Gibt WhatsApp das Interesse einer Frau preis?


Wenn ich mich für eine Frau nicht interessiere, dann stelle ich sehr schnell und leicht fest, ob sie an mir interessiert ist. Leider versagen meine Superkräfte, wenn ich mich zu einer Frau hingezogen fühle. Dann bin ich nicht in der Lage, einfachste Fragen für mich zu beantworten. Die Welt steht Kopf und der Verstand macht Urlaub. Ich neige dazu, alles Widersprechende kleinzureden oder großzügig zu übersehen und die falschen Kleinigkeiten aufzubauschen.

Dieser Zustand fühlt sich grauenvoll an, weil ich mir meiner Schwäche bewusst bin. Besonders schön sind dann die Momente, wo die Freunde aus dem Stadium des schadenfrohen Grinsens ins Genervte übergehen, weil ich sie um Rat frage. Daher kam mir eine Passage aus dem Buch »Ich lieb‘ dich nicht, wenn du mich liebst« von Dean C. Delis [1] gelegen, brachte sie mich auf eine Idee, die ich an meinem WhatsApp Nachrichten gleich ausprobierte.

Der Autor des Buchs behandelte Psychotherapeut Beziehungsprobleme von Paaren, die durch Ungleichgewichte in jeder Beziehung entstehen, z.B. weil der eine zu klammern beginnt und der andere daraufhin etwas Widerstand leistet.

In der betreffenden Passage bat der Psychotherapeut die Paare, den Partner zu beschreiben. Dabei sollten sie die Sicht eines anderen annehmen. Damit gaben sie preis, was sie dachten, wie ihr Partner von anderen wahrgenommen werden würde. Ein gute Methode, um eine gewisse Distanz zu erzeugen, um damit für mehr Offenheit und Ehrlichkeit zu sorgen. Indirekt gaben sie an, wie sie selbst ihren Partner sahen.

Nachdem beide Paare einzeln über ihren Partner erzählt hatten, machte Dr. Delis den Leser auf die Unterschiede in den Beschreibungen aufmerksam. Die Beschreibung des Mannes über seine Partnerin war länger, detailreicher und emotionaler. Er war von ihr mehr begeistert als sie von ihm. Während er ca. 69 (57%) Wörter benutzte, nutze sie nur 52 (43%) Wörter (in der dt. Übersetzung). Damit verwendete ein Mann 14% mehr Wörter für die Schilderung seiner Partnerin als umgekehrt!

»Die Länge der Beschreibung« hallte ihn meinem Kopf und stieß einen Gedanken an. »Die Länge«, sagte ich mir, »ist einfach zu messen. Einfach Wörter zählen.«

Ich grübelte eine Zeitlang darüber nach. Könnte ich anhand der Anzahl der Wörter meines Chats eine Aussage über die jeweilige Frau treffen? Ich muss natürlich die Anzahl ihrer Wörter in Verhältnis zu meinen setzen. Wäre das ein Indikator für das Interesse? Der Gedanke erfreute mein Gehirn. Über zwei Dinge war ich mir sicher: ich kannte mein Interesse und ihres, wenn ich nichts von ihr wollte. Was würde es aber über die Frau sagen, die sich nicht für mich interessierte?

»Hm, ich muss das einfach mal ausprobieren! Nur wie und wo«, fragte ich mich.

»WhatsApp!«

Ich sprang auf, griff zu meinem Handy, setzte mich an mein Notebook und lud die Chats herunter.

Drei verschiedene Frauen wählte ich aus, die ich für exemplarisch hielt. An der einen Frau war ich überhaupt nicht interessiert und sie aber umso mehr an mir. Bei einer der Frauen handelte es sich um Eine, wo beiderseitig sehr hohes Interesse vorhanden war. Bei der letzten Frau glaube ich, dass sie weniger interessiert war. Eine Frau, die sich überhaupt nicht für mich interessierte, von der habe ich keine Nummer. Das war eindeutig.

Die drei Frauen und ich haben uns an die 18.000 Wörter gesendet. Dabei habe ich die Icons (Smileys), Bilder und Videos herausgerechnet. Dann die Wörter der Frau und meine zusammengezählt und ihren und meinen prozentualen Anteil am Chat im Diagramm dargestellt. Der Austausch lief über knapp drei Monate. Es findet kein aktueller Chat mehr statt.

Also schau mal auf das Ergebnis und rate, welche der Frau zu welchem Balken gehört. Mich überraschte das Ergebnis!
Anteil der ausgetauschten Woerter

Zumindest bei der Frau, von der ich mich sogar genervt fühlte, hatte ich deutlichere Unterschiede erwartet.

Was denkst du – welche Frau ist sie in dem Diagramm?

Die Differenzen bewegen sich zwischen 2% und 6%. Damit liegen die Werte sehr eng beieinander. Frau 2 hat den höchsten Wert und Frau 1 den Minimalsten. Frau 2 war diejenige, für dich ich mich nicht interessierte.

