Abschied von meinem Schal oder keine Haftung für die Garderobe

Samstag, 15.12.18. Bielefeld. Die Garderobe einer Diskothek ist ein wunderlicher Ort, an dem Kleidungsstücke manchmal magisch verschwinden, so ähnlich wie im Wandschrank in Narnia. Jedoch gibt es einen feinen Unterschied: das Kleidungsstück kommt von dort nie wieder zurück.

Das ist traurig und ein Problem, nicht nur, weil du nachher halbnackt durch die Kälte rennen müsstest, sondern schon im Vorfeld dir Gedanken machst, wie du dich kleidest. Ich zum Beispiel kenne nur zwei Arten des Warm-Anziehens: Entweder draußen warm und drinnen in der Disco zu heiß oder in der Disco warm, aber draußen zu kalt.

Natürlich ist die Aufgabe einer dicken, warmen Jacke den Träger von genau diesem problematischen Dilemma zu befreien. Da ich aber Kenntnis von spontanen Translokation in der Garderobe habe (das Kleidungsstück ist nicht weg, es trägt nur ein anderer), überlege ich mir, ob ich wirklich meine gute Winterjacke tragen sollte. Wenn sie nicht auf wundersame Weise in der Garderobe verschwindet, – übrigens ein Phänomen, das sich niemand vom Personal erklären kann – dann könnte die Jacke auch beschädigt werden.

Nach meiner hartnäckigen Erkältung vor drei Wochen will ich kein Risiko eingehen und schließe mit mir selbst den Kompromiss, einen Schal zu meiner einigermaßen warmen Jacke ohne Halsschutz zu tragen. Just in dem Moment, wo ich ihn umhänge, grüßt mich spöttisch ein Gedanke. Schals »verschwinden« schneller.

In der Disco. Natürlich erinnere ich mich trotz des Vorglühens mit Gin Tonic und den jungen Gurkenschalen an diesen Gedanken als ich meine Jacke an der Garderobe abgeben will. Ich nehme meine Jacke ab. Ich nehme meinen Schal ab. Ziehe den Schal durch meinen linken Ärmel wie einen Faden durchs Nadelöhr. Dann verknote ich beide Enden. Sicher ist sicher. Dann zahlen und Karte entgegennehmen. Sicher verstauen.

Aber wie sagte Konfuzius? Nichts ist sicher. Aber mit Sicherheit kann das keiner sagen.

Und tschüss! Ich muss raus. Der Abend war lang. Die Luft warm und stickig. Und dann das Prickeln dieser verdammten Salatgurkenscheiben! Nein, es liegt nicht am Gin Tonic. Eher an den anderen Getränken. Ich gehe zur Garderobe und drücke meine Marke einer jungen Frau mit einem lustlosen Gesicht in die Hand.

Sie kommt wieder und drückt mir meine Jacke in die Hand.

»Wo ist mein Schal?!«

Diese Frau mit kaltem Herzen, die die Massenabfertigung wie am Fließband meisterhaft beherrscht, hat mir bereits den Rücken gekehrt und wendet sich einem anderen »Gast« – das Wort klingt wie Hohn – zu. Ohne mich anzublicken sagt sie zu meiner Überraschung roboterhaft: »Keine Haftung für die Garderobe.«

Ich bin baff. Sie ist so dermaßen unfreundlich als hätte sie nur Verachtung für mich übrig. Es fühlt sich wie ein Schlag in die Magengrube an. Ich bin fassungslos und für einen Moment wie auf Pause gedrückt. Geht man so mit seinen Gästen um?

Blödsinn! will ich ihr entgegenschmettern. Ich hole tief durch die Nase Luft, um meinem Gehirn einen klaren Gedanken zu entlocken. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mit meinem nächsten Schritt hier eine Szene machen soll oder einfach ruhig bleiben. Mein Kopf ist plötzlich wieder klar. Wenn ich nicht von den Türstehern eine V.I.P. Behandlung beim Hinausgegangen-Werden haben will, dann sollte ich mir kurz überlegen, was ich tue.

Währenddessen kommt eine andere Bedienung heran.

»Kannst du bitte nach meinem Schal schauen? Ich hatte die Nummer XXX.«

Sie nickt verständnisvoll, dreht sich um und schaut unter den Reihen von Jacken. Sie kommt auf mich zu, schüttelt bedauerlich den Kopf und wendet sich einem anderen Wartendend zu.

Ich denke nach. Mein Schal ist weg und den bekomme ich heute nicht mehr. Also hinterlasse ich meine Adresse… oh, als die Aufregung weg ist, beginnt sich das Karussell in meinem Kopf wieder zu drehen. Seitdem ich kaum mehr etwas trinke, vertrage ich nichts mehr. Ich muss raus an die frische Luft.

Mein Kopf kann es immer noch nicht fassen und wackelt lose hin und her. Sie muss völlig abgestumpft sein. So würde ich NIEMALS irgendeinen Job in meinem Leben machen wollen.

Bevor ich gehe, drehe ich mich um und rufe den Frauen zu: »Die Disco haftet für beschädigte und verlorengegangene Sachen.«

Wäre ja noch schöner, wenn man als Gast nicht nur die Sachen abgeben muss, sondern noch dafür zahlt und sie könnten dann mit dem ihnen anvertrauten Gut alles machen, ohne dafür belangt werden zu können.

Es verhallt im Nirgendwo. Hauptsache, es ist raus aus mir.

Tatsächlich hatte ich als Nicht-Jurist genau wegen dieses Sachverhalts vor Jahren gegoogelt (und fand einen ähnlichen Artikel wie diesen). Damals™ hingen an den Garderoben Schilder mit dem Hinweis, dass keine Haftung für die Garderobe übernommen würde. Die ganz Schlauen beschränkten die Haftung auf eine maximale Summe, weil sie wussten, dass ein zu weit gefasster Haftungsausschluss unwirksam ist.

Mir fällt noch ein, dass ich nicht beweisen kann, einen Schal abgegeben zu haben. Oder einen trug. Als ich gemeinsam mit Martin meinen Sachen abgab, hatte er gesehen, dass ich einen trug? Hätte ich doch ein Selfie gemacht.

Während ich durch die kalte Nacht dem Morgen entgegengehe, denke ich wehmütig an meinen Schal. Mein Schal ist nicht weg. Es trägt jetzt nur ein anderer. Ich hoffe, es gefällt dir dort, wo du jetzt bist.

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