Beauty-Shopping für voluminöse Wimpern

Samstag, 08.02.20. Bielefeld.

Bella, wie der Name schon sagt, braucht eigentlich keine Beauty-Produkte, aber sie bekam nun einmal einen 200,- Euro Beauty-Gutschein von ihrem Mann geschenkt. Also bleibt ihr nichts anderes übrig, als diesen Gutschein für ein Versprechen auf noch mehr Beauty einzulösen. Und ich als ihr bester Freund darf an diesem Beauty-Ereignis teilhaben – quasi als schmuckes Beiwerk und, seien wir ehrlich, als Mann lernt man schließlich immer gerne etwas dazu.

Als wir uns am Nachmittag bei mildem Wetter in der Bielefelder-Stadt treffen, habe ich mein Beauty-Programm bereits hinter mir. Nein, ich meine nicht, morgens aufzustehen und aufs Klo zu gehen, sondern mein Fitness-Training. Ich war schon im Gym (sagt man doch neuerdings so?). Bellas Beauty-Programm war ihr heutiger Besuch beim Friseur, daher sage ich mir, merk dir das und mach ihr ein Kompliment, was ich prompt wieder vergesse. Wir sind halt viel zu lange befreundet, um uns mit solchen Oberflächlichkeiten aufzuhalten.

Während wir mit unseren warmen Starbucks Kaffeebechern, die unsere Namen tragen, durch die Altstadt schlendern, erzählt sie mir, dass ihr die voluminösen Wimpern ihrer Friseurin aufgefallen seien. Daher habe sie nachgefragt und jetzt sind wir auf dem Weg zu Loom zum Beauty-Shoppen, um dieses Wunder für die weiblichen Wimpern zu finden.

Das stört mich nicht. Shoppen mit Bella ist sehr entspannend, denn ich muss nichts sagen, machen oder tun oder Gefallen an etwas, das sie aussucht, finden etc. Es ist wie ein Kaffeekränzchen mit beiläufigen Shopping-Elementen. Leider ist sie die Ausnahme. Es ist halt ein Unterschied, ob man(n) mit der besten Freundin einkaufen geht oder mit einer, mit der man eine Beziehung führt, vor allem, wenn man wie ich dazu neigt, die ungeschminkte Wahrheit zu sagen.

Tatsächlich finden wir in einer bekannten Parfümerie-Filiale zwischen irritierenden Düften dieses Wundermittel, dessen Namen ich in dem Moment vergesse, in dem ich es höre. Was ich aber nicht vergesse, ist diese junge Beraterin mit aufgespritzten Lippen und so großen künstlichen Wimpern, die im Vergleich zu ihrem unglaublich dünnen und zierlichen Körper so wuchtig wirken, dass man Angst haben muss, dass sie entweder jeden Moment nach vorn überkippt oder bei einem zu schnellen Augenaufschlag davonflattert.

So jung und schon so künstlich?, denke ich mir und verstehe es nicht, denn sie hat schöne Gesichtszüge, ist attraktiv. Nötig hätte sie es nicht. Was wirst du machen, wenn du erst in unser Alter kommst?

Aber was weiß ich schon! Vielleicht brauchen größere Lippen mehr Wimpern als Ausgleich wegen der Lips-Lashes-Balance, also LLB-Index oder Koeffizient (das Wort habe ich mir eben ausgedacht).

Da fällt mir die Sendung »Galileo« ein. Influencer nannten die sich, glaube ich. Frauen, jung, hübsch mit unnötigem Eingriff in das vorab für mich makellose Gesicht. Diese Frauen nannten es Schönheits-OP. Es sei der neue Beautytrend der Instagramer. Für mich sah es wie ein Ausblick in eine kaputte Zukunft aus, an dessen Ende ein chirurgisch aufgepeppter Körper einer fragilen Person stand. Etwas, das mich ratlos zurücklies.

Ich werfe Bella einen unauffälligen Blick zu. Sie hat die übertriebenen Wimpern auch bemerkt, vermutlich viel eher als ich.

