Festgekettet oder warum Elefanten nicht duschen

Elefanten festgekettet am Bein

Manchmal, da bin ich nicht ganz auf meiner Höhe und verfange mich in einer von mir selbst erschaffenen Schleife, aus der ich nicht zu entkommen vermag. Einer Schleife, die sich mit jedem Durchlauf immer breiter und tiefer in meine Hirnwindungen senkt und sich allmählich um meinen Kopf wickelt und sich immer enger zuzieht. Angeknotet an dieser Vorstellung hänge ich wie an einer Kette und komme nicht davon weg. So oder ähnlich muss es gewesen sein, als ich an Tür zur Dusche auf meinem Hotelzimmer scheiterte.

Ankunft

Zu meiner Verteidigung: ich befand mich auf Auslandsreise in einem fremden Hotel in Barcelona. Den ganzen Tag verbrachte ich im Anzug mit Hemd und Krawatte in einem unklimatisierten Büro. Als ich sehr spät abends endlich im Hotel einchecken konnte, freute ich mich auf den erfrischenden Swimming-Pool, in dem ich ein paar Bahnen hin- und herschwimmen wollte. Zu meiner Freude befand es sich draußen auf der Terrasse.

„No, no“, sagte die Dame an der Rezeption und grinste dabei recht freundlich. Der Pool sei nur von 09:00 morgens bis 09:00 abends geöffnet. Ok, nicht so schlimm. Ich kann ja noch Sport machen.

„No, no“, hörte ich sie wieder. Sie wiederholte den gleichen Satz von eben und ersetzte das Wort „Swimming-Pool“ durch „Fitnessraum“. Damit waren meine Chancen, irgendwann zu schwimmen oder Sport zu machen, verschwindend gering. Ich ging vor neun arbeiten und kam kurz vor neun wieder. Sie machte ein verständnisvolles und mitfühlendes Gesicht, das sagen wollte, ich würde ihnen gerne helfen, kann aber nichts für sie tun.

Das Zimmer

Ich griff mit meiner Hand zu der Tür meines Hotelzimmers. Dezent gespannte Vorfreude mit skeptischer Zurückhaltung, um die erwartete Enttäuschung gedämpft zu halten und mich wieder einzufangen, denn das Vorspiel an der Rezeption ließ mich dunkel etwas erahnen. Bilder im Internet, Abbild und Realität, Schein und Sein, das wusste ich, tauchten immer wieder zusammen auf als seien sie unweigerlich aneinander gekettet, dabei hing das eine an dem anderen und versuchte es zu übertrumpfen. Am Ende profitierten beide voneinander nicht immer zum Vorteil des Gastes.

Das Zimmer war sauber, gut gekühlt und hell, dank des großen Fensters, das mehr als die Hälfte der Wand einnahm. Die Vorhänge mit altbackenen Blumenmustern auf gelben Hintergrund waren kunstvoll seitlich und nach oben geknotet, so dass ich durch die Gardinen Lichter, die unvorhersehbar herumtanzten, sehen konnte. Ich schob die Gardinen beiseite und blickte auf hohe, abgewrackte Gebäude, die trostlos herumstanden. Zu deren Fußen lag etwas mit spiegelnder bläulich-grüner Oberfläche – der Swimming-Pool! Was eine Oase inmitten dieser kargen Plattenlandschaft hätte sein können, wirkte verloren. Ich stelle es mir etwas eigenartig vor, dort inmitten dieser Ödnis mit meiner Pinken ins Rote übergehenden Badehose in diesem Swimming-Pool zu schwimmen. Welche Menschen verbargen sich hinter all diesen Fenstern und schauten dabei zu? Ok, wer wollte mich schon sehen…

Mit einer Mischung aus Verärgerung und gefasstem Humor suchte ich den zweitwichtigsten Raum: das Badezimmer.

Das Bad

Eine undurchsichtige Glastür trennte das Badezimmer. Ich weiß nicht, ob ich ungerecht schlecht drauf war, denn mein erster Gedanke galt methanschwangerer Luft angereichert mit Schwefel, die aus den Ritzen der schmucken Tür entweichen würde, sobald der Gast sich darin entleerte.

Ich schaltete von außen das Licht ein und ein beruhigend gedämpftes Grün schien freundlich durch die milchige Glastür. Während ich die Tür öffnete und in das Bad eintrat, betraten meine Gedanken bereits bekannte Pfade, die sich rund um die Arbeit bewegten.

Fast schon gedankenverloren nahm ich poliertes Grün auf dem Boden und an allen Wänden wahr; glänzend, überschwänglich, gefangen in einem Raum ohne Fenster. Eine erzwungene Schönheit paarte sich mit einer dezenten Duftmischung aus Zitrone und Essig und einer unerwartet blumigen Note.

Halb in Gedanken überrumpelte mich der Raum, und ich schaute mich verwirrt um, fand weitere Lichtschalter und knipste sie alle an.

