Agile Flugbuchung nach Salzburg

Dienstag, 09.07.19. Düsseldorf Flughafen.

Gerade noch gut gegangen. Aber es war knapp. Zu knapp. So knapp, dass es mich bis hierher Nerven und vor allem Schweiß gekostet hat. Ich sitze jetzt am Düsseldorfer Flughafen Stunden früher als geplant und alleine ohne die Kollegen.

Als ich mein Smartphone wieder einschalte, trudeln mehrere WhatsApp Nachrichten ein. In einer fragt mich mein Arbeitskollege R., ob ich bereits Düsseldorf erreicht hätte. Losgeschickt hat er sie um 13:19 Uhr. Das ist jetzt knapp eine Stunde her.

Was soll ich ihm antworten? Dass ich ziemlich angepisst bin? Wie knapp das alles war? Dass ich mich nicht auf andere verlassen hätte sollen, als sie für mich die Firmenreise nach Österreich zu unserem Kunden gebucht hatten bzw. meinten, es organisiert, also delegiert, zu haben?!

Normalerweise würde ich das auch so machen. Dampf ablassen. Ein kurzfristiges, reinigendes sich Auskotzen, damit der Mist aus dem Körper ist. Hinterlässt zwar kurzfristig einen bitteren Nachgeschmack im Mund, aber man kann es mit Wasser nachspülen.

Apropos Wasser: Ich habe seit heute Morgen kurz nach sieben Uhr weder etwas getrunken noch gegessen. Ich plante, mit den Kollegen Mittag zu essen und dann gemeinsam mit ihnen mit dem Mietwagen nach Düsseldorf zu fahren. Völlig entspannt auf dem Rücksitz, während ich aus dem Fenster blickend meine Gedanken schweifen lasse.

Doch durch Zufall entspann sich ein Gespräch mit R. kurz vor 10 Uhr, in dem er mir erfreut mitteilte, dass er online bei der Lufthansa eingecheckt hätte. Das will ich auch, daher frage ich ihn, wo er seine Flugdaten herhat. Sie seien ihm per Email zugesendet worden. Komisch, ich habe keine Nachrichten erhalten.

»Warum«, frage ich ihn, »habe ich keine Email erhalten?« Mein Kopf legt den Gang ein und wie in Filmen mit Auflösung am Ende werden Szenen aus der Vergangenheit wie Puzzleteile zu einem neuen Bild zusammengesetzt, in dem ein furchtvoller Gedanke sich abzeichnet: Die haben meinen Flug nicht gebucht!

Nein, sage ich mir sofort, das kann nicht sein. Ich habe mehrfach nachgefragt als ich nach dem Urlaub wiedergekommen bin und jedes Mal sagte man mir, mit der Buchung der Flüge in meiner Abwesenheit hätte alles geklappt. Sogar die Hin- und Rückfahrt zum und vom Flughafen seien organisiert. Ich müsste nur am Flughafen einchecken. Mehr nicht. Doch jetzt fürchte ich, zu gutgläubig, naiv gewesen zu sein.

»Fragt doch mal bei soundso nach«, unterbricht mich R. in meinen abwärtsführenden Gedanken. Doch der Anruf, der helfen soll, leitet den Beginn meiner heutigen unenspannten Phase ein, bei der Hektik den Takt angibt.

Mein Herz macht Boom! und gleichzeitig sackt mein Brustkorb zusammen. Genau das trifft ein, was ich mir immer als Schreckensszenario ausmalte. Ich treffe ein und niemand weiß etwas von meinem Flug oder mir! Irgendwo im Nirgendwo stecke ich dann fest. Meine Güte, was wäre geschehen, wenn ich nicht angerufen und gutgläubig mit den anderen mitgefahren wäre?!

Wartemusik. Der Mitarbeiter des Buchungsservices erkundigt sich bei irgendjemanden. Meldet sich mit irgendwelchen Erklärungen wieder. Das hilft nichts. Kein Flug für mich. Ich existiere nicht in ihrer Datenbank. Aber sonst findet man mich überall in der Welt, wollte ich anfügen, verkneife es mir aber. (Wenn man bei GAFA ist, ist man doch überall in der Welt?)

Kurz durchatmen und ruhig bleiben. Zeit zum Aufregen werde ich später genug haben. Ich schmeiße die Info meinem R. hinüber. Er macht große Augen und entschuldigt sich als sei es seine Schuld. Das wird er noch häufig tun.

Ich frage den Servicemitarbeiter nach einem neuen Flug. Wie soll es auch anders sein?! Alle Flüge von Düsseldorf nach Salzburg und zurück sind ausgebucht.