Die junge Dame sagt, sie trage dieses wundersame Mittel auch auf ihre Augenbrauen auf und die wuchsen deshalb auch stark.

Bella und ich schauen auf ihre Augenbrauen. Kräftig und chirurgisch präzise in eine geometrische Form geschnitten. Erinnert mich an eine Hecke in einem Vorgarten. Diese präzise geschnitten Formen irritierten mich bereits bei den südländischen Männerbärten. Vielleicht ist es auch der Neid, denn mein Bartwuchs ist unregelmäßig und löchrig. Vielleicht sollte ich diese Tinktur auch mal ausprobieren.

»Warum«, frage ich als schlauer Mann und halte mich dabei für gewitzt, »wird das nicht an kahle Männer verkauft?«

Während sich diese Frage unter meinen hohen Geheimratsecken kräuselt, denke ich für einen Moment ernsthaft über meine eigene Idee nach. Warum nicht. Wäre billiger als eine Haartransplantation in der Türkei. Bart, Haare, ich könnte gleich meinen ganzen Kopf hineindippen. Mein neues morgendliches Beauty-Programm!

Aufflatternde Augen, als könnten sie dumme Fragen davonfegen. Das sei eine Frage des Geldes, sagt sie. Denn diese kleine Tube koste 90,- Euro und wer – sie hebt ihre Hand und friert diese Position ein, um drei Sekunden regungslos in den Raum zu starren – jeden Monat 400,- Euro für seine kahlen Stellen ausgeben wolle, könne das tun.

Die Ernsthaftigkeit und Coolness, mit der sie meine Frage beantwortet, lässt durchblicken, dass ich nicht der erste Mann bin, der auf diese grandiose Idee gekommen ist. Bei allem, was sie sagt, schaut sie uns beide kein einziges Mal an, als sei sie nicht wirklich hier. Auch eine seltsame Erfahrung. Ist sie schüchtern? Vielleicht ist sie auch in der Ausbildung…

Wir sind am Ende. Bella kauft einen Wimpernstift mit feiner Bürste für 35,- Euro dazu, wie sonst soll sie diese exklusive Tinktur auf ihre Wimpern auftragen?! Und dann sind wir an der Kasse mit dem Gutschein.

Bekommt sie Provision? Das muss ich googlen, wenn ich wieder zu Hause bin. Wäre schade, wenn sie wegen des Gutscheins keine Provision bekommen würde, denke ich mir. Sie ist ja sehr freundlich und hilfsbereit gewesen. (Hab es jetzt gegoogelt und scheint so, als würden sie tatsächlich eine Provision bekommen, jedoch nicht für Gutscheine.)

Aber dann vergesse ich schnell diesen Gedanken, als an der Kasse die Summe aufpoppt.

»125,- Euro nur für die Wimpern?!« Ich bin ein wenig geschockt.

»Ich hätte es sonst nicht gekauft«, sagt Bella ruhig und zugleich amüsiert.

»Aber«, ich kann es immer noch nicht glauben, »125,- EURO NUR FÜR DIE WIMPERN! Das sind… knapp 4 cm oben und unten pro Auge! Das sind…«, ich rechne weiter, »kaum ein Prozent vom Gesamtkörper!«

Sie lächelt immer noch.

Ich bin so überrascht und immer noch völlig platt von diesen Kosten (oder von den unnötig aufgespritzten Lippen) für nur so wenige Zentimeter des Körpers, dass ich mich nicht auszurechnen traue, was eine Frau an Kosten für Kosmetik insgesamt ausgeben mag.

»Stell dir vor, du kaufst etwas für dein ganzes Gesicht«, dabei schaue ich, als könnte mein Gesicht jede Menge Beauty vertragen.

»Oder für deinen ganzen Körper… das kostet doch ein Vermögen!!!«

»Jetzt hast du es verstanden.«

Ich brauche jetzt einen Kaffee!

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