Wer wir gewesen wären, wenn…

Es sind immer zwei Menschen, die für die vergangenen Fehler in Beziehungen bezahlen: Du und dein zukünftiger Partner.

Wie ein Virus springt das Schlechte von Beziehung zu Beziehung und steckt unbemerkt die Menschen an, deren Fehler es ist, menschlich zu sein. Und dann arbeitet sich das Virus durch die Beziehung und zersetzt alles, was sich ihm in den Weg stellt. Bereits verletzte Menschen scheint es besonders schwer zu treffen.

Aber, war ich ein verletzter Mensch? Ich fühlte mich nicht so. Vielleicht fehlte mir nur die Erinnerung daran, weil ich es – was immer das »es« sein mochte – vor langer Zeit verdrängt hatte, und es tief in mir sich im Verborgenen versteckte und dennoch mein Leben mitbestimmte. Vielleicht fühlte ich mich daher zu ihr hingezogen, zur ihr, die eine verletzte Seele zu haben schien. Wollte ich ihr helfen, um mir zu helfen? Sie retten, um mich zu retten? Oder galt es einem anderen Menschen aus meiner hilflosen Vergangenheit? Oder lag es an meiner jugendlichen Unbedarftheit und Überheblichkeit, denn mein Ego – regelmäßig genährt durch die Bestätigung von weiblicher Seite – war angefüllt mit dem Glauben, toll zu sein und alles Menschliche zu können. Und vielleicht lag hierin meine größte Schwäche: Der Glaube, einen anderen Menschen verändern zu können.

Als ich Jennifer das erste Mal sah, versank ich – so kitschig es klingen mag – im Grau ihrer Augen. Sie schaute mich mit energischem Blick an, der ihr Gesicht in kampfeslustiger Angespanntheit hielt, um jedem sofort zu verdeutlichen: Ich lasse nicht mit mir spielen! In ihr stecke mehr.

Wir kamen uns sehr schnell sehr nahe und die Beziehung verlief in mir altbekannten, beruhigenden Bahnen. Wir lachten viel, unternahmen immer etwas gemeinsam und führten häufig sehr tiefsinnige Gespräche auf der Couch. All das gab uns die Illusion von besonderer Verbundenheit und einzigartiger Nähe. Und dann verirrten sich kurze Momente der Irritation in unsere Gespräche, die mit einem »Du« begannen und die für mich ohne ersichtlichen Grund gegen mich gerichtet wurden. Ich verstand sie nicht. Das kannte ich nicht. Und tat, was viele tun würden: Es ignorieren. Es verharmlosen. Es als Phase abtun. Denn alles wird gut. Irgendwann. Sie hatte ihr Vertrauen in die Männer verloren. Jetzt musste sie es wiederfinden. Ich wollte ihr bei der Suche helfen.

Was ich wusste: Sie hatte ein Problem mit Männern aus ihrer Vergangenheit. Von ihnen ließ sie sich zu viel Gefallen. Vor allem ihr Ex sei der schlimmste gewesen. Hätte sie betrogen, ausgerechnet während sie schwer krank im Bett lag – einer Situation, in der sie sich am verletzlichsten fühlte und ihm schutzlos ausgeliefert war. Und da schwor sie sich von neuem: »Beim nächsten Mann werde ich mir das nicht mehr bieten lassen!« Da kam ich ins Spiel.

Was ich nicht wusste: Ich, der sich an keine Probleme in vorherigen Beziehungen erinnern konnte, wollte ihr zeigen, dass ich anders war als ihre vorherigen Freunde. Und – das war ich dann auch. Ich hatte mich maßlos überschätzt und durfte der erste Mann in ihrer Beziehung sein, der sie nicht schlecht behandelte, sondern im Ausgleich dazu von ihr schlecht behandelt wurde.

So kam es, dass sie am Anfang ein Problem hatte. Ich keins. So einigten wir uns, dass ich das Problem sei. Am Ende hatten wir beide dann ein Problem, und zwar ein Gemeinsames: Mich.

Lange Zeit in kurzen Menschenjahren glaubte ich, ihr wirklich helfen zu können, sie davon überzeugen zu können, es gäbe andere Menschen wie mich, die es ernsthaft gut mit ihr meinten. Doch anstatt sie zum Guten zu verändern, arbeitete ich mit ihr gegen mich, bis ich ein Schatten meines Selbst wurde und sich meine Seele verfinsterte.

