Das Joggen und ich

A Brand New Day by Thomas Hawk

„Der diskontinuierliche Paradigmenwechsel in den Wissenschaften führt zu einer kontinuierlichen Entwicklung in den Wissenschaften.“ Das war sinngemäß der allererste Satz des Profs in meiner allerersten und deshalb auch der allerletzten Philosophie Vorlesung! Doch ich bilde mir ein, dass der Satz hervorragend mein Verhältnis zum Jogging wiedergibt.

Ich jogge mit unregelmäßiger Regelmäßigkeit und unterstelle mir dabei, Fortschritte zu machen, so dass ich mal an einem Marathon teilnehmen kann. Heute war wieder so ein Tag. Die Sonne tauchte unerwartet in Bielefeld auf. Körperlich hatte ich meine Erkältung nahezu auskuriert. Fühlte mich fit und wollte mich wieder bewegen. Ich wollte es dabei langsam angehen, denn das letzte Mal lag fast drei Wochen zurück, aber eine attraktive Joggerin durchkreuzte meinen Plan!

Diese anhaltende Erkältung nervte allmählich. Immer wenn ich auf dem Weg der Besserung war und mich kurz vor dem Ziel wähnte, tauchte ein Arbeitskollege, ein Bekannter oder ein Verwandter auf, der eine andere, ansteckende Form der Erkältung mit sich trug . Somit dürfte ich alle aktuellen Variationen an herumgrassierenden Viren kennengelernt haben und gut für den bevorstehenden Winter gerüstet sein! Also zog ich mich vorsichtshalber etwas wärmer an. Ich hätte auch so ausgestattet im Winter laufen können.

Die ersten beiden Kilometer liefen sich dann auch überraschend gut. Ich blieb bei meinem geringen Tempo, denn allein neigte ich immer zum zu schnellen Laufen. Ich war zufrieden mit mir. Genoss das tolle Wetter, lauschte der motivierenden Musik aus meinen Kopfhörern und hing meinen Gedanken nach. Sogar meine Brille hatte ich abgenommen, damit mich wirklich nichts ablenkte. Doch das alles half nichts als plötzlich vor mir eine schlanke, sportlich gekleidete Blondine mit Pferdeschwanz auftauchte. Viel kann ich ohne Brille nicht sehen, anscheinend reicht es aber dafür! Sie ging, in meine Richtung und versuchte vermutlich, Musik auszuwählen.

Es war also nur eine Frage der Zeit, dass ich sie überholen werden würde. Umso näher ich ihr kam, desto mehr bestätigte sich mein erster Eindruck. Ich richtete meinen Oberkörper auf, drückte meine Brust heraus und spannte jeden Muskel meines Körpers an. Achtete aber darauf, nicht zu künstlich und verspannt zu wirken. Mein Lauf war leicht, locker und flockig, als sei das Laufen das natürlichste für mich. Um meine Fitness oder besser meine Coolness noch zu bekräftigen, erhöhte ich nicht nur mein Tempo, sondern fing gleichzeitig an, nur durch die Nase zu atmen und verschloss dabei meinen Mund. Aerobe Atmung war etwas für Schwächlinge!

Und dann kam der Moment. Ich lief an ihr vorbei! Natürlich würdigte ich sie nicht eines Blickes! Ich bin Profi! Voll konzentriert! Blende alles um mich herum aus! Lasse mich von nichts ablenken! Und während ich diesen kurzen Moment des bescheuerten Triumphes auskoste, kommt mir da ein komischer Gedanke. Eine Befürchtung. Und plötzlich, dich hinter mir, fängt sie an, loszulaufen!

Oh mein Gott, schießt es mir durch den Kopf, ich habe überhaupt keine Luft mehr! Ohne richtige Atmung schaffe keine weiteren fünf Meter mehr! Wenn ich dann anfangen würde zu atmen, dann würde ich wie ein Ertrinkender nach Luft schnappen, der es gerade noch so an die Wasseroberfläche geschafft hat!

Ich schaue aus den Augenwinkeln nach hinten, während ich ein leichtes Brennen im meinen Lungen verspüre. Nein, sie läuft nicht schneller als ich! Zu dicht hinter mir! Ich schaue nach vorne. Verdammt, keine Abbiegung weit und breit! Meine Gedanken strampeln nervös und schlagen panisch gegen meinen Kopf, der zu explodieren droht. Beklemmung. Panik. Luft!

Ich hechle wie ein nasser Waschlappen und schnappe gierig nach Luft. Ich kann nicht mehr Laufen! Ich atme so schnell so viel Luft ein, dass mein Herz wie behämmert gegen meinen Brustkorb knallt!

Muss stehen bleiben! Und trotzdem richte ich mich reflexartig auf, als sie endlich an mir vorbeiläuft. Sie würdigt mich nicht eines Blickes. Nicht die geringste Reaktion. Kein Zucken. Sie rauscht mit ihren weißen Kopfhörern in ihren Ohren an mir vorbei. Ihr Pferdeschwanz wippt dabei rhythmisch im Takt.

 

photo credit:Thomas Hawk via photopin cc


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