The Walking Dead: Gefangen in Gedanken oder Ankommen im Hier

Die Grenzen unseres Denkens by Hakan Civelek

Während ich wie ein Hamster auf meinem Hometrainer auf der Stelle trat, irrten Untote ziellos auf meinen Bildschirm umher.

Ich schaute mir die Episode 4 der 6sten Staffel von »The Walking Dead« (Amazon Werbelink) an. Wenn auch diese Folge sehr wenig Action bot, gefiel sie mir wegen der Charakterstudie der Figur Morgan. Vor allem mochte ich an dieser Folge, wie Form und Inhalt sich ergänzten und Deutungsebenen schafften. Das Gefängnis in dieser Folge war viel mehr als nur eine Zelle.

Während ich verschwitzt auf dem Sattel meines Trimmrads saß, saß Morgan in einer Zelle fest, aus der er nicht herauskam. Vordergründig hielt ihn die Zelle gefangen. Aber diese Zelle stellte mehr dar, als nur ein Gefängnis aus Eisenstäben.

Hier ist nicht hier, wenn du selbst woanders bist

Er war zwar anwesend, aber nicht im Hier. Als er überlebte, hatte er etwas von sich zurück gelassen. Ein Teil, das bei seiner Frau und seinem Sohn blieb als sie umkamen. Vielleicht passte es daher gut ins Bild, dass er aus seiner Zelle aus auf ein Bild an der Wand blickte, das von einem Kind gemalt wurde und in bunten Farben von besseren Zeiten erzählte.

In diese Zelle wurde er von einem Mann gesteckt, der trotz schmerzhafter Vorgeschichte seinen Frieden gefunden hatte und sich als sein Mentor erweisen sollte.

Und als Mentor sperrte er Morgan nicht wirklich ein. Die Zelle war, zur Überraschung Morgans, nicht abgeschlossen. Den Schlüssel für die Gefängnistür hatte der Mann vor langer Zeit in einen See geworfen und so für sich mit dem Gefängnis abgeschlossen.

Die ganze Zeit war die Gefängnistür unverschlossen, aber Morgan kam nicht auf den Gedanken, dass es anders sein könnte, dazu hätte er im Hier sein müssen. Stattdessen versuchte er, die Stäbe am Fenster loszulösen.

Wo dem einen der Schlüssel zum Verschließen fehlte, fehlte dem anderen der Schlüssel zum Öffnen.

Und je länger Morgan sich mit dem Gedanken abfand, nichts dagegen tun zu können, desto unumstößlicher blieb die Tür für ihn verschlossen.

Er war ein Gefangener in seiner Welt und seiner Vorstellung von ihr. Es sind seine traumatischen Erlebnisse, die als Dämonen in seinem Kopf herumgeistern und ihm den Weg nach draußen versperren.

Draußen ist kein Ort, sondern eine Vorstellung im Kopf

Um hinaus zu kommen, brauchte er Hilfe. Und der Weg nach draußen führt nach innen. Sein Mentor »sperrte« ihn ein, um ihn, seinen Geist zu befreien. Er zeigte ihm einen Weg nach draußen, einen Ausweg.

Als sein Mentor die Gefängnistür öffnete, weil Morgan ihm nicht glauben wollte, blieb Morgan trotzdem drin. Er war noch nicht soweit.

Hier beginnt für mich das Besondere dieser Folge, denn hier eröffnen sich mir Deutungsebenen und –möglichkeiten.

Das Gefängnis als Metapher des Eingeschlossensein und Nicht-Vorankommens. Aber zugleich ein hermeneutischer Ort, ein Ort des Rückzugs, des von der Welt-Abgeschiedenseins, um die Welt da draußen auszusperren, und des Besinnens, um in sich zu kehren und zu sich selbst zu finden – fast schon ein Musilscher Moment.

Wer flieht kann gefangen werden

Diese Episode ist die Geschichte einer Heilung, eines Herausfindens aus innerer Gefangenschaft ohne gewaltsamen Ausbruchs und im Ankommen im Hier und Jetzt.

Das Verhältnis zwischen Mentor und Morgan erinnerte mich an Matrix, wo Morpheus zu Neo sagte:

»Ich kann Dir nur die Tür zeigen. Hindurchgehen musst Du alleine.«

Die Grenzen unseres Denkens sind die Grenzen unseres Handelns

Jeder von uns hatte im Leben Momente, wo er feststeckte und die ausgetretenen Pfade nicht verlassen konnte. Wir ketten uns an Vorstellungen fest und können uns nicht mehr davon befreien.

Mir wurde dieser Moment in Barcelona bewusst, als ich eine lächerliche Duschtür nicht richtig öffnen konnte (hier zu lesen: Festgekettet oder warum Elefanten nicht duschen).

Wir erlernen Handlungen, die in der Vergangenheit Sinn machten, aber irgendwann keinen Nutzen haben. Das aber können wir nur beurteilen, wenn wir die ursprüngliche Bedeutung kennen. Daher hinterfrage ich nicht nur mein eigenes Handeln, sondern auch wohlgemeinte Ratschläge, dessen Sinn ich nicht verstehe und die mit »das war schon immer so« oder »alle machen das so« begründet werden. Hierzu gibt es ein witziges Beispiel mit Affen im Käfig und einer Banane (hier zu lesen: Die Banane und die Killerphrase).

Manchmal sollten wir uns eine kleine Pause gönnen, in uns gehen, über uns und uns wichtigen Menschen nachdenken und versuchen, etwas anders oder Unerwartetes zu machen.

Das Perfide an den eignen Grenzen ist, dass wir sie als solche nicht wahrnehmen, weil wir durch die Gitterstäben hindurch schauen.

Viel Spaß beim Sprengen der eigenen Ketten.

Quellen & Links

The Walking Dead – Die komplette sechste Staffel


3 Gedanken zu “The Walking Dead: Gefangen in Gedanken oder Ankommen im Hier

    Reposts

    • Hakan von C

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