»Gibt es eine Alternative für heute?«

Herumklicken. »Ja«, sagt er und ich atme ein wenig auf. »von Düsseldorf über Frankfurt nach Salzburg.« Na toll. Klingt nach Klimaschutz. Auch das verkneife ich mir. Ich bin nicht in der Verfassung, nach Alternativen zu suchen. Ich will heute Abend in Salzburg ankommen, denn in den nächsten drei Tagen stehen Workshops bevor.

Mein Kollege fragt ungeduldig nach, und während der Mann am Telefon mich informiert, werfe ich meinem Kollegen diese Brocken zu. Als ich ihm achtlos die Uhrzeiten nenne, ruft er: »Dann musst du bald los!«

Oh, daran habe ich nicht gedacht.

»Ok, buchen Sie den Flug!«

Jetzt muss ich nur noch nach Düsseldorf kommen. Also schnell eine Bahnverbindung suchen und diese über die Firma beauftragen. Ich darf sie selbst nicht buchen. Die Firma wickelt die Reisen über den Reiseservice ab. Diese sendet bei erfolgreicher Buchung eine Nummer, die ich dann am Bahnautomaten zum Ausdrucken eines Tickets verwenden kann.

Da die Zeit knapp wird, bestelle ich ein Taxi. R. sagt, die seien sehr schnell und kämen innerhalb von fünf Minuten. Ok. Jetzt heißt es für mich warten, bis ich die Buchungsnummer für mein Ticket erhalte. Aber, wenn etwas nicht richtig läuft, scheint es so zu sein, als gingen schlechte Schwingungen davon aus und alles Folgende gerät ebenso auf eine schiefe Bahn. Kurzum: Es ist 11 Uhr und noch keine Nummer für mein Bahnticket. Ich muss jetzt los, sonst schaffe ich es nicht mal, den Zug zum Flughafen zu erwischen.

Egal, sage ich mir, wie so häufig noch an diesem Tag. Ich fahre zum Bahnhof und hole mir zur Not privat ein Ticket. Ich sage R., er solle mir die Nummer zusenden, wenn es in der Zwischenzeit einträfe. Unglücklicherweise habe ich nämlich auch kein Firmenhandy, denn ich habe erst vor wenigen Tagen in dieser Firma angefangen. Also gehe ich los, nach draußen zum Taxi.

Draußen steht aber kein Taxi. Kein Problem, ich kann noch ein paar Minuten warten. Es sind fünf Minuten, die ich warte. Wenn ich länger warte, dann verpasse ich den Zug nach Düsseldorf, dann den Flug von Düsseldorf nach Frankfurt und schließlich den Weiterflug nach Salzburg. Damit wäre ich wieder am Anfang. Gehe zurück auf Los und bekomme kein Geld.

Ich rufe das Taxi-Unternehmen an. Mein Taxi sei noch unterwegs, das dauere noch. Leider, sage ich, habe ich keine Zeit, länger zu warten, daher sollen sie mir ein neues schicken. Ja, das allerdings dauere 15 Minuten. Das ist jetzt der Moment, wo ich beginne, etwas deutlich zu werden, jetzt bin ich genervt. Arbeiten denn heute alle gegen mich?!

Das Taxi lasse ich mir dennoch schicken und rufe parallel meinen Kollegen R. an. Er soll bitte einen Kollegen fragen, ob er mich zum Bahnhof fahren könne. Wenn das alles nicht klappt, sage ich ihm und bin aufgebracht, werde ich mit meinem Wagen nach Düsseldorf fahren und »es ist mir scheißegal, ob das die Firma zahlt oder nicht.«

Keine zwei Minuten später taucht ein netter Kollege auf als ein Taxi direkt vor mir Halt macht. Ist das jetzt gut oder schlecht?

Die Buchungsnummer für das Bahnticket ist auch schon eingetroffen.

Das Taxi braucht keine fünf Minuten zum Bahnhof.

Ich eile zum Automaten und drucke mein Ticket aus. Greife es und gehe zügig zum Gleis als mir auffällt, dass auf dem Ticket keine Informationen zu finden sind. Auch sonst sehe ich keine Zugverbindungen auf dem Ausdruck. Das ist wieder ein kurzer Moment des Schocks. Irgendjemand da oben will nicht, dass ich nach Salzburg komme.

Also schnell zur Information. Warten. Nervös werden. Alles leise vor mich hin verfluchen. Dann drankommen. Ausdruck. Laufen zum Gleis 2. Alles innerhalb von fünf Minuten. Wow!

