Was geht im Kopf eines Programmierers vor, wenn er Coding von anderen liest?

Mittwoch, 02.10.19. Gütersloh.

Junge Kollegin mit charmantem Lächeln. Um den Hals ein Schal, der mehr modisch wirkt als dem milden Herbst geschuldet zu sein.

„Als Kind“, sagt sie mir, während sich langsam ein Lächeln auf ihrem Mund abzeichnet, „hast du bestimmt einen Steckwürfel gehabt, bei dem du die Förmchen in die passenden Öffnungen gesteckt hast.“

Jetzt lächelt sie frech, als freue sie sich über ihren Einfall mit dem Babyspielzeug oder – wir Männer sind ja schlecht in Gesichter lesen – sie stellt sich Baby Hakan beim Spielen vor. Ach, wie süß!

Eigentlich arbeite ich gern mit ihr, denn normalerweise ist sie nett, aber heute zeigt sie eine neue Seite an sich. Und vielleicht freut sie sich gerade darüber. Menschen finden es ja bekanntlich toll, wenn sie andere (noch) überraschen können. Warum auch nicht.

Es herrscht eine provokant kurze Pause, bei dem die Blicke standhalten und in der sich ihr Lächeln zu dehnen versucht, aber sie subtil gegensteuert. Gleichzeitig senkt sich ihr Kopf in Zeitlupe nur wenige Millimeter in den Schal.

Ich lächle zurück.

„Natürlich!“

Ich meine, welches Baby, das etwas auf sich hält, hatte nicht einen Steckwürfel?! Bei mir lief noch Beethoven im Hintergrund (oder war es Mozart? Egal, Hauptsache Chopin!).

„Und“, fuhr ich belehrend fort, „ich hatte noch einen kleinen Hammer, mit dem ich alle Teilchen in jedes Loch bekam.“

Mit einem imaginierten Hammer hämmerte ich behutsam Löcher in die Luft.

Das klingt jetzt ein wenig unanständig, jedoch zielte ich auf etwas anderes ab, denn mein Motto ist: Wenn sich jemand über dich lustig macht, dann setze noch einen drauf! Dann lacht man über das, was du gesagt hast und du wirkst nicht nur lustig und souverän, sondern auch schlagfertig, intelligent und lässig. (Ausnahme: Solange die andere Person mit der Äußerung nicht unter die Gürtellinie geht.)

Jetzt lächle ich triumphierend und irgendwie finde ich mich schlagfertig, intelligent und – natürlich – unglaublich lässig.

Sie jedoch hebt nur eine Augenbraue und leicht den Kopf. Aha.

So spontan der Hammer auch kam und so cool ich auch wirke, tatsächlich habe ich vor kurzem genau an diesen Steckwürfel aus Babytagen denken müssen. Damals™ leider in keinem lustigen Kontext. Es ging um veraltetes, kundeneigenes ABAP-Coding in einer schon lang bestehenden Software.

Das Coding der anderen

Man erkennt sofort, was jemand kann, wenn man das Coding dieser betreffenden Person liest. Und die Person, in dessen Coding ich mich hineinwühlen musste, konnte programmieren, hatte aber keine Ahnung, wie man in diesem speziellen Bereich Coding richtig einbindet und welche APIs man aufruft.

Das Coding wirkte verzweifelt hineingepresst, weil es dort eigentlich nicht hineinpasste. Das ist im Prinzip so, als wüsste jemand, dass Fenster Öffnungen nach draußen sind und Treppen die Verbindung von unten nach oben und umgekehrt. Und daher eine Treppe von draußen direkt ans Fenster bauen würde, weil der Besitzer gerne einen Eingang am Haus hätte. Kann man machen, denn im Coding sieht es keiner und das Problem hat der Nächste, also ich.

Als ich das Coding sah, erschien mir das Bild eines Steckwürfel mit einem Kind, dass Förmchen mit einem Hammer in die Öffnungen hämmert. Auch, wenn das sehr putzig und süß klingt, ich fand es alles andere als lustig, denn ich durfte und darf noch diese gewaltsam hineingepressten Förmchen behutsam herausnehmen, ohne sie zu zerstören und wieder richtig einbauen.

Immerhin konnte ich das deformierte Coding sinnvoll wiederverwerten. Nicht in der Software, aber im wahren Leben.

Abgesang mit Tiefgang

Was den Steckwürfel in meiner Kindheit betrifft, das ist nicht wahr (aber nicht gelogen, sondern dem Kontext geschuldet) und daher einfach in diese Story hineingepresst. Als Kind besaß ich nicht mehr Spielzeug als in eine Zigarrenkiste passte. Es scheint so, als hätten wir alle irgendwo unseren imaginären Hammer, der ins reale Leben schlägt.

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