Happy Monday!

Montag, 07.12.20. Bielefeld. Tag Zwei.

Am Samstag, also vor zwei Tagen, steckte ich mich bei mir Zuhause mit COVID-19 an – man ist nirgends sicher. Und während mein Körper seinen Krieg im Verborgenen führt, hadere ich noch an der Oberfläche mit den Widrigkeiten des Alltags. Dieses Rollout-Projekt verlangt uns allen viel ab.

Das horizontale Riesenrad, das flach wirkt

Ich arbeite mehr als 10 Stunden am Tag. Vermutlich ist das normal für einen Teilprojektleiter und wird stillschweigend erwartet, toleriert oder niemand widersprich einem, dass es nicht so ist. Doch am Ende des Tages kann ich nicht sagen, was ich gemacht habe. Es bleibt das ungute Gefühl, viel gemacht, aber nichts geschafft zu haben.

Kein Fortschritt, kein Vorankommen. Ein Sich-Drehen in einem ganz großen Kreis, so groß, dass dieses Riesenrad flach wirkt, dass man zermürbt an dessen Ende den Anfang nicht wiedererkennt. Das Gefühl, so viele Dinge für andere mitdenken, abstimmen und mitmachen zu müssen, dass sich mir die Frage aufdrängt: Sind die anderen das Problem oder am Ende ich?

Da eine Frage eine weitere Frage nach sich zieht, denn das ist leider so bei den unangenehmen Fragen, frage ich mich: Bin ich Schuld an diesem Problem oder Teil des Problems und wie zum Teufel haben alle anderen ihre Projekte davor geschafft?!!!

Als ich mit einem sehr erfahrenen Kollegen über meine Selbstzweifel in verklausulierter Form spreche, sagt er mir, er habe noch nie so ein chaotisches Projekt erlebt. Das liegt nicht an uns, sondern an dem von sich zu sehr überzeugten Kunden, der nicht lernen und sich umstellen möchte. Sie selbst sind sich und allen anderen das Maß aller Dinge. Eine selbstbewusste Fehleinschätzung, die am Ende ihnen selbst schaden wird.

Fortschritt ist die Variation deiner Probleme

Das ist also der Stand an diesem Montag.

Eigentlich nichts Überraschendes, denn jedem Montag, an dem man arbeiten muss, wohnt ein Grauen inne – oder genauer gesagt: Die Ankündigung einer zermürbenden Dynamik, die schnell ihren Höhepunkt findet, ohne richtig abzufallen, sondern sich zu steigern. Es ist also der Tag, an dem das Rad scheinbar von Neuem beginnt, sich zu drehen.

Probleme türmen sich weiter auf. Man arbeitet sich mühsam da durch und versucht, schneller beim Abbauen zu sein als die anderen mit dem Zuschütten und rettet sich zur Not ins Wochenende. Dann wachsen auf den bestehenden Problemen weitere als würden sie sich widernatürlich vermehren oder andere Probleme magnetisch anziehen. Also arbeitet man schneller und mehr, was Platz für neue Probleme schafft. Fortschritt ist die Variation deiner Probleme. Ich wünschte, es gäbe etwas wie eine Impfung oder Antibiotika dagegen.

Ich bin nicht gegen Fortschritt. Und meine Arbeit macht mir die meiste Zeit Spaß, u.a. wegen meiner Freiheiten, die mir mein Chef gewährt und der tollen Kollegen*innen. Aber manchmal bin ich halt müde und glaube, Opfer meines Erfolgs zu sein. Je mehr man arbeitet, desto mehr schafft man, desto mehr bekommt man zu arbeiten, desto mehr arbeitet man, desto mehr… Ein Zirkelschluss mit wucherndem Wachstum, in der die Zeit die Konstante bleibt, weil sie nicht mitwächst. Wann ist es genug? Wann bekommt man mal Zeit, um in Ruhe und etwas länger über eine Sache nachzudenken? Wann kannst du kreativ sein? Oder innovativ? Oder ist das anders bei dir?

Daher mag ich Projektleitung nicht. Ich sitze lieber an guten Lösungen. Daher ist die Teilprojektleitung manchmal ein Kompromiss.

Trugschluss

Unter diesem Eindruck rufe ich bereits morgens meinen Kollegen Awe an. Immer freundlich, immer gut gelaunt und immer für eine lustige Unterhaltung zu haben, auch wenn es gerade kurz nach 7 Uhr ist.

Telefonate um diese Zeit führe ich nur mit ausgewählten Kolleg*innen. Das ist die ruhigste Phase im Projekt, wo wir ungestört vom Kunden und ohne Hast über Projektthemen – eigentlich sind es Probleme – oder auch mal das Leben sprechen können.

»Wie geht es dir«, lege ich gleich los.

»Gut! Und dir?«

»Am Montag eher schlecht«, sage ich und fahre schnell fort, um keine Gegenfrage zu provozieren. »Ich weiß nur nicht, ob das am Montag oder am Wochenende liegt.«

Ich kann hören, wie seine Augenbrauen nach oben schnellen. So beginne ich, ihm von meiner Beobachtung zu erzählen, die ich mir eben spontan ausgedacht habe. Vielleicht ist es ein Anfall von Kreativität oder Wahnsinn. Beides wäre mir recht, denn beide umweht ein Hauch von Genie.

»Ist dir nicht aufgefallen«, sage ich und mache eine kunstvolle Pause, »dass die schlechten Montage jedes Mal auf ein Wochenende folgen?«

Wieder diese kunstvolle Pause und diesmal bin ich selbst von meinem Einfall überrascht. Bin ich noch Herr meiner Gedanken oder nur ein Medium dessen? Und ist meine Wortpaarung schlechter Montag nicht redundant?

»Liegt daher die Schlussfolgerung nicht nahe, dass das Wochenende die Ursache für den schlechten Montag ist?«

Klingt das komisch oder gar dumm? Dann versuche es doch mal zu widerlegen…

So einfach ist das nämlich nicht.

Und vielleicht bemerkst du, dass darin etwas Vertrautes mitschwingt, weil du es in ähnlicher Form von anderen Beispielen kennst…

Ich merke, dass er tatsächlich darüber nachdenkt und bevor er etwas entgegnen kann und damit den Zauber meines Gedankens zerstört, fahre ich fort.

»Also müsste man das Wochenende abschaffen und hätte keine schlechten Montage mehr.«

Jetzt lacht er. Nicht weil es komisch oder dumm klingt, sondern so absurd, dass es stimmen könnte, also nicht meine Logik, sondern diese Art der Argumentation und Schlussfolgerung.

Daher räume ich sofort ein wenig amüsiert ein, dass es ein Beobachtungsfehler sein könnte bzw. eine falsche Schlussfolgerung – oder knapp: Fehlschluss.

Das Leben ist voll davon.

Immerhin beschert mir dieser einen heiteren Einstieg in den Montag.