Das seltsame Gespür der Paketboten für Abwesenheit

Es gibt tatsächlich diese Menschen mit dem untrüglichen Gespür für die Abwesenheit eines Menschen. Beispielsweise kann ich noch so lange auf meinem Bürostuhl sitzen, erst in dem Moment, wo ich meinen Platz verlasse, klingelt unerhört mein Telefon.

Diese Künstler des Erspürens von Abwesenheit sind laut Vorurteil unter Paketboten besonders weit verbreitet. Vielleicht führt irgendwann irgendeine unwichtige Universität eine unnötige Studie zu diesem Thema durch, ob genetische oder umweltbedingte Faktoren zu dieser unerwünschten Fähigkeit führen und signifikant häufig bei Zustellern auftreten.

Vielleicht ist es etwas Übersinnliches, vielleicht schlechtes Karma.

Ich selbst erlebte dieses paranormale Phänomen mehrfach und in doppelter Hinsicht. Wann immer ich zu Hause war und kein Paket bestellt hatte, klingelte es an meiner Tür. Der Zusteller begrüßte mich mit dem Paket meiner Nachbarn. Im Grunde finde ich diese Art, meine Nachbarn kennenzulernen, sehr raffiniert – träte nicht der umgekehrte Fall ebenso auf. Waren meine Nachbarn anwesend und ich nicht, kam mein Paket an. Mysteriös!

Für heute hatte Amazon eine Buchzustellung angekündigt, und ich lernte eine neue Variante kennen, über die ich schon viel auf Twitter gelesen hatte: Die Zustellung meines Pakets in Abwesenheit trotz Anwesenheit. Ein quantenphysikalisches Phänomen von Schrödingers Ausmaßen. Absurd und unerklärlich. Hier ein Versuch der Annäherung.

Das Duschwasser plätscherte wohltuend auf meinem Kopf als ich glaubte, ein Klingeln gehört zu haben. Hatte das Wasser durch meinen Kopf hindurch einen Nerv getroffen oder hatte es wirklich an der Tür geklingelt?

Es war später Nachmittag, daher glaubte ich nicht an den Paketboten.

Während ich mir meine gestressten Haare mit nach Honig und Mandeln schmeckendem Shampoo für strapaziertes und trockenes Haar auf Sheabutter und Kokos-Extrakt basierenden Ingredienzien wusch und anschließend mit einer wertvollen Spülung voller intensiver Nährstoffe butterweich und flauschig pflegte, wurde ich den Gedanken an das Klingeln nicht los. Der saß fest wie unlösbarer Dreck.

Auch nachdem ich mich mit einer regenerierenden Lotion, die von einem längst verschollen geglaubten Volk aus dem Regenwald inspiriert wurde, geschmeidig eincremte und wundervoll nach Lecker duftete, das nicht nur die Bienen im Sommer verrückt gemacht hätte, ging ich mit meinem bis in die Spitzen gepflegtem Ich an meine Haustür. Ich war ein Fest für alle Sinne.

Eine frische Brise begrüßte mich und der Sonne dämmerte, dass der Abend kam. Am Briefkasten konnte ich nichts sehen. Ich öffnete es in der Hoffnung, ein Stück Papier darin zu finden. Zu meiner Überraschung fand ich ein leicht lädiertes Päckchen. Der Paketbote hatte den perfekten Moment abgepasst, an dem ich anwesend war, aber zugleich nicht da!

Vielleicht lag es auch an mir und nicht an dem Boten allein. Vielleicht erlaubte das Universum nicht, dass Bote, Paket und Empfänger zeitgleich sich am selben Ort aufhalten dürften, weil die Begegnung zu einem Paradoxon führte, dessen Folge eine Kettenreaktion ausgelöste, das die Struktur des Raum-Zeit-Kontinuums auflöste und damit das gesamte Universum vernichtete (wie das Doc so schön in »Zurück in die Zukunft« ausgedrückt hatte).

Oder es war eine Art umgekehrter Telekinese: das Verhindern von Bewegungen, also Zustellen von Pakten durch den Empfänger.

Oder sehr viel banaler. Die Paketboten lieferten sehr viele Pakete aus. Die Situation, jemanden einmal oder mehrfach nicht anzutreffen und zwar in den unterschiedlichsten Situationen, nahm täglich zu. Und der Mensch neigte dazu, sich die Abweichung von der Standard-Situation zu merken und sich das Negative als willkommenes Abwechslung (oder gar Ärgernis?) abzuspeichern (wer wollte schon Geschichten von ankommenden Paketen hören?).

Es gab also Dinge, die jenseits dessen lagen, was der menschliche Geist fassen konnte oder wollte. Und während ich das Päckchen aus dem Briefkasten faltete und hoffte, dass das Buch darin unversehrt war, hörte ich es,… ein Bsssssssst!

Eine Mücke machte noch keinen Sommer.

photo by Stefano Pollio
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2 Gedanken zu “Das seltsame Gespür der Paketboten für Abwesenheit

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