Auf eine Reise gehen

Freitag, 22.02.19. Bielefeld.

»Hallo Herr …, wie geht es ihnen?« Ich grüße den Rentner.

»Hallo«, er lächelt und schaut freundlich wie immer und doch ist da ein Zögern, »Herr Civelek«.

Die Worte gehen ihm schwer von den Lippen und fast droht seine Stimme zu kippen.

Dann schweigen wir uns an.

Nicht sehr lange, doch lang genug, um die Traurigkeit dahinter zu entdecken. Ich habe das Gefühl, er möchte mir etwas sagen.

Und dann wird es mir bewusst.

»Ihre Mutter ist verstorben?!«

Die Plötzlichkeit, mit der ich diese Worte ausspreche, überrascht mich selbst.

»Ja.«

»Mein herzliches Beileid.«

»Vielen Dank.«

Er redet kaum und doch habe ich das Gefühl, er möchte reden.

»Wann ist sie verstorben?«

Das Wort Tod vermeide ich. Das klingt so brutal und endgültig. Mein Gedanke ist albern.

»Letzte Woche Freitag.«

»Oh, das ist ja direkt einen Tag nachdem wir über ihre Mutter miteinander gesprochen haben.«

Ich sehe ihn an und finde, dass er nicht so müde und unausgeschlafen wie letzte Woche aussieht. Seine Augen wirken klarer und die Ränder darunter scheinen nicht mehr so dunkel. Das Bangen und Kämpfen um das Leben seiner Mutter ist vorbei.

»Ja, das ging«, er stockt, »sehr schnell… so plötzlich.«

Er hält inne, als ihm wiederholt die Stimme abhanden zu kommen droht. Dann redet er ruhig mit fester Stimme weiter. Erzählt mir Details über ihren Aufenthalt, über das, was die Ärztin gesagt hat, über die erschreckend hohen Bestattungskosten, über die unerwartet schwierige Suche nach den Kontaktdaten ihrer Freunde, die er informiert hat und nicht weiß, ob er alle gefunden hat und wer von ihnen überhaupt noch lebt.

»Sie hatte überhaupt keine Handydaten und keine Listen«, sagt er. Er scheint immer noch darüber überrascht zu sein. Mir ist nur nicht klar, ob es sie betrifft oder ihn selbst, dass er tatsächlich glaubte, etwas zu finden. »Letztlich fand ich eine Liste mit Kontaktdaten von der Beerdigung meines Vaters.«

»Sie hätte«, sagt er, »nicht mehr alleine wohnen können und eine 24-Stunden-Betreuung gebraucht.«

Ein Seufzer.

»Das hätte ich mir nur ein paar Monate leisten können.« Ein unscheinbares Aufbrausen zum Ende des Satzes. Ich höre etwas wie Wut und eine finanzielle Sorge heraus oder auch den Versuch, ihrem Tod etwas Positives abzugewinnen.

»Letzten Sommer habe ich mit ihr gesprochen«, sage ich. Es war das erste und letzte Mal, dass ich mit ihr redete. Sie kam gerade von einem Ausflug mit ihren Bekannten zurück und stieg gut gelaunt aus deren Auto aus.

»Ich erinnere mich. Da war ich im Urlaub.«

»Ja«, lache ich, »sie freute sich, dass sie endlich in Urlaub gegangen sind.« Eigentlich spricht man bei Rentnern nicht von Urlaub, sondern von Reisen, denke ich mir.

Er lacht.

»Sie beschwerte sich über sie, dass sie wegen ihr gar nicht reisen würden, weil sie sich unnötigerweise zu sehr um sie sorgen würden.«

»Stimmt.« Er lacht wehmütig und es klingt so, als hörte er dies nicht zum ersten Mal.

»Ich werde jetzt meine Cousins« – ich dachte, er hätte keine Verwandten – »im Norden besuchen, dann…« Er zählt eine Reihe von Menschen und Orten auf und es klingt so, als hätte er sie lange nicht gesehen und es nun an der Zeit ist, sie alle zu besuchen.

»Das klingt gut«, sage ich und freue mich. »Ich wünsche ihnen eine gute Reise!«

Wir nicken uns beide zu.

photo by Mikael Kristenson on Unsplash

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.