht die Frage

Aber wenn man auch nicht angerufen wird, dann hilft das einem auch nicht wirklich viel.

Wer mal eine Rufbereitschaft „freiwillig“ (man meldet sich freiwillig, weil man muss) machen durfte, merkt das schnell. Der Kopf, dieses verdammte, geniale Konstrukt, füllt sich schnell mit unlösbaren und belastenden Fragen und dreht sich dann im Kreis. Was passiert, wenn ich den Anruf verpasse? Was passiert, wenn ich das Problem nicht lösen kann? Was passiert, wenn dies oder das… All diese Was-Passiert-Fragen halten dich wachsam, im ungünstigsten Fall rauben sie dir den Schlaf.

Rufbereitschaft ist also nichts für schwache Nerven! Oder eben nur für abgebrühte Menschen, die sich sagen, ist mir doch egal, schauen wir mal, was passiert.

Entweder ist man so abgebrüht – sorry, meinte cool – von Natur aus oder man lernt es mit der Zeit. Und es ist keine steile Lernkurve.

Ich erlebe manchmal diesen Moment, wo ich plötzlich das Firmenhandy herauszerre, weil mir einfällt, dass ich Rufbereitschaft habe, und erleichtert aufatme, weil ich keinen Anruf verpasst habe. So schielst du unentwegt mit einem Auge auf dein Handy, um ja nicht einen Anruf zu verpassen. Und wenn es ganz schlimm läuft, sorgst du dich um den Empfang und suchst die Balken oben links auf dem Smartphone.

Ich könnte noch von dem eingeschränkten Bewegungsradius erzählen (hätte auch etwas von einer Fußfessel oder Hausarrest), denn im Falle eines Falles musst du an dein Firmennotebook und brauchst eine schnelle und stabile Internetleitung. Aber nach dieser langen und umständlichen Einleitung mache ich es kurz: Ich wurde heute zwischen Mittag und Nachmittag 3x angerufen!

Problemanalyse und keine Lösung

Es gibt, warum sollte ich sonst angerufen werden, Probleme auf dem Produktionssystem, obwohl dort keine sein dürften, denn seit gestern hatte sich – eigentlich – nichts auf dem System geändert. Woher kam also das Problem?

Gemeldet wurde es von unserem Testroboter, einem Testskript, das automatisch die wichtigen Prozesse in der Anwendung durchklickt (nennt sich „HP LoadRunner“). Eigentlich eine coole Sache.

Also forschten mein Kollege MG, einer von der SAP Basis und ich jeder auf seinem Gebiet nach dem Fehler. Den fand ich dann, konnte ihn jedoch nicht beheben, weil wir die Ursache nicht kennen. Aus unerklärlichen Gründen wurden zugeordnete Daten gelöscht. Warum das passierte, wissen wir nicht. Ebenso wenig welche Daten wieder zugeordnet werden müssten, um es zu korrigieren. Da gibt es nur einen einzigen Kollegen, der helfen kann, leider aber keine Rufbereitschaft hat. Dennoch versuchte MG sein Glück und rief ihn an. Ohne Erfolg – das Motto dieses Wochenendes unserer Rufbereitschaft (warum hätte er auch erreichbar sein sollen?!).

Resümee

Das Problem mit der IT ist, dass sie so komplex geworden ist, dass keiner von uns alleine wirklich etwas auf dem Gebiet eines anderen Kollegen lösen kann. Im Grunde müsste man eine Rufbereitschaft aus allen Experten der wichtigen Gebiete zusammenstellen, die für die Produktion wichtig sind. Dann allerdings würden fast ein Duzend Personen in der Rufbereitschaft sein.

Im Ergebnis schafften diese drei Anrufe, die mittags begannen und um 18 Uhr aufhörten, meinen gesamten Sonntag in die Tonne zu treten (ohne erkennbaren Erfolg für die Rufbereitschaft). Netto habe ich vielleicht drei bis vier Stunden am Notebook gearbeitet, aber es blockierte – bisher – mehr als sechs Stunden meines Tages, weil die Anrufe so über den Tag verteilt sind. Das ist doch @#!

Immerhin kann man jetzt sagen, unsere Mitarbeiter standen bereit und haben sich aktiv mit dem Problem befasst. Damit haben wir alles getan, was wir tun konnten.

Geld oder Freiheit

Natürlich gibt es einen finanziellen Ausgleich für die Arbeit außerhalb der Arbeitszeiten, aber dieser Ausgleich ist jetzt nicht so hoch, dass man sagen könnte, das lohnt sich. Für mich ist ein ruhiges Wochenende mehr Wert, als dass ich es für Geld aufgeben möchte. Glücklicherweise bin ich in der Situation, dass ich nicht auf dieses Extrageld angewiesen bin und dass wir Rufbereitschaften dieser Art nur ein bis zwei Mal im Jahr haben.

Das Ende

Es ist jetzt 19:29 und meine Rufbereitschaft geht noch bis 22 Uhr – besser gesagt: Sie endet um 22 Uhr. Das ist das Gute. Ich glaube, würde sie bis zum nächsten Morgen gehen, würde mich die Erwartung eines Anrufs bzw. die Sorge, einen Anruf zu verpassen, unruhig schlafen lassen. Mal schauen, ob und was noch in den verbleibenden zweieinhalb Stunden passieren wird…

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