Ich bin ihr nicht böse, denn es steckte keine bewusste Absicht dahinter. Und immer, wenn ich an sie denke, werde ich ein wenig traurig. In ihren kurzen, unbeschwerten Momenten war sie voller Glück, weil sie ihr Unglück vergaß und sich gehen ließ. Ihr Gesicht entspannte sich und jegliche Falte verschwand und brachte ein anderes Gesicht zum Vorschein, in dem der Mensch durchschimmerte, der sie mal war. In diesen Momenten schöpfte ich große Hoffnungen eines Verzweifelten, diesen flüchtigen Moment bei jedem Mal immer ein kleines Stück weiter ausdehnen zu können bis sie sich von ihrem Schutzpanzer komplett befreien würde.

Während der Gedanke wie ein wohliger Schauer meinen Körper durchströmte, zogen sich plötzlich ihre Muskeln zusammen und verfinsterten ihr Gesicht. Dann brannten ihre Augen wieder mit anderer Temperatur. Hatte sie meine Gedanken erraten und darin etwas Bedrohliches für sich herausgelesen? Es schien als würde sie sich dieses kleine Glück selbst nicht gönnen. Als verfügte sie über einen überempfindlichen Radar, der bei der kleinsten Kleinigkeit oder Nichtigkeit sofort Alarm läutete und sie auf einen Angriff vorbereitete und mich zugleich zum unfreiwilligen Angreifer machte. Aber vielleicht war ihr Sich-Gehen-Lassen ein zu großer Verlust der Kontrolle, von der so viel Gefahr für sie ausging, dass ich es nie verstehen werde. Vielleicht war ihr Angriff in Wirklichkeit nur Selbstverteidigung und –schutz. In solchen Momenten konnte ich jedoch keinen klaren Kopf bewahren und ließ mich in jene Stimmung hineinreißen und hinabziehen. Am Ende verloren wir beide.

Es fällt mir schwer und trotzdem versuche ich immer noch, den Menschen zu sehen, der sie hätte sein können, wenn alles gut verlaufen wäre. Je weiter weg die Geschehnisse liegen, desto besser gelingt mir das. Dann ertappe ich mich bei der Frage, wer und wo wäre jeder von uns heute, wären wir nicht den Falschen begegnet…

photo credit: 7 seagulls, woman, 2 columns and yacht
via photopin (license)

4 Gedanken zu “Wer wir gewesen wären, wenn…

  1. Dem kann ich mich nur anschließen lieber Hakan. Wenn ich auch um die feinen Haarrisse weiß, die es manchmal schwer machen. Werden.
    Btw, warum bekomme ich bei Antwort deinerseits eigentlich keine Benachrichtigung mehr auf meinem Blog? 🙂

    1. Hm, hast du die Checkbox »Benachrichtige mich über nachfolgende Kommentare via E-Mail.« angeklickt?

  2. Das ist traurig. Weil es mal wieder zeigt, wie sehr wir das Produkt unseres Aufwachsens und unserer Erfahrung sind. Gepaart mit unserem Typus lässt sich dieses und jenes erklären und fassen. Der Rest ist eben ein Gemisch aus allem. Und je nachdem wie stark wir sind, halten wir uns in Dauerlauerstellung. Und unbewusst suchen wir dann auch noch die „gewohnte“ Erfahrung. Das was wir kennen, das gewohnte Terrain. Da geht es Mensch dann auch nicht gut mit, aber er fühlt sich sicher. Denn das ist sein Parkett. Außer er hat es wirklich geschafft und dieses ganz bewusst verlassen und mit ihm abgeschlossen.
    Wie sehr ich manchmal doch den verzwickten Geist schätze und mag. Und ebenso sehr verabscheue ich ihn. Denn je einfacher und oberflächlicher ein Geist um so einfacher scheint ein Leben zu sein.
    So. Genug die Kommentarfunktion bei dir ausgereizt 😉

    1. Liebe Miriam,
      persönliche und ehrliche Kommentare sind mir immer willkommen 🙂
      Ich glaube oder hoffe es, dass die meisten Menschen andere Menschen nicht verletzten wollen und daher für den Moment unbewusst handeln. Egal, wie und weswegen sie so handeln, ihr Handeln sollte sich nicht auf unser eigenes Handeln gegenüber anderen Menschen im Negativen auswirken, daher versuche ich allem etwas Positives abzugewinnen, sonst hat der »Virus« gesiegt…

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.