Als ich am Gleis ankomme, trifft auch schon der Zug nach Hamm ein. Da muss ich laut Fahrplan umsteigen.

Dann endlich sitze ich im Zug.

Ein wenig durchgeschwitzt. Außer mir trägt niemand einen Anzug. Und zu allem Übel ist es sommerlich warm. Egal.

Als der Zug losfährt, frage ich mich, ob ich im richtigen Zug sitze. Wieder ein dummer Gedanke. So, wie es bisher gelaufen ist, würde es mich nicht wundern, wann das der falsche Zug wäre.

Ich frage einen Passagier. Ja, ich sei richtig. Endlich entspannen und ein Selfie machen.

Bahnfahrt nach Düsseldorf Flughafen
Mit der Bahn unterwegs zum Flughafen Düsseldorf. Fast hätte ich es nicht pünktlich zum Zug geschafft.

Leider ist es so, dass man so schlecht entspannen kann, wenn man unentspannt war. Mein Kopf traut dem Ganzen hier nicht. Vielleicht verpasse ich meinen Anschlusszug in Hamm oder der hat Verspätung?

Weiß du was, sage ich mir, da kann ich nichts machen und ehrlich, allmählich ist es mir auch egal. Wieder einmal.

Der Zugwechsel in Hamm läuft planmäßig. Ich kann wieder entspannen und habe etwas Luft, wenn der Zug sich ein wenig verspäten sollte – diesmal komme ich meinen negativen Gedanken zuvor. Es hilft. Vielleicht ist es Müdigkeit oder Resignation oder ich bin dehydriert.

Tatsächlich braucht der Zug fast acht Minuten länger bis zum Düsseldorf Flughafen als geplant. Ich bin wieder ein wenig in Eile und checke eine Minute vor der Boarding Zeit ein. Endlich habe ich es wirklich geschafft.

Jetzt sitze ich hier im Flughafen von Düsseldorf, durchgeschwitzt, durstig und jetzt auch hungrig und überlege, was ich R. auf seine WhatsApp Nachricht antworten soll.

Er macht sich Sorgen und bat mich, ihm regelmäßig Nachrichten zu schreiben. Er ist wirklich ein fürsorglicher Kollege mit sanftem Gemüt, der sich diese Sache vielleicht zu sehr zu Herzen nimmt, weil er sich verantwortlich fühlt. Ich bin nicht sauer auf ihn oder irgendjemanden. Eigentlich ist es mir egal, wer schuld an dieser Fehlorganisation ist. Das nächste Mal werde ich mich persönlich um meine Reise kümmern. Das habe ich auch immer bisher so gehandhabt.

Etwas entspannt gehen meine Gedanken andere Wege und unerwartet glaube ich zu wissen, wie meine Buchung – nennen wir es mal so – verloren gehen konnte. Die Reise nach Salzburg wurde im Juni gebucht. Zu dieser Zeit hatte ich Urlaub und war gleichzeitig noch bei meiner vorherigen Firma angestellt. Daher gab es Schwierigkeiten. Um diese kümmerte sich eine externe Mitarbeiterin, die allerdings nicht weiterbeauftragt wurde und ihre Aufgaben an eine interne Mitarbeiterin übergab. Vermutlich wurde die externe Mitarbeiterin informiert, dass etwas mit meiner Buchung nicht geklappt hat. Das ging dann unter bzw. verloren. Kein fliegender Wechsel, hahaha. Also, perfektes Timing!

Tja. Zurück zu R.

Ich schreibe ihm um 14:07 Uhr: »Bin jetzt am Gate für den Flug nach Frankfurt. War knapp mit den Zügen, aber alles gut gegangen 🙂 Wünsche dir eine gute Fahrt!«

Mein Flug mit der Lufthansa nach Frankfurt verläuft ohne Zwischenfälle. Ich sitze am Gang und der mittlere Sitz ist frei. Das ist sehr bequemt.

Aus Frankfurt fliege ich pünktlich nach Salzburg mit der Austrian Airlines. Eine schnuckelige Maschine mit fast intimer Atmosphäre darin.

Wir landen erfolgreich in Salzburg. Ich nehme mir ein Taxi und komme endlich im Hotel Mercure Salzburg Central. Es ist 18:14 Uhr. Ich kann endlich wirklich entspannen.

Das war alles sehr knapp und kurz vor dem Scheitern. Wäre das ein Projekt, würden es einige als agil bezeichnen. Ich scheine, meinen Humor wieder gefunden zu haben. Zu diesem Zeitpunkt jedoch weiß ich nichts von der mir bevorstehenden Rückreise, die noch viel schlimmer sein wird…

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