Eine protzige Badewanne mit zu hochgehangenem Duschkopf, bei der ich mich fragte, wie das Bad dabei trocken bleiben sollte; zwei Becken, eingefasst in gläserne Halbkugeln, die wie ein Vergrößerungsglas wirkten und jedem Wasserfleck unnötig viel Aufmerksamkeit schenken dürften; darauf eine deplatzierte Plastikorchidee mit weißen Blütenblättern, die sich zum Rand hin violett/rosa färbten. Inmitten dieses unstimmigen Arrangements, das mehr sein wollte als es war, entdeckte ich erleichtert etwas Vertrautes: die Dusche, die sich beschämt in einer Ecke gleich neben der Tür versteckte. Beruhigt verfiel ich in gedankenversunkene Routine. Während ich roboterhaft vor der Duschtür mein Badetuch griffbereit aufhängte und das kleine Tuch am Boden zu meinen Füßen ausbreitete, begann ich die Eindrücke meines Arbeitstages zu ordnen.

Endlos getaktete Meetings, unterbrochen durch unnötig lange Telefonate, reihten sich austauschbar aneinander. Das Immer-Wieder-Durchkauen des Immergleichen durchzog den Tag in leichten Variationen. Die beständige Aktivität wirkte beruhigend und täuschte ein Gefühl des Vorankommens. So waren denn nahezu alle Eskalationspunkte in den Managementfolien marmorgrün, unveränderlich und glanzpoliert. Innerhalb des überwiegend Grüns tauchte vereinzelt etwas Rotes auf und wirkte unterschwellig dekorativ wie eine Plastikpflanze in diesem Bad.

Aber – etwas stimmte nicht.
Ich zog und riss mich ins Hier und Jetzt.
Meine Hand lag auf der Duschtür.

Ich zog wieder daran.
Wieder ging sie nicht auf.
Die verdammte Glastür ging n-i-c-h-t auf!

Hilflose Fassungslosigkeit. Ich zog meine Hand weg. Schaute sie an, dann den Knauf, dann schaute ich mich um, nach Worten oder Personen suchend, die das eben Geschehene bezeugen konnten. Wie bescheuert sind die! Wut kochte in mir auf und kurz erwog ich, nach unten zur Rezeption zu laufen und Dampf abzulassen. Im Ausland traute man den Ausländern jeden Blödsinn zu (nur dass sie hier eigentlich Inländer waren). Also nahm ich an, dass sie bei der Duschtür geschlampt hatten. Südländer halt! Das Hotel wies zwar fünf Sterne auf, doch abgesehen von den Fotos im Internet und den Marmorplatten glänzte hier nicht viel. Es passte in mein Gesamtbild.

Dann drückte ich die Duschtür in die Dusche hinein. Wie erwartet öffnete sie sich, ließ aber nur einen schmalen Spalt zu, um sich da durchzuschlingen.

Ich zwängte mich ein paar Male durch den Schlitz hinein und hinaus, penibel darauf achtend, dass ich nie die gummierte Kante der Glastür berührte. Auch wenn es meine Haut wie die Lamellen bei der Autowäsche hätte trocken wischen können, ekelte mich der Gedanke, dass bei der kleinsten Berührung Millionen von Schimmelpilzen auf meinen Körper übertragen werden könnten. Nur wenige Millimeter auf meinem Oberkörper mehr und ich hätte nicht mehr durchgepasst oder hätte mich einölen müssen, um durchzuflutschen. Tatsächlich überkam mich ein schreckhafter Gedanke, den ich leider in der Dusche hatte: was, wenn ich nicht mehr herauskam? Dann seife ich mich mit dem Duschgel ein, kam mir die rettende Lösung.

Und als sei das Absurde nicht mehr steigerungsfähig, passierte etwas, was im Leben immer passiert: die unvorstellbare Steigerung in jener Form, die niemals gedacht oder ausgedacht werden konnte. Jene Form, die dem Spruch „erstens kommt es anders, zweitens als man denkt“ Leben einhauchte.

Es passierte wieder in einem unachtsamen Moment, als wollte mir das Bad etwas sagen. Zuerst bemerkte ich es nicht. Nur – irgendetwas war anders. Ich blickte auf meine Hand und zog sie langsam von der Tür weg. Ungläubig schaute ich den Knauf an, in dem ich eine kleine verzerrte Version meines Selbst sich spiegeln sah. Und plötzlich erkannte ich, dass ich die Duschtür korrekt nach außen geöffnet hatte – die Tür funktionierte einwandfrei, schon immer! Und während ich fassungslos in das Bekannte hinein blickte als hätte ich es niemals zuvor gesehen und regungslos in der anhaltenden Stille stand, begannen die Gedanken, Wellen zu schlagen und ein Rauschen ging durch meinen Kopf. Und dann brach es aus mir heraus. Ein helles Lachen, das von den glatten Wänden auf mich zurückhallte als lachte das Bad mit mir oder über mich: einem gutbezahlten Berater mit jahrzehntelanger Erfahrung in weltweiten Projekten und exzellenten Programmierkenntnissen. Jetzt stand ich nackt und lachend in einer absurden Situation da, die an Trivialität nicht zu überbieten war. Auf einen Außenstehenden hätte ich den Eindruck eines Verrückten gemacht.

