Mit Tinder über Gesichter wischen

Ein junger Mann, groß und schlank, steht lässig vor mir. Hält sein Smartphone locker in seiner linken Hand und wischt darüber mit seinem rechten Zeigefinger, als würde er gönnerhaft virtuelle Scheine auf dem Büroflur verteilen. Über ihm leuchtet ein grünes Notausgang Schild mit einem Pfeil rechts. Das Szenario wirkt surreal auf mich. Sein Smartphone hätte ebenso ein Colt in einem Western sein können, mit ihm als aus der Hüfte schießendem Cowboy. Das hätte mich nicht mehr irritiert.

In dieser triumphierenden Pose zeigt er mir seine Tinder-App. Man könnte meinen, er hätte etwas entdeckt und etwas Besonderes geleistet, als sei er ein Held in einem selbst inszenierten Film – vielleicht doch kein Western, eher ein Film über Eroberungen. Und ich habe das eigenartige Vergnügen, diesem jemand, der für mich in Wirklichkeit ein niemand ist, denn ich kenne ihn nicht, dabei zuschauen zu müssen.

Das habe ich häufiger, diese unfreiwilligen Begegnungen einseitiger Natur mit Menschen, mit denen ich nicht rede. Ich habe dazu seit längerem eine Theorie: Mein Gesicht spricht eine mir unbekannte Einladung gegenüber nervigen Menschen aus. Meine geheime Superkraft.

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Einkaufen offline

Es gibt bestimmte Filmszenen, die vergisst man nicht so leicht, weil sie aus einem unbegreiflichen Grund sich in deinem Kopf verheddern und dort Unfug treiben. Dann, in einem unpassenden Moment, finden sie den Weg ins Freie, also in dein Leben, um sich dort über dich lustig zu machen. In meinem Fall bist du ich. Und die Szene, von der ich rede, handelt von Tyler Durden aus dem Film Fight Club (Amazon Werbelink).

Ich sehe Tyler Durden mit seinem verächtlichen Lächeln vor mir, wie er mir meine Hausaufgabe aufgibt. Doch anstatt zu sagen, beginne eine Schlägerei und verliere, sagt er: Gehe in einen Kaufladen, lasse dich zwei Stunden beraten und – jetzt schaut er mir direkt in die Augen – gehe wieder, ohne etwas zu kaufen! „Einkaufen offline“ weiterlesen

Wie halte ich zahlungswillige Kunden vom Billigen ab

Ein ungewohnt großflächiges Weiß umhüllte die Verpackung. Fast schon gähnende Leere. Da fehlte etwas! Wo bei anderen Nahrungsmitteln der Konsument mit appetitlichen Bildern zum Kauf gelockt werden sollte, erschien dieses Produkt trocken und unscheinbar, als wollte es sich davonstehlen oder sich dem Blick (oder dem Geschmack?) des Betrachters entziehen.

Lass die Finger davon!, hörte ich eine Stimme in meinem Kopf rufen. Ich hatte immer eine gewisse Abneigung gegen »Billig«-Produkte, und zusammen mit dieser Art von Verpackung wirkte das Produkt dann abweisend auf mich.

Woher sie kam, weiß ich nicht so genau. Vielleicht bin ich zu markenbewusst oder einfach nur oberflächlich. An eins aber erinnere ich mich genau, denn jedes Mal, wenn ich beim real,- einkaufen war und eins ihrer günstigen Produkte in der Hand hielt, fragte ich mich, warum sie bei der Verpackung sparten und nicht für ein besseres Design sorgten.

So schwer konnte das nicht sein, oder? Und mit einer ansprechenderen Verpackung würden die Supermärkte mehr von den »billigen« Produkten verkaufen (zumindest bei ihren eigenen Marken). Aber genau das wollen die Supermärkte nicht.
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Ein Geschenk an die Mutter

Ein Geschenk an die MutterAls wir Kinder waren, achteten unsere Eltern genau darauf, dass wir die richtigen Freunde hatten. Die Falschen würden einen schlechten Einfluss auf uns ausüben. Raul hatte nicht die falschen Freunde – er war der falsche Freund. In der Unterstufe bezeichnete ihn seine Lehrerin als »böses Kind«, während sie ihn aus dem Gymnasium schmissen.

Als das Wort »Schwul« den Mund eines Mitschülers verließ, machte sich dessen Schneidezahn auf denselben Weg nach draußen. So leicht ihm das eine Wort fiel, so schwer folgte ihm sein Zahn. Dabei hatte er doch nur das gesagt, was auch sein Vater immer wieder sagte: wer »Raul« heiße, der sei auch schwul oder werde es irgendwann. Weder er noch sein Vater mussten sich dafür rechtfertigen.

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