Abgesehen, dass ich Frau 2 so viel geschrieben hatte, fiel mir auf, dass alle Frauen immer mehr Wörter als ich verwendet hatten – insgesamt schreiben die Frauen mehr als ich ihnen. Bei der Frau, die an mir weniger bis kaum interessiert war, aber ich an ihr, hatte ich auch etwas deutlichere Werte erwartet. Aber sie war die Frau mit dem geringsten Abstand – also Frau 1.

Bleibt nur noch Frau 3. Sie bewegte sich im Mittelfeld.

Das war etwas enttäuschend. Wäre ja auch zu schön gewesen, um wahr zu sein.

Warum war das so?

Frauen schreiben mehr, weil sie mehr Wörter gebrauchen und sozialer interagieren. Sie antworten aus Höflichkeit, auch wenn jemand sie nicht interessierte. Ich vermute, dass die Reziprozität auch eine große Rolle für das ausgeglichene Ergebnis spielte. Wenn ich jemandem schreibe, dann schreibt er oder sie mir zurück. Ebenso schreibe ich jemandem weniger oder nicht mehr, wenn er oder sie mir nicht mehr schreibt. Auch merkt jeder schnell, ob das Gegenüber an einer Konversation interessiert ist. So wird der Austausch befeuert oder ausgebremst und durch die Freundlichkeit in scheinbarer Balance gehalten.

Diese Auswertung war wenn überhaupt nur dann verwertbar, wenn die Frau deutlich weniger schrieb als der Mann. Ob es mich wirklich vom Schreiben abhalten würde…

Das Wort »Antwort« hallte nach. Wenn ich schon am Auswerten bin, dachte ich mir, dann schaue doch mal nach, wer wie häufig als erster geschrieben hatte! Also wertete ich aus, wer an einem neuen Tag als allererstes geschrieben hatte, sozusagen den Chat initiiert. Plötzlich veränderte sich das Diagramm!
Wer begann den Chat?

Frau 2 hatte deutlich häufiger den Chat mit mir begonnen. Ich war also reaktiv und nur freundlich. Das passte. Keine Ahnung, warum sie dennoch schrieb.

Frau 1 überraschte mich hier etwas. Ich nahm an, ich hätte ihr viel mehr geschrieben. Auch hier lag ich mit meinem Gefühl nicht richtig. Ich bombardierte sie also nicht mit aufmerksamkeitserhaschenden Nachrichten. Das war gut! Warum aber schrieb sie mich so häufig an? Darauf gab es keine Antwort. Vielleicht war sie sich nicht sicher und wollte herausfinden, ob ich an ihr interessiert war…

Bei Frau 3 war gegenseitig starkes Interesse vorhanden. Bei ihr habe ich häufiger als Erster geschrieben. Das lag zum einen an ihrer stressigen Arbeit damals, und ich versuchte ihr morgens eine kleine Freude zu machen. Zum anderen schrieb ich ihr zum Ende hin häufiger, als sie das Interesse verlor.

Viel schlauer bin ich jetzt nicht. Immerhin hatte ich mich nicht ganz zum Trottel gemacht – zumindest nicht bei WhatsApp…

photo credit: Desiree Catani via photopin cc

Quellen & Links

[1] Im 2. Kapitel auf Seite 47 u. befindet sich die von mir erwähnte Passage, in der Paul und Laura erzählen. Aus dem Buch von

Dean C. Delis und Cassandra Phillips
Ich lieb dich nicht, wenn du mich liebst: Nähe und Distanz in Liebesbeziehungen (19. Auflage 2012)


8 Gedanken zu “Gibt WhatsApp das Interesse einer Frau preis?

  1. Mich würden ja jetzt noch die Emojis interessieren…denn ich neige dazu, mehr Emojis zu benutzen, wenn ich jemanden mag. Vielleicht um unterbewusst noch mehr mitzuteilen als ich offensichtlich will oder so..keine Ahnung.
    Jedenfalls ein sehr interessanter Artikel!
    LG sandra

    1. Hi Sandra,
      du hast Recht, die Emoticons sind ein wichtiger Teil des Textes bzw. der Message. Ich finde die Bewertung allerdings schwieriger als nur reinen Text. Zum Beispiel müsste man dann davon ausgehen, dass jeder die Emoticons gleich interpretiert bzw. verstehen, was der/die SchreiberIn damit auszudrücken meint. Das ist meines Wissen aktuell nicht so (dazu hatte ich auch etwas geschrieben: http://fxhakan.info/2016/04/emoticons-voller-missverstaendnisse). Ich behalte das mal im Hinterkopf…

  2. eine freundin schrieb mir auf Facebook, ob ich denn zu viel zeit hätte. witzigerweise hatte ich den gleichen gedanken, als ich darüber nachdachte, ob ich diesen artikel schreiben sollte. nach kurzer überlegung beschloss, ihn doch zu schreiben. abgesehen davon, dass mir soetwas spaß macht, fand ich in zeiten von Big Data diese art der auswertung von unseren daten gar nicht so abwägig!

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