Der Überlebenskünstler

Dienstag, 16.04.19. Bielefeld.

Strahlende Sonne. Das macht es mir einfach, mit der Arbeit viel zu früh aufzuhören und nach Hause zu fahren. Ich habe nicht mehr viel zu tun. Wieder. Aussicht auf Besserung gibt es in absehbar kurzer Zeit nicht.

Die Integration zwischen Genesys und dem Interaction Center des SAP CRMs für die Kanäle Email und Chat konnte ich gemeinsam lösen, quasi in einem Rutsch, obwohl es zwei verschiedene Arbeitspakete mit eigenem Aufwand sind – ich bin also wieder »Opfer meines Erfolgs« und der dünnen Auftragslage beim Kunden.

Amüsanterweise sprachen gestern noch mein Vorgesetzter, unser Vertrieb und ich über die schwierige, stabile Planbarkeit von Projekten bei eben diesem Kunden. Ich hörte in dem Gespräch auch, dass unser Kunde Bedarf an einer kleinen Mannschaft externer Berater in einigen Monaten angemeldet hätte. Dabei betonten mein Chef und unser Vertrieb, dass sie Allrounder (jemand, der fachlich und technisch nahezu alles weiß und kann und sogar die Anforderung implementiert, wenn es sein muss) wie mich bräuchten, der auch aktiv auf den Kunden zugeht und in Leerlaufphasen sich Aufgaben verschafft, wenn es nicht viel zu tun gibt.

Jetzt auf jeden Fall bin ich zu Hause. Zu einer Uhrzeit in der Woche, an dem ich normalerweise arbeite. Man denkt ja, die Welt um einen sieht zu jeder Uhrzeit gleich aus, bis auf die Helligkeit. Aber dann entdecke ich jemanden bei uns an den Mülltonnen. Aus meinen Fenstern im Wohnzimmer habe ich Sicht zum Innenhof und Garten.

Auf den ersten Blick sieht er mit seiner etwas schlabbrigen Kleidung und den Handschuhen wie jemand aus, der am Haus etwas macht und gerade den Müll sorgfältig entsorgt. Mein Vermieter ist handwerklich begabt und werkelt ständig irgendwo an einem seiner Häuser herum und engagiert gelegentlich auch Handwerker. Oder ist er ein Mieter?

Ich muss zugeben, ich könnte nicht genau sagen, wer alles meine Nachbarn sind. Aber er sieht nicht aus, als würde er hier wohnen. Egal. Ich hätte diesen Mann da draußen auch längst vergessen, wenn er nicht nach fünf Minuten immer noch an dem einen Mülleimer stehen würde und statt Müll hineinzutun, den Müll herausnehmen würde.

Zuerst denke ich mir, er schafft Platz für seinen Müll, aber dann sehe ich, wie er eine kleine Dose findet, sie aufklappt und dann daraus trinkt oder etwas schluckt. Hat er das wirklich gerade getan?! Im ersten Augenblick traue ich meinen eigenen Augen nicht. Die Vorstellung, etwas aus dem Müll zu essen, finde ich so abstoßend, dass mein Kopf die Gedanken und Bilder dazu wegwirft.

Ich beobachte ihn jetzt genauer.

Er steht ruhig am aufgeklappten Mülleimer. Nimmt sich einen weißen, halbtransparenten Müllbeutel daraus heraus und dreht es mit der einen Hand einmal herum, während er es mit der anderen Hand abtastet und genau inspiziert. Seine Handbewegungen sind routiniert und er wirkt konzentriert und ruhig auf mich, als würde er einer wichtigen Arbeit nachgehen.

Dann stoppt er plötzlich, reißt den Beutel an einer Stelle auf, greift sich daraus eine Brieftasche heraus, klappt sie aus, pickt in Sekundenschnelle mit zwei Fingern lauter wertlose Karten heraus, die er lässig in den Mülleimer fliegen lässt. Es sieht aus, als würde er Karten an einem Spieltisch verteilen.

Jede seiner Bewegungen ist effektiv und effizient, keine davon überflüssig.

Der macht das nicht zum ersten Mal! Während mir dieser Gedanke kommt, frage ich mich, ob er auch Wohnung ausspäht und einbricht. Nach kurzer Betrachtung komme ich zu dem Schluss, dass er kein Einbrecher ist, obwohl ich nicht weiß, wie Einbrecher aussehen. Doch ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Einbrecher bei Tageslicht die Mülltonnen durchwühlen würde.

Ich beschließe sicherheitshalber, meinen Vermieter anzurufen.

»Hallo Herr …, haben sie heute Handwerker oder sonst jemanden bestellt? Hier ist jemand an den Mülleimern und es sieht so aus, als wühle er darin herum.«

»Ja, ja«, sagt er und erzählt von umherstreifenden Menschen, die öfters Mülltonnen der Häuser durchsuchen. »Machen sie ein Foto von ihm und verjagen sie ihn.«

»Klar«, sage ich. »Ich mache ein Foto von ihm und er geht auf mich los.«

Ich mache eine Pause.

»Ich gehe jetzt raus.«

Etwas mulmig ist mir schon bei dem Gedanken, denn dieser Bereich ist von der Straße nicht einsehbar. Im Gegensatz zu mir hat der Fremde nichts zu verlieren. Wieso sollte er nicht mich attackieren und vielleicht auch von mir Sachen mitnehmen…?

Ich beschließe, keine Wertsachen mit nach draußen zu nehmen: kein Smartphone, keine Brieftasche, keine Armbanduhr. Ohne Handy aber sehe ich mich plötzlich hilflos dort an den Mülleimern im Hinterhof liegen und verenden. Was für ein schäbiges Ende!

