Heute ist der Wurm drin

Samstag, 09.11.19. Bielefeld.

Du beißt in einen Apfel und schmeckst gleich mit dem ersten Bissen, dass du beim Waschen des Apfels diese kleine faule Stelle übersehen hast und der dich dann penetrant durch den ganzen Tag begleitet. So ein Tag ist heute.

Gleich morgens begrüßt mich, als wollte es mir etwas mitteilen, ein ekliger Schmerz, der sich durch einen Zahn nach links oben durch meinen Kiefer in meine Augenhöhle arbeitet und auf meine Schläfe ausstrahlt. Ich bin wach und der Tag kotzt mich bereits wunderbar an!

Aber jammern hilft nichts. Ich muss meine Mutter abholen, denn wir besuchen wieder meine Neffen und Nichte. Gleichzeitig habe ich ab 14 Uhr Rufbereitschaft. Wenn ich Pech habe – und das werde ich –, dann komme ich heute nicht so schnell zur Ruhe. Und der Schmerz deutet im Hintergrund lächelnd an, dass da noch mehr geht, also beschließe ich nach einem knappen Frühstück, eine Aspirin zu nehmen. Ich erinnere mich nicht, wann ich zuletzt eine Tablette so früh am Morgen nahm.

Umwege führen auch nach Hause

Die Neonazi-Demonstration!, schießt es mir durch den Kopf und ich beginne mich aufzuregen. Wie kann man an so einem geschichtsträchtigen Tag Nazi-Aufmärsche erlauben?! Die Ader an meiner linke Schläfe beginnt zu pulsieren. Die Aspirin wirkt noch nicht. Ich fahre los und hole meine Mutter ab.

Meine Mutter und ich überraschen die vielen Einsatzwagen, die unseren Weg pflastern. Sie reihen sich bis zum Ishara Stoßstange an Stoßstange. Kein Platz für Privat-PKWs. Doch einer steht dort noch und wird gerade abgeschleppt. So ein Aufgebaut haben wir beide nicht gesehen. Da ist es gerade einmal kurz nach halb elf. Daher beschließe ich, nur kurz bei meinem Bruder zu bleiben, bevor die Absperrung jeden Weg zu meiner Mutters Wohnung und von dort aus zu mir versperren.

Tatsächlich komme ich bereits auf der Rückfahrt knapp eine Stunde später nicht mehr auf meinem üblichen Weg über Ishara durch. Absperrungen. So muss ich über den Ossi fahren. BTW: Der Weg ist sogar besser, weil er kürzer ist. Man lernt nie dazu.

Nachdem ich Mom abgesetzt habe, fahre ich einen Umweg über die Arthur-Ladebeck-Straße. Bin etwas genervt. Außer der Polizei sieht man niemanden. Ein riesiger Wasserwerfer steht dort mitten auf der Straße. Irgendwie beeindruckend und einschüchternd. Die Straßen wirken seltsam verlassen und bedrohlich. Es wirkt wie die Ruhe vor dem Sturm.

Für einen Moment vergesse ich mein heutiges Grundgefühl des Angepisstseins und des anhaltenden Schmerzes auf meiner linken Gesichtshälfte. Die Aspirin scheint meine Schmerzen aufzuhalten, aber nicht zu verhindern. Ich überlege, Freunde zu informieren, die Stadt zu meiden, obwohl man eigentlich genau jetzt dorthin sollte  (wieso gehe ich eigentlich nicht auf die Gegendemo? Ach ja, Kopfschmerzen & Rufbereitschaft).

Der Umweg kostet mich nur wenige Minuten mehr Zeit. So banal können Sorgen oder Gründe zum Aufregen.

Bereitschaft

In der Zwischenzeit bekomme ich eine E-Mail von einem Arbeitskollegen, dass der Smoke-Test für unser neues Release erfolgreich war. Seine „Schicht“ endet jetzt und er wünscht mir ein schönes Wochenende. Ab 14 Uhr beginnt meine Rufbereitschaft und endet um 22 Uhr. Morgen geht es weiter.

Ich freue mich auf mein Sofa.

Ich kann mich hinlegen und hoffen, dass die Schmerzen allmählich abklingen. Doch um Punkt 14 Uhr, genau in dem Moment also, wo ich mich auf mein Sofa legen möchte, klingelt mein Firmenhandy. Ein anderer Kollege ruft an, der den Cutover koordiniert hat und jetzt wie ich in Rufbereitschaft ist.

