Ein Haus ohne Türen

Donnerstag, 14.02.19. Bielefeld.

Nach ein paar Tagen nasskaltem Wetters scheint die Sonne als hätte sie vergessen, dass wir noch keinen Sommer haben. Vielleicht waren es auch nur romantische Frühlingsgefühle. Der Grund ist mir egal. Heute hatte ich zu wenig auf der Arbeit zu tun. Das Gute an einem ungeplanten Leerlauf auf dem Kundenprojekt ist der unerwartet frühe Feierabend.

Der falsche Sommer ist mild genug, dass ich seit langem wieder ans Laufen denke. In diesem Jahr bin ich bisher nicht gejoggt.

Zu Hause angekommen Laufklamotten an und mit bescheidenem Tempo loslaufen. Die ersten Minuten laufe ich an der frischen Luft der Sonne entgegen. Unbemerkt schleicht sich ein Lächeln in mein Gesicht. Ich bemerke es erst, als mir Fußgänger überraschend zulächeln.

Jetzt nur nicht übermütig werden! Ich neige nämlich allzu schnell zu höherem Tempo beim Laufen. Mein Geist ist willig, nur mein Körper hinkt da hinterher. Doch heute merke ich, wie mein Körper ächzt, meine Knie quietschen und meine Oberschenkel sagen: Nein, lass das!

Und kaum eine halbe Stunde gelaufen, merke ich eine Schwere und Müdigkeit auf meinem Körper, die mich an meine Anfänge beim Laufen erinnert. Das ist schon wirklich gemein, wie schnell der Körper abbaut und den Sport, den ich mit unregelmäßiger Regelmäßigkeit ausführe, stiefmütterlich behandelt.

Als mir nach ein paar Minuten mein Kopf auch noch sagt, komm hör auf, merke ich, dass Laufen nicht nur mit Kondition, sondern auch mit mentaler Stärker zu tun hat. Ok, sage ich mir, ich will es beim ersten Mal nicht übertreiben und hoffe auf den baldigen Memory-Effekt meiner Muskeln.

Nach diesem ernüchternden Lauf gehe ich zum Real um die Ecke. Einkaufen.

Ein großer Laster steht am Straßenrand. Die Plane ist weit geöffnet und erlaubt einen unerwarteten Einblick. Zuerst denke ich mir, dass es sich um Möbel handelt, die an einen Bewohner hier geliefert werden. Als ich genauer hinschaue, sehe ich duzende massive Türen. Herbstbraun. Erinnert mich an Erde.

Während ich meinen Blick davon abwende, um die Straße zu überqueren und mich wieder in meine zerstreuten Gedanken zu verliere drohe, bemerke ich einen Wink von der gegenüberliegenden Straßenseite. Es ist mein Nachbar der Rentner.

Ich grüße zurück und sehe, dass er nicht einfach weitergeht. Zwei Männer tragen eine der massiven braunen Türen zum dem Haus an der Ecke und versperren ihm den Weg. Er bremst ab, wartet, macht ein paar Schritte zu Seite und läuft über die Straße zu mir.

»Hallo Herr Civelek.«

»Hallo Herr …, wie geht es ihnen?«

»Gut!« Ein müdes Lächeln und eine Pause. Das Gespräch scheint zu Ende, bevor es begonnen hat. Als er zu mir herüberlief, dachte ich, er hätte mir etwas zu sagen.

Er wirkt etwas mager mit leicht eingefallenen Wangen und den dunkeln Ringen unter den Augen. Seine Augen ein wenig trüb und wässrig. Er scheint wenig geschlafen zu haben. Seine Schultern hängen ein wenig zu tief und sein Kopf scheint geduckt zu sein.

Er wartet. Wieso?

Ich sehe Papiere in seiner linken Hand.

»Papierkram?« Ich zeige darauf.

»Krankenkasse.«

»Ach so, sie sind zur Krankenkasse gegangen.«

»Ja«, sagt er und schaut einen Moment sorgenvoll in die Weite. Sein Adamsapfel tritt hervor und schnellt nach oben und wieder herunter.

»Meine Mutter liegt im Krankenhaus.« Er blickt mich direkt an.

Ich versuche in solchen Momenten, Mitgefühl zu zeigen, möchte allerdings nicht zu viel davon zulassen. Viel zu häufig habe ich meine eigenen Eltern ins Krankenhaus gebracht. Am Anfang war es sehr schwer. All die Jahre bist du das Kind, um das sich deine Eltern Sorgen machen und dann plötzlich bist du Erwachsen und deine Eltern verwundbar. Niemand bereitet dich darauf vor. Egal, wie alt du auch bist, du bleibst immer das hilflose Kind am Bett deiner Eltern. Doch jetzt habe ich eigene Strategien entwickelt, nicht die Ängste und Sorgen sofort in meinen Kopf zu lassen. Ich habe eine Art Spion in einer Tür, als könnte man das Schlimme draußen halten oder sich darauf vorbereiten. Nur gegen unerwartete und unbekannte Vorfälle hilft keine noch so starke Tür oder irgendein Schloss.

