Workshop

Mittwoch bis Donnerstag, 10. – 11.07.19. Salzburg (Österreich).

Es muss zwischen Kindergarten und Grundschule gewesen sein, so genau erinnere ich mich nicht, als mich ein Erwachsener fragte, wohin ich in den bevorstehenden Ferien reisen würde.

Ich sagte etwas wie »Aust, Austrrr, Austrrrahhhiii…«. Ich erinnerte mich nur vage an das, was meine Eltern gesagt hatten. Ich kannte das Land nicht.

»Australien?«

Ja.« Das klang so wie das Wort, das ich gehört zu haben glaubte. Im Türkischen heißt »Österreich« nämlich »Austria«. Damals kannte ich das deutsche Wort dafür nicht (wie viele andere deutsche Wörter). Und von Australien hatte ich auch nie etwas gehört.  

Das beeindruckte den Erwachsenen, das durch entsprechendes Mienenspiel untermalt wurde, und ich freute mich als hätte ich selbst etwas Großartiges geleistet.

»Das ist aber weit weg«, immer noch sichtlich beeindruckt. »Fliegt ihr dorthin?«

»Nein«, sagte ich selbstbewusst und ein wenig stolz. »Wir fahren mit dem Auto« als würde ich selbst hinter dem Lenkrad sitzen.

Das muss für Irritation gesorgt haben. Auf jeden Fall war ich gespannt auf dieses »Austria«, denn bisher kannte ich nur die Türkei von meinen Urlaubreisen. Aber als ich dort ankam, konnte ich kaum Unterschiede zu Deutschland erkennen.

Ich war nicht enttäuscht. Viel erwartet hatte ich nicht, denn die bisherigen Urlaube verliefen nach dem gleichen Muster: verschwitztes Sitzen mit Verwandten im Wohnzimmer. Kein 4 bis 5-Sterne-Hotel All Inclusive mit Pools und Strand am Meer.

Wir verbrachten viele Urlaube mit endlosem Zusammensitzen in zu warmen Wohnzimmern, wo die Erwachsenen unentwegt über Themen redeten, die wir Kinder nicht verstanden, und die uns beim Zuhören langweilten. Wir Kinder schauten lieber Fernsehen. Saßen vor dem Fernseher auf dem Teppich, während im Hintergrund die Stimmen der Erwachsenen in einem Rauschen dahinschmolzen.

Ebenso gut hätte ich gut irgendwo anders auf der Welt auf einem Teppich sitzen können – vielleicht sogar zu Hause. Wenn wir zu Hause in Deutschland Besuch bekamen oder zu Besuch waren, war es nicht viel anders. Nur die Serien im türkischen Fernsehen kannte ich nicht. Ich dachte immer, die sind etwas zurück, was das betraf, bis einige Zeit später diese Serien im deutschen TV erst anliefen. Die waren meiner Zeit voraus, wer hätte das gedacht. Das ist meine Erinnerung.

Jetzt, Jahrzehnte später, ergeht es mir ähnlich, wenn ich im Ausland oder auch nur in einer anderen Stadt im Meeting sitze, wie jetzt in Salzburg. Bürostuhl statt Teppich. Wir sitzen in Räumlichkeiten, die mal moderner, mal älter, mal klimatisiert, mal stickig, mal mit dramatischer Aussicht, mal total langweilig oder Fluchtinstinkte auslösend sind. Doch in der Ausstattung gleichen sie sich. U-förmig aufgestellte Tische mit aufgereihten Stühlen dahinter. Alles ausgerichtet auf eine Wand, an der PowerPoint-Folien projizierte werden. Dann sitze ich mich zig Personen im Raum, die mal schlecht gelaunt, genervt, müde, desinteressiert oder, wie in diesem Fall, hoch motiviert und sogar vorbereitet sind. Das nennt man dann Workshop, der Marathon unter den Meetings (irgendwann beginnt das Leiden;-).

Die Stimmung ist meistens verdeckt zwiegespalten und offen freundlich. Subtext in den Zwischenzeilen, Schwingungen im Raum, und im Hintergrund das Surren des Projektors. In meinen meisten Kundenprojekten sind wir diejenigen, die aus der Zentrale in Deutschland kommen und in die Länder reisen, um dort eine Software einzuführen, die eben diese Zentrale bestimmt hat. Das passiert selten freiwillig, aber aus verständlichen Gründen (diese zu benennen würde diesen Text hier sprengen).

Und jetzt komme ich wieder aus Deutschland und frage mich, sind wir ihnen voraus oder hinken wir doch hinterher (wenn man seine Kreise dreht kann man das schon mal verwechseln).

In diesen festgelegten Bahnen rotiere ich häufig, dass ich wenig von dem Land und den Menschen mehr als etwas mitbekomme. Es sind dann Details, an denen ich mich zu erfreuen versuche, wie der imposante Berg, der sich plötzlich vor uns auftürmt, als wir uns auf der Straße zum Hotel befinden. Es ist der Kapuzinerberg, googel ich später im Hotel. Den Berg würde ich gerne hochwandern, hätte ich die Zeit, die Ruhe, die Kraft oder sonst irgendein »hätte«.

Die Zeit reicht für Treffen an den Abenden. Gaststätte und Wanderung auf dem Weg dorthin. Unsere österreichischen Kunden sind sehr gastfreundlich, höflich und laden uns an unseren beiden Abenden Mittwoch und Donnerstag zum Essen & Trinken ein. Natürlich bestelle ich mir zum Nachtisch eine Portion Kaiserschmarrn mit Zwetschkenröster, eine Portion, die so groß ist, dass ich sie mit einem Kollegen teile und wir trotzdem die Portion nicht schaffen. Auf dem Bild sah der Nachtisch bezwingbar aus, aber so ist das mit dem Bild und der Realität.

Das Projekt mit unserem österreichischen Kunden, höre ich später, wird eine große Herausforderung werden.

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