Der Beneider

Menschen, die sich selbst schlechter und andere besser darstellen, um am Ende sich selbst in ein besseres Licht zu rücken, werfen dunkle Schatten auf andere Menschen.

War ich unachtsam in diesem Moment gewesen oder sprach mein Gesicht eine mir unbekannte Einladung gegenüber nervigen Menschen aus, bei mir ihren geistigen Müll abzuladen?

Vielleicht wirkte ich einen flüchtigen Moment lang freundlich, weil ich an etwas Schönes gedacht hatte – das mir jetzt nicht mehr einfiel. Ich weiß es nicht. Leider gab es eine Steigerung des Voll-Quatschens in Form von wehleidigem Klagen – besser: Das Anklagen von anderen Menschen, die für den eigenen Mist im Leben verantwortlich gemacht werden.

Mein entfernter Bekannter stürmte erfreut auf mich zu. Er gehörte zu jener Sorte Mensch, die sich das Recht herausnahm, die eigene wahrgenommene Benachteiligung an das Schicksal von Menschen zu knüpfen, denen es vermeintlich und zu Unrecht besser als ihm ging.

Das scheint mir derzeit groß in Mode zu sein. Irgendjemand muss doch Schuld am eigenen Leben sein, wenn es nicht gut läuft. Sich selbst die Schuld zu geben – was brächte diese Einsicht? Selbstvorwürfe, Schuldgefühle, Depressionen oder vielleicht die Möglichkeit, etwas an seinem Leben zu ändern?

Ich glaube, der Trend geht eher zum anklagenden Jammern, Nerven, Pöbeln bis jemand anderer diese Aufgabe übernimmt. Heutzutage besinnen wir uns also auf unsere Anfangsjahre als Kinder zurück.

Vielleicht bin ich ein bisschen gemein und unfair.

Vielleicht erfordert diese Einsicht neben gnadenloser Ehrlichkeit und Mut auch ein Stück Zukunftsperspektive, die den Blick nach vorne richtet und die Hoffnung auf etwas Besseres aufleben lässt. Aber ohne Hoffnung bleibt lediglich die Enttäuschung, die sich über die Zeit von Kleinigkeiten ernährt, die es im Leben der anderen findet und sammelt, um daran zu wachsen und irgendwo unkontrolliert sich zu entladen.

Die Kleinigkeit servierte mir der entfernte Bekannte in kleiner Portion und mächtigem Inhalt mit bekanntem Muster. Ein bewährtes Muster, bei dem es den anderen immer besser geht als einem selbst. Bei dem »Die« es schaffen, sich auf unsere Kosten satt zu bereichern. Also die übliche Festlegung auf Er-Täter und Ich-Opfer.

Das Erstaunliche daran blieb immer für mich, wieso es immer Menschen gab, die irgendwoher Menschen kannten, die wiederum Menschen kannten, die irgendwen, irgendwo und irgendwann ausnutzten. Das waren Überhören-Sagen-Menschen. Menschen, von denen man irgendetwas gehört hatte und sofort Bescheid wusste. Und obwohl alle über diese Menschen Bescheid wussten – sogar, wie sie uns alle betrogen –, so waren wir ihnen alle hilflos ausgeliefert.

So lange man aber selbst profitierte schien es allerdings ok zu sein.

Vielleicht durften Menschen, denen jene Sorte Menschen sich überlegen fühlten, es einfach nicht besser haben oder glücklicher sein. Wer weiß, am Ende war es ein stummer Hilferuf nach Mitleid und einer menschlichen Umarmung.

»Was machst du beruflich?« Sein Kopf zuckte nach hinten, und er wurde still. Meine Frage kam unerwartet und abrupt. Sein Gesicht suchte nach einem bedauernswert wehleidigen Ausdruck, fand aber nur etwas Trotzig-Empörtes.

»Ach«, sagte er und schien eine neue Klage einstimmen, »ich suche noch.«

»Wie lange schon?«

Er neigte seinen Kopf und blickte in die Luft. »Weiß nicht.« Dann schaute er mich wieder an. »Ein paar Jahre, egal.«

»Und was hast du für eine Ausbildung?«

»Keine!« Er schaute mich scharf an, als wollte er mir etwas vorwerfen. Es ist immer wieder interessant für mich, auf Menschen zu treffen, die Verständnis für sich beanspruchen, aber selbst für andere keine aufbringen.

»Warte!« Er zog ein iPhone aus der Tasche und drehte sich weg. Während ich mir den witzigen Gedanken gönnte, dass sein Smartphone smarter als er sei, fragte ich mich, ob das nicht das aktuellste Model war.

Er stand mit dem Rücken zu mir, als er ein genervtes »Hallo!« ins Telefon brüllte. Langsam ging er weiter und seine Schritte wurden von bunten Schimpfworten begleitet. Er drehte sich kurz um, winkte mir und vertiefte sich in sein Gespräch.

Eigentlich konnte er sich glücklich schätzen. Denn er hatte eine einfache Sicht auf die Welt. Kannte die »Fronten«. Kannte seine »Gegner«. Alles greifbar.

Manchmal beneidete ich Menschen wie ihn. Ich hingegen versuchte meine Welt differenzierter und distanzierter zu sehen und hatte nicht ein Feindbild. Das führte immer wieder zu Diskussionen und Gegenstimmen. Mit einer einfachen und polarisierenden Meinung hätte ich irgendeine Gruppe auf meiner Seite gehabt, aber so stand ich überall alleine, irgendwie unzugehörig und jeder Depp konnte mich anquatschen.

photo credit: EveryDay… via photopin (license)


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