Ein wenig Dramatik hebt den Adrenalinspiegel. Das ist gut. Lässt mich wach und aufmerksam bleiben.

Ich gehe raus.

»Wer sind Sie?« Ich rede bestimmt und schaue ernst. Keine Schwäche zeigen!

Er hebt langsam seinen Kopf und schaut mich an.

»Hallo.« Er klingt überraschenderweise freundlich und obwohl er leise redet, spricht er deutlich.

»Hallo.«

Damit habe ich nicht gerechnet.

Ich dachte, er würde aufschrecken und hastig etwas tun oder sagen. Er bleibt immer noch sehr ruhig. Es scheint, als wisse er, wie er sich in solch einer Situation zu verhalten habe.

»Kann ich hier weiter schauen?«

»Nein.«

»Ok.«

Was war das? Das ging aber leicht.

Er redet so freundlich und verständnisvoll, das ich wieder irritiert bin. Angst aber hat er nicht. Er weiß, wie er Ärger vermeidet und nicht provoziert. Deeskalation.

Ich sehe, wie er den eben durchsuchten Müllbeutel sorgsam wieder in Mülleimer zurücklegt. Auf dem aufgeklappten Deckel des Mülleimers befinden sich verschiedene, kleine Gegenstände. Ich erkenne eine fast unbenutzte Haarbürste, Werkzeug, Dosen. Hinter ihm sehe ich seinen Rucksack, randvoll mit Sachen. Die Ecke eines Notebooks ragt heraus. Erstaunlich, was alles weggeworfen wird, das andere noch gebrauchen und verwerten können. Dann steht dort auch ein Fahrrad, sein Fahrrad. Ich entferne mich von ihm, um ihm in Ruhe seine Sachen nehmen zu lassen.

»Tschüss«, sagt er als er an mir vorbeifährt. Wieder klingt es sehr freundlich und zurückhaltend.

»Tschüss«, sage ich und sehe ihm nach.

Ich bin beeindruckt, wie er reagiert und sich benommen hat. Er weiß wohl, wie er unnötigem Ärger aus dem Weg geht und wie er reden und sich verhalten muss. Ich vermute, dass ihm die wenigsten Menschen freundlich entgegentreten, wenn sie ihn bei sich am Haus beim Durchsuchen des Hausmülls entdecken.

Der Mann ist ein Überlebenskünstler, rufe ich innerlich aus.

Ich bin immer noch überrascht, wie routiniert er vorgegangen ist. Er scheint gut organisiert zu sein und sich auf das Wesentlich zu konzentrieren, ohne Zeit für sinnlose Dinge zu verschwenden. Vielleicht weiß er im Gegensatz zu vielen anderen, was wirklich wichtig im Leben ist.

Hätte er einen Job, frage ich mich, würde er ebenso gründlich und fast schon gewissenhaft vorgehen? Wäre er erfolgreich?

Vielleicht hätte ich ihn fragen sollen, wie lange er das macht, dieses Mülldurchwühlen und wie er dazu gekommen ist. Lauter Fragen, die ihm bestimmt immer wieder gestellt werden, aber nicht von mir. Und wer weiß, ob er überhaupt Zeit für einen Plausch gehabt hätte, vielleicht hat er noch keinen Feierabend im Gegensatz zu mir.

2 Gedanken zu “Der Überlebenskünstler

  1. Dieser Text wurde mit Siri diktiert.

    Ehrlich gesagt ich hätte mich ganz anders verhalten und das erste was mir durch den Kopf geschossen wäre, wäre gewesen ihm was Gutes zu tun.

    Das nächste was mir durch den Kopf geschossen wäre, wenn ich ihm jetzt was Gutes tue, dann kommt er demnächst immer hierhin.

    Und dann hätte ich wieder weiter überlegt und geschaut wie ich ihm trotzdem was Gutes tun kann, ohne dass er merkt, dass es ihm jemand vom Haus gegeben hat, damit er regelmäßig kommt, weil er ja dann denken könnte, da gibt es immer was zu holen. Aber letzt endlich, ich hätte auf jeden Fall total anders reagiert. Ich hätte sofort erkannt, das ist ein Streuner, der aus Müll ißt, der mir leid tut und ich hätte ihm keine Ahnung, vermutlich 20 € als Schein oder was anderes in ähnlicher Höhe an Lebensmitteln geschenkt, wenn ich nicht so viel Bargeld dabei gehabt hätte und es Ihm an deiner Stelle in seine Hand gegeben.

    Ich hätte ihn nicht ziehen lassen, ohne mit ihm zu reden, zumal du ja schon gemerkt hast, dass er gar nicht auf Krawall aus ist, sondern eher friedlich gesinnt. Das hätte ich natürlich vorher auch abgetastet ob er aggressiv ist.

    Weil wenn man mit diesen Leuten redet dann fühlen Sie sich auch wahrgenommen und wenn’s mögliches ist muss man sie sogar manchmal berühren, weil Sie überhaupt keine Menschennähe mehr haben.

    1. Hi Deniz,
      einer meiner ersten Gedanken war auch, wenn ich zu freundlich bin oder etwas Nettes tue, dann kommt er wieder und das wollte ich nicht.
      Es ehrt dich natürlich, dass du anders und so großzügig reagiert hättest. Ich weiß nur nicht, wie es ist, jemandem real gegenüberzustehen oder darüber zu lesen und in Ruhe nachzudenken. Und wer helfen will, dem stehen zum Glück viele Wege offen.
      Du hast zu erwähnen vergessen, dass du die Geschichte sehr amüsant fandest 😉

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