Obwohl mir nicht zu scherzen zumute ist, mache ich welche, weil ich denke, er ruft nur so an, um zu sagen: Hallo, alles gut, schönes Wochenende. Aber nein! Wieso auch? Heute läuft es den ganzen Tag nicht rund, warum also jetzt.

Fehler im System

Es ist ein Dump aufgetreten. Ein Dump ist ein Fehler im Programm, der zur Laufzeit zum Absturz führt, weil das Coding eine Anweisung nicht ausführen kann. Immerhin tritt dieser Fehler nur bei einem eingeplanten Hintergrundjob auf, also nicht auf der Oberfläche, wenn jemand arbeitet. So schlimm kann es nicht sein. Das jedoch kann ich nur beurteilen, wenn ich den Fehler sehe und analysiere. Ich sehe allerdings keine Email auf meinem Firmenhandy, die an mich gesendet werden muss, damit ich arbeiten kann.

„Doch“, sagt er, „ich habe die Mail an dich weitergeleitet.“

„Ok“, sage ich etwas irritiert. „Ich fahre mein Notebook in der Zwischenzeit hoch und schau mir den Fehler an.“

Und jetzt beginnt mein eigentliches Genervtsein: Meine Internetverbindung geht nicht! Was für ein Mist!!! Wieso gerade jetzt, wieso ich?!

Mein Kopf fühlt sich an, als würde es synchron mit meinem Herzen schlagen. All diese Nichtigkeiten haben sich über den Tag angesammelt, um jetzt in meinem Kopf zu explodieren!

Ruhig bleiben, sage ich mir, und durchatmen und Zeit gewinnen. (Jetzt wo ich darüber schreibe, fällt mir auf, dass ich wohl ein Mantra habe.)

„Ich schau mir das an und melde mich gleich bei dir“, sage ich und lege auf.

Ok. Schritt eins: Router neu starten und warten.

Klappt. Internet ist wieder da.

Schritt zwei: Anmelden im System und Fehler analysieren.

Der Dump wird durch einen Speicherüberlauf verursacht. Da hat jemand performant programmiert, leider nur einen bestimmten Fall nicht abgefangen, der dazu führt, dass der gesamte Inhalt mit ein paar Millionen Datensätzen von der Datenbanktabelle gelesen wird (full table scan). Das ist immer das gleiche ABAP-Muster:

SELECT * FROM <tabelle> INTO TABLE @DATA(<itab>)
FOR ALL ENTRIES IN @lt_daten “<< hier liegt der Fehler
WHERE key = @lt_daten-key.

Ein Fehler, den ich häufiger gefunden habe und den man sehr einfach beheben kann. Man muss nur abfragen, ob die interne Tabelle, mit der man die Daten aus der Datenbank liest, auch wirklich befüllt ist:

IF lines( lt_daten ) > 0.
SELECT * FROM <tabelle> INTO TABLE @DATA(<itab>)
FOR ALL ENTRIES IN @lt_daten
WHERE key = @lt_daten-key.
ENDIF.

Eine Sache von Sekunden, wenn da plötzlich nicht die Internetverbindung wegbrechen würde. Was zum Teufel ist nur heute los?!

Zur Not kann ich über das Firmanhandy ins Internet.

Ich rufe meinen Kollegen zurück, weil die Lösung des Problems klar ist. Da wir beide aber nicht abschätzen können, ob meine Korrektur einen Seiteneffekt auf das aufrufende Programm hat und weil der Job nicht kriegsentscheidend ist, beschließen wir, ihn am Montag zu fixen und mit dem entsprechenden Experten vor Ort zu besprechen und testen zu lassen.

Du kommst hier nicht rein

Indes geht mein verflixtes Internet immer noch nicht. So viel zum Thema Chillaxen auf dem Sofa.

Also wieder Router aus- und anschalten.

Displays leuchten korrekt, dennoch kein Internet.

Hat sich jemand in meinen Router gehackt?

Eine absurde Frage, aber heute ist in meinem Kopf alles möglich.

Also beschließe ich, mein MacBook direkt an meinen Router anzuschließen.

Ich gebe das Passwort beim Notebook ein und… das Eingabefeld schüttelt sich wie ein nasser Hund, der Wassertropfen abschüttelt.

Falsches Passwort.

Ich tippte es wieder ein.

