Lachende Gesichter

Botox oder die verlorene Traurigkeit

Ein Lächeln

Denken Sie an ein schönes Erlebnis, das Sie zum Lächeln bringt.

Nehmen Sie sich dafür einen Moment Zeit…

Es fällt Ihnen nichts Ad-hoc ein? Ok, dann lächeln Sie doch einfach so! Lächeln, einfach für ein paar Sekunden. Wenn es Ihnen leichter fällt, nutzen Sie dafür einen Spiegel. Vermutlich werden Sie sich dann etwas besser fühlen. Vielleicht wird Ihnen dann auch etwas Schönes einfallen…

Spiegel unserer Gefühle

Unsere Gefühle spiegeln sich nicht nur in unserem Gesicht wider, sondern unser Gesichtsausdruck beeinflusst auch unser Gefühl und wie wir etwas wahrnehmen. Wenn wir also unseren Mund zu einem Lächeln formen, dann fühlen wir uns etwas besser. Runzeln wir hingegen die Stirn oder schauen finster drein, dann sind wir etwas verärgerter oder nicht so glücklich.

Dahinter steckt die „Facial-Feedback-Hypothese“, nach der das Feedback der Gesichtsbewegungen zum Gehirn eine entscheidende Rolle in der Differenzierung des emotionalen Erlebens spielt [1]. Wissenschaftler ließen einen Teil der Versuchspersonen einen Stift zwischen den Zähnen halten, womit ein Lächeln simuliert wurde und den anderen Teil den Stift zwischen den Lippen halten, das ein Stirnrunzeln simulierte. Dabei lasen die Personen einen Cartoon. Die Gruppe, die ein Lächeln simulierte, fand das Cartoon lustiger als die Gruppe der Strinrunzler.

Botox macht glücklich!?

Jetzt könnte man natürlich auf den Gedanken kommen, negative Gesichtsausdrücke einfach zu vermeiden, um dadurch nicht mehr schlechter gelaunt zu sein. Mit Ausnahme eines guten, erfahrenen Schauspielers dürften normale Menschen kaum in der Lage sein, ihre Mimik so gut und dauerhaft unter Kontrolle zu halten – was übrigens die Grundannahme von Lie to Me* ist. Aber es gibt ja auch Botox!

Botox verspricht glücklich zu machen [2]. In der Tat hilft das Nervengift, das die Gesichtsmuskeln gezielt lähmt, Depressionen zu mildern [3].

Was aber ist mit normalen Menschen? Genau dieser Frage geht Sharon Begley in ihrer Newsweek Kolumne nach [4].  Psychologen haben Menschen zwei Wochen vor und zwei Wochen nach ihrer Botox-Behandlung einem Test unterzogen. Die 40 Freiwilligen lasen emotional beladene Texte, die Wut, Traurigkeit oder Freude ausdrückten. Nach dem Lesen sollten sie schnellstmöglich einen Knopf drücken, wenn sie der Meinung waren, den Text verstanden zu haben.

Nach der Botox-Behandlung (Stirn und teilweise Augenfältchen) mussten die Teilnehmer wieder Texte lesen und schnell reagieren. Allerdings fielen die Ergebnisse diesmal anders aus! Immer wenn es in den Texten um Emotionen wie Ärger oder Unzufriedenheit ging, benötigten die Personen längere Zeit, um die Texte zu lesen und zu verstehen. Beim Lesen der Texte mit negativen Emotionen sendet das Gehirn Signale an die Stirnmuskeln, um zu runzeln, so die Erklärung der Wissenschaftler. Das Stirnrunzeln wiederum sendet ein Rücksignal an das Gehirn (Rückkopplung). Allerdings wurde diese Feedback-Kette durch Botox unterbrochen und somit auch die Intensität des Gefühls und die Fähigkeit, es zu verstehen.

Lähmung der Gefühle

Die Nachteile beschränken sich nicht nur auf Sprache, sondern es dürfte auch Folgen für das soziale Miteinander haben. Braucht mein Gegenüber länger, um meine Verärgerung zu verstehen und darauf entsprechend zu reagieren, könnte mich das noch mehr aufregen, weil ich mich nicht verstanden oder ernstgenommen fühle. Besonders in der Partnerschaft könnte dies zu heiklen Situationen führen.

Nicht nur das Verständnis der negativen Gefühle anderer dürfte über die Zeit unter der Botox-Behandlung leiden, sondern m. E. zeigt das Lese-Experiment auch, dass der Zugang zu den eigenen Gefühlen schwerer fällt. Menschen, die keinen guten Zugang zu ihren Gefühlen haben, reagieren zumeist weniger stark emotional. Damit „flacht“ das emotionale Erleben ab und die Intensität nimmt sowohl im Negativen als auch im Positiven ab.

Wir brauchen also das „Un“-Glück. Denn wie sagte schon Freud:

„Glück ist ein Kontrasterlebnis, nur möglich vor dem Hintergrund von schmerzlichen Erfahrungen.“

photo credit: Marvin (PA) via photopin cc

Quellen / Links

[1] Facial-Feedback-Hypothese
http://www.biologische-psychologie.de/entries/319

[2] Botox macht glücklich
http://www.mensvita.de/2010/01/28/botox-macht-gluecklich/

[3] Treatment of Depression with Botulinum Toxin A: A Case Series
http://www.newsweek.com//frameset.aspx/?url=http%3A%2F%2Fwww3.interscience.wiley.com%2Fjournal%2F118566051%2Fabstract

[4] Hello Botox, Bye-Bye Sadness—But Not for the Reasons You Think
http://www.newsweek.com/id/233142

Aktuelles

[05/2014] Auf Alltagsforschung.de stellt Daniel Rettig den aktuellen Stand der Forschung zu Botox und dessen Wirkung auf Depression vor:

Gutes Gift – Lindert Botox Depressionen?
URL: http://www.alltagsforschung.de/gutes-gift-lindert-botox-depressionen/, Stand 02.05.2014


One response to “Botox oder die verlorene Traurigkeit”

  1. […] Das wahre Empfinden des Menschen spiegelt sich in ihrer/seiner Mimik wider (s. auch mein Blog „Botox oder die verlorene Traurigkeit“ [2]) ohne dass es von einem selbst verborgen werden kann. Es ist auch nicht klar, ob diese Frau […]