Der schwierige Schritt nach vorn

F. hielt sich selbst nicht für die hübscheste. Fand sich etwas zu dick. Sei auch zu alt. Ihre Ehe sei auch am Ende. Das wisse sie. Loslassen könne sie aber nicht so leicht.

Ihre Freunde und Familie waren wahrlich keine Hilfe für sie. Am Anfang schon. Doch jetzt schienen sie nur noch genervt zu sein, weil F. das Ende immer noch hinauszögere. Alles sei doch ganz klar! F. wisse das auch. Ja. Aber. Doch ihr Gefühl ließe sich nun mal nicht von ihrem oder irgendeinem anderen Kopf etwas vorschreiben. Liebte sie ihn noch? Oder waren es nur rein egoistische Gründe? Vielleicht hatte sie einfach nur Angst vor ihrer Zukunft. Einer Zukunft, in der sie sich alleine sah. Einsam. Verlassen. Doch sie traute sich das nicht mehr auszusprechen, denn irgendwann blieb es ungehört. Sie seien ja alle für sie da!

Alles war so verwirrend. Sie brauchte Ruhe und vor allem Zeit. Zeit, die ihr Umfeld ihr nicht zugestand. Warum nicht? War sie wirklich nervig, entscheidungsschwach? Fanden die anderen sich ein bisschen darin wieder? Oder war ihnen ihre eigene wahrgenommene Hilflosigkeit unangenehm?

Alle wollten ihr helfen. Alle sagten ihr, was sie zu tun hätte – als wüsste sie das selbst nicht. Niemand schien sich in ihre Lage versetzen zu wollen oder können. Sie sprachen ihr zu diesem letzten Schritt Mut zu. Die Entscheidung war bereits gefallen. Von allen. Am Anfang war es nur ein Gedanke. Dann fand der Gedanke seinen Weg in Form eines Wortes in die Welt. Scheidung. Und plötzlich war es real. Es gab keinen Weg zurück. Es war auch der einzig richtige Weg. Nur warum fühlte es sich nicht so an?

Sie traute sich nicht voran wie jemand der vor einem Abgrund stand. Solange sie gebunden war, konnte sie unbefangen über ihre zukünftige Freiheit und das süße Leben fantasieren. Doch der Zwang zu Müssen ließ ihr keine Entscheidungsfreiheit mehr. Sie kam weder vor noch zurück. Sie hatte Angst zu fallen. Die anderen standen direkt hinter ihr. Drängten sie zuversichtlich und ungeduldig nach vorn. F. konnte nicht. Reflexartig wehrte sie sich gegen das Gedränge. Hielt dagegen. Obwohl sie nach vorne wollte, sah sie sich zurückfallen. Sich zu Worten hinreißen wie „ihr Mann sei gar nicht so schlecht“! Dann kamen wieder diese Zweifel. Erinnerungen tauchten auf. Eigentlich war die Ehe mit ihm nicht ganz so schlimm.

Das stimme nicht. Aber sie konnte sich nicht gegen alle und alles gleichzeitig wehren. Alle wollten etwas von ihr. Nur einen Moment inne halten, weder vor- noch zurückgehen. Nur sich ein Weilchen ausruhen, etwas Kraft schöpfen, einen klaren Gedanken fassen, sich an den Gedanken gewöhnen, ihren Körper den Entzug durchmachen lassen.

Alles war so kräfteraubend und verwirrend. Was sie auch tat, alles war falsch. Sie resignierte und gab sich die Schuld. Sie brauchte niemanden hinter oder vor sich. Sie wollte doch nur einen Menschen bei sich, der mal ihre Hand hielt, ihr sagte, sie tue das richtige und alles werde gut. So fühlte sie sich nur noch einsamer. Einsamer als einsam. War das möglich?

Sie wusste, dass sie das letzte Stück des Weges alleine gehen musste. Aber das wusste sie auch: nach diesem Schritt werde sie am Ende glücklicher sein.

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Nachtrag 09.02.20

F.s Schwester ist vor kurzem ausgezogen. Weg von ihrem Mann in eine eigene Wohnung und nahm ihre Tochter mit. Sie konnte nicht mehr länger mit diesem Mann zusammenleben, hörte ich und dann hörte ich etwas, das mich ein wenig überraschte und zum Nachdenken brachte.

Als ihre Schwester nach Jahren wegen der Kinder den Entschluss fasste, ihren Mann zu verlassen, riet ihr F. davon ab.

Warum tat sie das?

Wäre nicht eigentlich sie diejenige, die ihre Schwester am besten hätte verstehen können?

Bereut sie ihren eignen Schritt?

Leider habe ich darauf keine Antwort und reime mir selbst etwas zusammen aus bruchstückhaften Erzählungen und kann völlig daneben liegen.

Diesen Artikel schrieb ich im Herbst 2013. Das sind jetzt fast sieben Jahre, aber die Geschichte, also F.s Trennung von ihrem Mann, vollzog sich im Jahr 2002. Ich schrieb also elf Jahre später darüber.

Jetzt 18 Jahre später ist F. nicht mehr die junge Frau von damals, die noch hoffnungsvoll in die Zukunft blickte. Immer wieder einmal hörte ich über ihre nächsten Verwandten über sie, weil sie sich über sie ärgerten. Sie wechsle zu häufig ihre Wohnung, zöge häufig in verschiedene Städte, wechsle häufig ihren Job und sonst auch würde sie kaum etwas richtig machen.

Wenn ich ein Leben aus der Entfernung auf wenige Sätze zusammendampfe, klingt es, als sei sie rastlos und ohne Heimat. Ist sie noch nicht angekommen? Oder entfernt sie sich nur von den Menschen, die sie nicht verstehen…

Ab und an hörte ich über gescheiterte Männergeschichten, weil diese Männer wohl nur das Eine wollten. Wieder so eine verkürzte Darstellung.

Immer, wenn ich höre, dass jemand nach einer langen und/oder intensiven Beziehung wiederum lange Single bleibt, denke ich an einen Satz, den ich vor so langer Zeit einmal aufgeschnappt hatte, dass ich mich nicht mehr daran erinnere, wann und wo es war und, ob ich es mir nicht selbst ausgedacht habe. Es lautet sinngemäß:

Du bist (fast) solange Single wie du in deiner letzten Beziehung warst, vor allem in unglücklichen.

Wie alle Pauschalaussagen ist der Satz richtig und doch falsch.

Vielleicht ist F. immer noch nicht bereit für eine neue Beziehung. Häufig meint man das ja, aber wer weiß schon selbst, ob er oder sie sich nicht zur eigenen Beruhigung etwas einredet. Solange man auf der Suche ist und die Auswahl schlecht, muss man sich nicht mit sich selbst beschäftigen und kann sich aus dem Weg gehen.

Aber auffällig finde ich es schon. Die Wunden brauchen wohl ihre Zeit, um zu verheilen und vielleicht heilen sie sich nicht immer von alleine.