Falsches Passwort.

Wurde ich gehackt?!!1!elf!

In den Moment, wo die Welt nicht mehr so funktioniert, wie man sie kennt, schießen Verschwörungstheorien wie Pilze aus dem Boden. ICH MUSS GEHACKT worden sein!

Ich halte einen Moment inne. Nachdenken. Tief durchatmen gefolgt von einem langsamen Eintippen jedes einzelnen Buchstabens, um ja nicht mein Notebook zu verärgern.

Starres Blicken aufs Display begleitet von gespanntem Bangen.

Das Eingabefeld schüttelt sich und schmeißt wieder ein „Falsches Passwort“ heraus.

Scheiße! Heute geht nichts mehr!

Mein Notebook schlägt mir vor, mein Passwort neu zu vergeben.

Ok.

Ich warte, während es runterfährt und im Passwort-Eingabe-Modus wieder startet (was soll das?).

So, jetzt bittet mich das System, mein Passwort für meine Apple-Id einzugeben.

Cool, denke ich mir, die liegt in einer verschlüsselten Datei auf meinem – drei Mal darfst du raten – MacBook!

Doch ich habe Glück. Wegen meiner Rufbereitschaft habe ich ja mein Firmennotebook bei mir, wo ich eine Sicherheitskopie abgelegt habe. Also öffnen und Passwort eingeben. Klappt.

Das MacBook versucht jetzt, sich im Internet anzumelden. Meldet – Überraschung – einen Fehler. Ähm, das ist doch gerade mein Problem!!! ICH HABE KEINEN INTERNET-ZUGANG!

Mein Puls bewegt sich über den Bereich des Gesunden und ich möchte – nur kurz – alles kaputtschlagen, um mir Erleichterung für den Moment zu verschaffen.

Bleib ruhig!

Entspannung auf Befehl. Also, tief durchatmen und dann in Ruhe nachdenken, was ich machen kann. Dabei sehe ich rechts oben auf meinem Display des MacBooks die amerikanische Flagge. Ich stutze – wurde ich gehackt? Ist alles futsch?!

In meinem Kopf geht es so durcheinander zu, dass ich nicht weiß, was ich denken soll. Kopfschmerzen sind wirklich keine Hilfe. Ich weiß gar nicht, wie Dr. House das macht.

Doch Moment mal!

Vielleicht, fällt mir ein, hat das System aus einem mir unbegreiflichen Grund von deutscher auf amerikanische Tastatur umgeschaltet.

Ich klicke vorsichtig drauf, um den Rechner oder wen auch immer nicht zu verärgern, und wähle ohne Hintersinn die deutsche Flagge.

Ich nicke meinem Notebook respektvoll zu und beginne gaaanz laaaaangsaaaam mein Passwort einzugeben. Nur niemanden verschrecken oder aufscheuchen.

Wieder gespanntes Warten und siehe da – es klappt!

Warum, fällt mir jetzt ein, funktionierte eigentlich das Einloggen mit meinem Fingerabdruck nicht? Weil die richtigen Fragen immer zur dummen Zeit kommen. Egal.

Notebook an Router anschließen. Einloggen. Prüfen. Nichts Verdächtiges. Hm.

Störung bei 1&1

Handy mit dem Finger öffnen (da klappt es) und googeln: „1&1 dsl störung“.

Es erscheint gleich beim ersten Treffer eine Seite mit Grafik. Ab 14 Uhr mehr als 4.000 Störungsmeldungen heute. Alles klar! Heute kein Internet für uns alle!

Es liegt nicht alleine an meiner Leitung. Irgendwie bin ich erleichtert, obwohl ich zugleich sauer auf 1&1 bin. Denn ich suche weiter und kann nirgends eine Information zum aktuellen Problem von 1&1 finden. Nette Strategie, denk ich mir. Nichts publik machen, das gibt nur schlechte Publicity.

Life without Internet

Egal, heute brauche ich kein Internet. Denn am Abend bin ich auf eine Firmung des Kindes von Freunden eingeladen.

Ich lege mich auf das Sofa und mein Kopf poppt kurz auf, um mich an den Schmerz zu erinnern, der immer noch sein Unwesen dort auf der linken Seite treibt. Die Ruhe hilft mir und mir geht es besser. Der Schmerz geht und irgendwo ganz hinten im Dunkeln lauert etwas…

Der Abend mit Freunden wird schön.

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