Wenn dir mal das nötige Kleingeld fehlt

Dienstag, 21.10.19. Gütersloh.

Ein Morgen, an dem man um 4 Uhr aufwacht, kann nicht schön sein. Was aber ist mit dem Tag, der daraufhin folgt, also dem Rest des Tages? Mein Kopf fühlt sich jedenfalls wie dieser Morgen an: leicht benebelt. Und irgendwo unter dem Nebel lauert vage eine Andeutung auf Kopfschmerzen.

So stehen die Zeichen heute nicht gut. Und ich versuche diese Vorzeichen irgendwie zu deuten. Es fühlt sich an wie Lesen im Kaffeesatz, dem Rorschach-Test für Hobbytrinker. Amüsanterweise bin ich Naturwissenschaftler und glaube an diesen Humbug nicht, aber ganz im abgewandelt-negativen Sinne der Anekdote über Niels Bohr und seinem Hufeisen über seinem Eingang*: Auch wenn ich daran nicht glaube, könnte es sich negativ auf mich auswirken – unschwer zu erkennen, ich bin der negative Typ.

Das ist das, was mir sofort durch den Kopf geht, als ich auf meinem Handy-Display die Nummer meiner Mutter aufleuchten sehe.

Denn wenn ich einen unerwarteten Anruf von meiner Mutter zu ungewöhnlichen Zeiten erhalte, wie jetzt auf der Arbeit, dann halte ich einen Moment inne und versuche herauszufinden, ob es sich um etwas sehr Ernstes und Schlimmes handeln kann oder ob es lediglich irgendetwas Banales ist.

Dieser Moment des Innehaltens, bei dem ich das ganze Vorher Revue passieren lasse, ist wie ein Demutstopos, um die Götter – oder sonst irgendjemanden da oben oder wo auch immer – milde zu stimmen. Und dann denke ich halt an den Morgen zurück, der schlecht begonnen hat.

Mein Innehalten wird vom Schnellen-Herausgehen aus dem Büro begleitet. Ich mag es nicht, privat unter Kollegen zu telefonieren. Nicht, dass ich schüchtern bin, nein, es stört mich, wenn andere das machen.

Ich muss mich beeilen, sonst legt sie auf.

„Efendim anne.“ Mit meiner Mutter spreche immer türkisch, auch wenn mein Türkisch bescheiden ist. Aber meine Begrüßung ist eine freundlich-kultivierte Art des „Hallo Mama“. Zumindest dazu reicht es. Und dann heißt es warten und lauschen. Wie klingt ihre Stimme? Gedämpft? Angespannt? Leise? Zurückhaltend oder auch nur Plauderton?

„Was machst du“, fragt sie mich zurückhaltend und doch unbekümmert auf türkisch. Man merkt, sie möchte mich nicht stören.

„Arbeiten“, sage ich, was sollte ich auch sonst sagen. Ich warte immer noch, dass sie mir den Grund ihres Anrufs nennt. Sie direkt zu fragen, wäre nicht nur unhöflich, sondern würde sie auch dazu bringen, sich zu entschuldigen, weil sie das Gefühl hätte, mich auf der Arbeit zu stören. Und trotzdem fragt sie mich, ob sie störe.

Nein, sage ich, sonst hätte ich den Anruf nicht entgegennehmen können.

Dann endlich verrät sie mir ihr Anliegen.

„Ich bin ihm Real,-“, sagt sie und dass sie ein Bügeleisen gefunden hätte.

Nicht schon wieder, denke ich mir. Erst kürzlich hat sie mir ein Bügeleisen gekauft (das man auf dem Titelfoto dieses Artikels in meiner Hand sieht), obwohl ich schon einen funktionsfähigen habe. Sie meinte damals, dieser wäre für das schnelle Bügeln zwischendurch, wenn ich mal meinen Anzug kurzfristig bügeln müsste. Warum auch nicht, der Trend geht ja überall zum Zweitgerät.

Tatsächlich verwende ich den Quickie unter den Bügeleisen häufiger als gedacht. Mein eigentliches Bügeleisen hat nämlich eine Station, wo ich die Flüssigkeit füllen muss und dann warten. Das dauert erstaunlich lange.

Doch bevor ich meiner Mama sagen kann, dass ich kein drittes Bügeleisen benötigte, sagt sie, sie hätte nicht genügend Bargeld dabei, um es sich zu kaufen.

„Kannst du das Bügeleisen nach der Arbeit kaufen?“

Ihr fehlt, geht mir durch den Kopf, das nötige Kleingeld oder was? Eigentlich ein cooler Move! Das merke ich mir und tätige irgendwann auch mal so einen Anruf.

Natürlich ist das ein gemeiner Gedanke und niemand weiß, woher ihr wohlerzogener Sohn solche Gedanken und Unterstellungen hernimmt, denn sie ist die beste Mutter der Welt und würde niemals anrufen, wäre sie nicht in irgendeiner Form in einer Notsituation.

„Ja, kann ich machen.“

Das Bügeleisen, das erfahre ich, ist nicht für sie, sondern für eine Freundin.

Natürlich wird sie es später bezahlen wollen, aber als guter Sohn werde ich das Geld nicht annehmen, auch wenn das Geld von ihrer Freundin kommt.

Als ich auflege, atme ich auf und bin ein wenig genervt. Jetzt muss ich nach Feierabend zum Real,- laufen und ein Bügeleisen schleppen. Leider bleibt es nicht bei einem Bügeleisen. Das Einkaufszentrum ist ein raffinierter Ort der Verführung, dem wir alle willenlos ausgesetzt sind und ehe ich mich umsehe, werden sich diverse unnötige Leckereien in meinen Einkaufswagen stehlen, daher meide ich auch Einkäufe mit dem Wagen (also Auto und Einkaufswagen). Aber was tut man nicht als guter Sohn für die eigene Mama!

Als beim Hinsetzen mein Monitor aufflackert, fällt mir ein, dass mein Demutstopos vor dem Anruf gewirkt haben muss, auch wenn das völliger Schwachsinn ist. So läuft es aber mit dem Aberglauben oder der falschen Konditionierung. Ganz subtil und unbewusst. Ich glaube, der größte Manipulator das sind wir selbst und vor mir selbst habe ich großen Respekt, was das betrifft! Denn, wenn es darum geht, mir selbst im Weg zu stehen oder ein Bein zu stellen, traue ich mir sehr viel zu. Also erst gar nicht kein schlechtes Karma aufkommen lassen.

Übrigens, die angedeuteten Kopfschmerzen sind auch verschwunden.


*Harry Mulisch erzählte die folgende Anekdote:

Der Physiker und Nobelpreisträger Wolfgang Pauli besuchte einmal Niels Bohr, der ebenfalls Physiker und Nobelpreisträger war. Pauli sah, dass Bohr ein Hufeisen über der Tür hängen hatte.

„Professor!“, sagte er. „Sie? Ein Hufeisen? Glauben Sie denn daran?“

Niels Bohr soll geantwortet haben: „Natürlich nicht. Aber wissen Sie, Herr Pauli, es soll einem auch helfen, wenn man nicht daran glaubt.“

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