»Das tut mir leid zu hören. Was hat sie denn?« Hoffentlich nichts Schlimmes!!!

Seine Unterlippe presst seinen Mund nach oben und formt tiefe Furchen in sein Gesicht. Er blickt zu Boden als suche er etwas.

Wir stehen im Schatten des Hauses. Die Arbeiter schleppen Tür für Tür in das Haus an der Ecke. Diese Türen wirken sehr massiv, als könne sie niemand öffnen, wenn sie einmal verschlossen sind.

Das Haus wurde vor nicht allzu langer Zeit saniert. Außen neue Dämmung, Fenster und Anstrich. Innen neue Böden und weitere Arbeiten, die ich nicht direkt sehen konnte. Und jetzt waren die Türen an der Reihe.

Dieses Haus ist vermutlich älter als wir beide, nein, als wir alle und jetzt sieht es aus wie neu. Für einen, der es vor der Sanierung nicht gesehen hatte, ist es schwer zu erkennen.

»Sie ist einfach umgekippt.« Pause. »Als sie wieder aufstand, wirkte sie konfus. Ich habe sofort einen Krankenwagen gerufen. Da stimmte etwas nicht.«

Dann erzählt er. Es stellte sich heraus, dass sie dehydriert war und zu wenig gegessen hatte. Infolgedessen kippte sie um und kam auch nicht wieder richtig zu sich. Sie hängte sie ans Tropf und eigentlich hätte es hier gut weitergehen können, aber dann sagt er:

»Als sie wieder bei sich war, sagte sie, sie wolle nicht mehr leben. Sie will einfach sterben. Es reiche ihr. Sie hätte genug gelebt!«

Ich bin schockiert und weiß nicht, was ich sagen soll, was man überhaupt in dieser Situation sagen kann. Am liebsten wäre ich jetzt weggegangen. Seine Mutter erlebte ich vor wenigen Monaten noch als sehr vital und lebensfroh. Aber wer weiß schon, wie der Mensch hinter freundlichen Gesicht mit dem Lächeln sich wirklich fühlt.

»Sie hat daraufhin den Ärzten jede Behandlung untersagt und nimmt weder Medikamente noch isst sie etwas.«

Er atmet tief ein. Schaut um sich.

»Sie hat dicht gemacht. Ich – niemand! – kommt an sie heran.«

»Kann es nicht sein, dass sie situativ sich in einem körperlichen und emotionalen Tief befindet und es temporär ist?« Ich suche eine Tür, einen Ausgang, etwas, das ein wenig Trost und Hoffnung bringt.

»Die Ärztin hat ihr ein starkes Medikament gegeben.« Das Medikament, dessen Namen ich vergessen habe, wird nach seinen Recherchen Soldaten gegeben, um ihnen die Angstzustände zu nehmen. »Danach können sie wieder freudig in den Krieg ziehen.«

Er schüttelt den Kopf.

»Das Mittel hat starke Nebenwirkungen. Sie ist jetzt nicht bei sich und will immer noch nicht weiterleben. Was passiert«, fragt er, »wenn die Wirkung in ein paar Tagen nachlässt?!«

Ich weiß es nicht und möchte es mir nicht vorstellen.

»Dann fällt sie vermutlich in ein tieferes Loch.«

Bevor ich etwas sagen kann, von dem ich denke, es könnte etwas Trost spenden oder seine Sicht ein wenig zu etwas Positivem lenken, fährt er fort.

»Auch, wenn es ihr wieder unerwartet bessergeht und sie nach Hause kann, kann sie nicht mehr alleine wohnen.«

Pause.

Sie wird nie mehr so sein wie sie einst war. Es ist der Beginn vom Ende.

Er spricht diese Worte nicht aus.

»Sie muss betreut werden.«

Pause.

»Das kann ich mir nicht leisten.«

Pause.

In diese Pause schleicht sich ein beunruhigender Gedanke ein. Wenn ich oder ein Verwandter ein Pflegefall werde/wird, dann ist das nicht nur menschlich tragisch, emotional und körperlich belastend, sondern – als ob das nicht ausreichen würde – auch noch eine finanzielle Katastrophe. Das ist auch meine Sorge.

Langsam wird es ziemlich frisch.

Ich weiß nicht, wie lange wir hier schon stehen. Die Männer vom LKW haben alle Türen hineingetragen.

Er lächelt und wir reichen uns zum Abschied die Hand.

Der LKW ist weg. Als ich vom Einkauf an dem Haus an der Ecke vorbeikomme, sehe ich, dass die Haustür, die Kellertür und die Türen im Erdgeschoss herausgerissen sind. Es scheint, als wohne dort niemand mehr.

Mir fällt ein, der Rentner hat keine Verwandten und keine Nachkommen. Wenn sie nicht mehr ist, dann ist er alleine auf dieser Welt. Das letzte Kind seiner Familie.

Nachtrag: 24.02.19. Einen Tag nach unserem zufälligen Treffen verstarb seine Mutter.

photo by Mikael Kristenson on Unsplash

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