Der Albtraum und die Schlaf App

Wie ein Mensch zu dir steht, erkennt man daran – so heißt es –, wie er in einer Extremsituation gegenüber dir reagiert. Wenn das wahr ist, gilt es vielleicht auch für unsere Apps auf unseren Smartphones, die uns täglich, stündlich, jede Minute auf Schritt und Tritt bis in den Schlaf begleiten.

Der Albtraum

In jener Nacht, dachte ich, ich ersticke. Eine alptraumhaft finstere Flutwelle, undurchdringlich und gummiartig, überrollte mich. Ich schnappte panisch nach Luft und versuchte gleichzeitig, mich aus der Welle zu retten, bevor sie mich endgültig unter sich begrub. Wie sehr ich mich auch bemühte, ich kam kaum voran, denn in Albträumen ist man nie schnell genug und ich sah mit Entsetzen, wie sich die Welle langsam über mich senkte und mir den Atem raubte.

Ich schreckte nach Luft schnappend hoch. Hatte meine Atmung kurz ausgesetzt? Dieser Gedanke ging so schnell wie er kam. Ich wendete mich und schlief weiter.

Meine Schlaf App

Am Morgen, als ich wirklich wach wurde, erinnerte ich mich an meine Schlafunterbrechung. Hatte meine Atmung wirklich für einen Moment im Schlaf ausgesetzt? Wieder stellte ich mir diese Frage. Ich konnte mich nicht erinnern, dass mir je so etwas vorher passiert war. Schlafapnoe nennt sich das. Das fiel mir noch ein.

Und während ich in Gedanken noch nach einer Antwort suchte, fiel mir etwas anderes ein: Ich habe eine Schlaf App. Ich trage nachts beim Schlafen meine Apple Watch, um zu sehen, wie ich geschlafen habe: wie lange, von wann bis wann und vor allem, wie gut.

Meine Schlaf App zeigte jedoch nichts von alledem; keinen Aussetzer (disrupted), keine Rhythmusstörung, keine auffällige Herzfrequenz (sleeping heart rate), kein suboptimaler Abfall der Herzfrequenz (dip) – nirgends Anzeichen für einen Albtraum bzw. meinen Atemaussetzer. Stattdessen zeigte mir die App knapp einen 60% erholsamen Schlaf (restful) eines 8-Stunden-Schlafs an, zu dem es mir gratulierte und mich auch noch mit einem erfrischenden »weiter so« ermunterte.

Ich aber fühlte mich nicht so. Weder erholt. Noch gut geschlafen. Und dazu ein wenig beunruhigt.

Fragen und keine Antworten

Ja, sprach ich zur App, wenn man mitten in der Nacht aufwacht, schläft man auch länger.

Was sagst du, fragte ich weiter, hätte mein Herz für länger ausgesetzt? Hätte ich dann eine atemberaubend niedrige Herzfrequenz und damit einen noch erholsameren Schlaf? Und was ist, wenn mein Herz gar nicht mehr schlägt?

Ok, das war ein wenig zu viel Galgenhumor. Der schlechte Schlaf wirkte sich wohl auf meine gute Laune aus.

Die Fragen blieben.

Objektiv vs. Subjektiv

Konnte die App nicht mal so extreme Situationen wie einen Alptraum oder das Aufschrecken aus dem Schlaf registrieren? Und wie konnte die App dermaßen daneben liegen? Hat sie verschlafen?

Vielleicht hatte die App recht, was die Datenlage betraf. Mein Albtraum dürfte keine 1% meines Gesamtschlafs ausgemacht haben. Also objektiv gesehen stimmte es.

Was das Subjektive betraf erinnerte ich mich, einen Artikel gelesen zu haben, in dem ein Schlafforscher berichtete, dass es bei einigen Menschen, die im Schlaflabor überwacht wurden, vorkam, dass sie ihren Schlaf subjektiv gegenteilig der objektiven Messung bewerteten. Menschen, die meinten, schlecht geschlafen zu haben, wiesen bei den Messungen auf einen erholsamen Schlaf und umgekehrt.

Die App merkte, dass ich wach war und fragte mich, wie ich geschlafen hätte, um zu verstehen, wie sie meine Daten interpretieren sollte.

»Irgendwie noch müde«, sagte ich. Wir beide lernen uns also noch kennen und verstehen.

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