Wie ein Roboter hatte ich, einmal einprogrammiert, mechanisch meine Bewegungen abgespult, immer und immer wieder, und da sie in der Welt liefen, blieben sie unverändert. Jetzt erst merkte ich, dass ich mich in einer von mir selbst erschaffenen Schleife gefangen hatte und zufällig herauskam. Es glich einem Seiteneffekt eines Programms, der meist verborgen blieb, da es nicht dem vorgeschriebenen Prozess entsprach. Und dann kam jemand wie ich, unberechenbar und fast schon absurd, der etwas tat, was möglich war, aber keinen Sinn machte. Unangenehme Kunden begannen just in solchen Momenten, sofort zu eskalieren und schauen dann beschämt, wenn wir ihnen die einfache Lösung vorführten. Da gab es aber noch eine weitere Gruppe von Kunden, neben denen die Eskalationskunden wie brave Müttersöhnchen wirkten. Diese besondere Gruppe setzte entweder die Brechstande an oder ging gleich mit dem Kopf durch die Glasscheibe. Ich schüttelte leicht erheitert den Kopf, um diese Gedanken zu verwerfen, denn zum Glück war mein spanischer Kunde nur temperamentvoll wie es sich für Südländer gehört. Dabei legte ich unbewusst etwas anderes frei.

Der Elefant

Eine Erinnerung ragte heraus, auf dessen Spitze ein imposanter Elefant amüsiert auf seinem Vorderbein balancierte. Leicht nach vorne gekippt schien es einen Handstand machen zu wollen, doch an einem der hinteren Beine hing eine schwere Kette, die sie daran hinderte. So schwebten die beiden Hinterbeine halb in der Luft, jederzeit Gefahr laufend, ihn hinunter zu stürzten.

Was gibt es da zu lachen, wollte ich den grauen Riesen fragen als mir die Sonderbarkeit dieser Erinnerung auffiel. Woher kam sie? Und dann fiel es mir ein. Es ist die Geschichte einer guten Bekannten.

Bekki war nach Afrika gereist und hatte mir Bilder davon gezeigt. Sie auf einem mächtig hohen Elefanten, der sie durch das Wasser trug, während ein anderer Elefant aus seinem Rüssel eine Wasserfontäne schoss. Auf einem anderen Foto ruhten sich die Elefanten aus. Zu meiner Verblüffung entdeckte ich einen Eisenring an dem Bein eines ausgewachsenen Elefanten. Daran statt einer Kette ein Seil befestigt an einem Holzpflock. Wieso reißt sich der Elefant nicht davon los, fragte ich sie.

Von klein auf seien diese Elefanten festgekettet, begann Bekki zu erzählen. Damals hätten sie sich versucht, davon zu befreien. Doch irgendwann nach unzähligen verlorenen Kämpfen kam der Moment, in dem sie aufgaben und lernten, sich ihrem Schicksal zu fügen. Dieser aussichtslose Moment brannte sich tief in ihr Gedächtnis ein und nie wieder sollten sie einen erneuten Befreiungsversuch wagen. Wann immer ihnen ein Eisenring um ihr Bein gelegt wurde, das mit einem Seil an einem Pflock hing, kam mit der Schwere die Erinnerung ihres Scheiterns. Obwohl die Elefanten sich jederzeit hätten befreien können, blieben sie ein Leben lang in Gefangenschaft, gefangen in den einst ausgeprägten Mustern ihres Denkens.

Damals übte diese parabelhafte Metapher sofort eine eigentümliche Faszination auf mich aus. Ich konnte sie nicht greifen. Etwas Großes und Tiefsinniges lag darin verborgen. Etwas, dass bedeutend für das Leben schien, eine Art Gleichnis auf die erlernten und teilweise selbst auferlegten Beschränkungen, das in uns an der Schwelle zum Bewusstsein lauerte; ein Gleichnis, das wir lösen mochten aber nicht konnten.

Jetzt jedoch, gereift an Lebensjahren (oder nur daran ermüdet), sponn ich einen einfachen Gedanken weiter. Warum muss sich der Elefant befreien? Warum muss es dem Elefanten in Freiheit besser gehen? Würde der Elefant überhaupt überleben. Jegliche verklärte Romantik wich dem Nüchtern-Rationalen. Tragen wir nicht gerne diese Ketten, die das Leben in gelenkten Bahnen festhält? War es manchmal nicht besser, von der Freiheit zu träumen als wirklich frei zu sein? Keine Ahnung, was den Elefanten betraf.

tl;dr

Das Leben, gelenkt in wohlgefälligen Bahnen, mit winzigen Ausreißern nach oben und gefühlt häufiger nach unten, stagniert in Variationen des Immergleichen. Als sei sie sorgfälltig festgekettet an ein imaginäres Band, das nur einen kleinen Bewegungsspielraum zulässt und mit der wir uns zufrieden geben, denn dort haben wir uns sorgfältig eingerichtet. Machen wir uns doch nichts vor, wir sind mit diesem Leben am glücklichsten unglücklich. Und manchmal sind denkanstößige Metaphern deplatziert wie Elefanten im Porzelanladen oder in einer Dusche.

photo credit: Adam Foster | Codefor via photopin cc


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