Wie man das Denkkorsett von Bedenkenträgern aufschnürt

Mein Kunde ruft mich an, genauer gesagt, der Mitarbeiter meines Kunden. Er möchte unsere kleine Lösung einem kleinen Kreis von ausgewählten Kollegen vorstellen. Darauf freut er sich, denn er ist ein bisschen stolz auf das Ergebnis – und ich ebenso.

Wir beide haben über mehrere Tage und Wochen immer wieder an der Anwendung, für die er verantwortlich ist und die ich konzipiert und entwickelt habe, gearbeitet. Wir schauten uns regelmäßig die Teilergebnisse an. Dachten über weitere Funktionen nach, die dann in kleine Verbesserungen und Erweiterungen mündeten. Und bei jedem dieser Schritte fanden wir immer mehr Gefallen an dem, was wir sahen und uns ausgedacht hatten, denn es wurde besser als wir uns zuvor hätten vorstellen können.

Wir bremsten uns auch ein wenig – bei aller Begeisterung mussten wir darauf achten, unsere kleine und feine Anwendung nicht zu überladen.

Als er vor Wochen die Idee zu unserer Anwendung in einer anderen Runde vorgestellt hatte, kamen zu unserer Überraschung die Bedenkenträger zu Wort.

Eigentlich hätte es mich nicht überraschen dürfen.

Bei vielen meiner Projekte und Kunden konnte ich immer wieder das gleiche beobachten: Es gibt immer einzelne Personen, die sich kritisch äußeren und Bedenken haben. Das wäre in Ordnung, wäre sie berechtigt, aber ich spreche von Bedenkenträgern, die sich unabhängig vom Thema und unabhängig davon, wie berechtigt ihre Bedenken sind, immer kritisch äußern, die im Prinzip jede Idee im Keim zu ersticken drohen.

Ich glaube, diese Menschen, die ich Bedenkenträger nenne, arbeiten seit Jahren in der gleichen Firma und gehen der gleichen Tätigkeit nach. Ich vermute, diese stetige Arbeit, das sich beschäftigen mit den gleichen Themen formt über die Jahre ein starres Denkgerüst im Kopf, ein Denkkorsett, in den alles hineingezwängt wird. Und das, was herausragt wird wie bei dem Riesen Prokrustes aus der griechischen Mythologie abgeschnitten.

Glücklicherweise gibt es auch aufgeschlossene Mitarbeiter, die sich nicht stundenlang damit aufhalten, was nicht geht, sondern mit dem Potential. Spinner im positiven Sinne.

Ich mag es nicht, wenn Ideen zerredet werden noch bevor sie quasi geboren wurden; wenn Menschen, die motiviert und engagiert sind und an ihre Sache glauben, unnötig abgebremst werden.

Kritisch bin auch – oder besser: realistisch, aber auch pragmatisch. Auch ich habe, häufiger als mir lieb ist, Bedenken. Das ist auch nicht schlimm, denn es gibt immer genug Gründe, die gegen etwas sprechen. Einige davon sind berechtigt, nur welche? Mit einer allzu kritischen Haltung aber gelingt einem nichts und vor allem beginnt damit überhaupt nichts.

Und wenn etwas scheitert, dann meistens an etwas, das ich oder mein Kunde nicht vorhergesehen haben (am wenigsten die Bedenkenträger). Ich höre mir die Bedenken an, sofern sie realistisch klingen und berücksichtige sie in meiner Lösungsfindung, aber ich versuche, sie nicht persönlich zu nehmen oder lasse mich davon demotivieren oder von der Aufgabe abhalten, denn sonst wird am Ende die Lösung schlecht.

Ich starte immer mit dem Machbaren und am Ende kommt immer mehr heraus, als ich mir vorstellen konnte. Daher weiß ich, dass ich nie ganz voraussagen kann, was am Ende herauskommt. Wichtig ist es, genau für diese kleinen, unerwarteten Unwägbarkeiten offen zu bleiben. Wer freut sich nicht, wenn er am Ende etwas mehr als erwartet erhält. Vielleicht kommt dann auch mal wieder so ein Anruf wie heute, und vielleicht ist das die beste Art, die Bedenkenträger zu überraschen…