Kann Spuren von Schweinefleisch enthalten

Samstag, 15.02.19. Bielefeld.

Auf einer Fahrt mit der eigenen Mama kann der Weg mit vielen gutgemeinten, aber ungewollten, Ratschlägen gepflastert sein. Dann wird es holprig und die Strecke dehnt sich unnötig in Raum und Zeit. Doch auf einigen Fahrten erfahre ich Überraschendes oder auch etwas Erheiterndes, wie z.B. in der heutigen Geschichte mit der von Mama selbstgemachten leckeren Pizza und dessen gekaufter, eigenwilliger Tomatensoße. Die Tomatensoße war anscheinend eine neue, besondere Zutat, die etwas mehr enthielt, als ursprünglich geplant und vor allem gewollt. Das ist nun mal so, wenn man nicht so richtig Deutsch lesen kann bzw. den Inhalt nicht liest und sich nur auf die Abbildung verlässt.

Auf der Abbildung, so sagt es Mama, war kein Fleisch zu sehen, nur rote, leckere Soße. Um dies zu beweisen, machte sie kurzerhand eine Aufnahme mit ihrem Smartphone und schickte es meinem Bruder per WhatsApp. Denn die Pizza hatte sie letzte Woche für meinen Bruder und seine Familie zubereitet. Sie lieben diese Pizza – sie schmeckt zwar nicht wie eine Pizza, ist jedoch unbeschreiblich lecker. Es ist eines der wenigen Lebensmittel, die sie essen und daher bereitet unsere Mama sie so oft es geht zu.

Meine Nichte habe beim Essen etwas Kleines in der Tomatensoße entdeckt. Kleine, harte Bällchen. War das Fleisch?

Also rief mein Bruder Mama an und berichtete ihr von den überraschend aufgetauchten Bällchen, die so klein waren, dass man sie sehr leicht übersehen konnte – und vermutlich auch nicht schmecken.

So kam es dann zu diesem Foto auf dem mein Bruder nicht nur diese klitzekleinen Dinger als Fleischbeilagen entdeckte, sondern auch lesen konnte, um was für Fleisch es sich handelte – es war… Schweinefleisch!

Das ist aber heftig, denke ich mir und weiß nicht, ob ich lachen oder irgendwie anderes – aber wie? – reagieren soll. Denn Muslimen ist das essen von Schweinefleisch verboten. Dazu kommt, dass meine Mama mit zunehmendem Alter religiös geworden ist. Aber die eigentliche Pointe kommt gleich.

»Das ist jetzt das zweite Mal, dass du deinen Kindern Schweinefleisch zu essen gibst«, sage ich in gebrochenem Türkisch. Das erste Mal konnte sie nicht wirklich nichts dafür. Sie kaufte uns auf unserem Grundschulfest einen Döner vom Türken – aber das ist eine andere Geschichte.

Meine Mama reagiert erstaunlich gelassen. Passiert ist passiert. Ist das Altersweisheit?!

Es ist auch nicht so, dass mein Bruder und seine Familie streng religiös wären – wir alle halten uns daran, weil es im Grunde nicht schwer ist. Nein, sie sind schlicht und einfach vegetarisch – wobei das »schlicht und einfach« hier fehl am Platze ist, denn kein Fleisch zu essen ist wirklich schwer, ich habe es versucht. Seine Kinder haben – bisher jedenfalls– noch nie Fleisch gegessen. Und er, er ist Veganer, etwas jenseits des Möglichen für mich.

Diesen Menschen hat Mama in der trojanischen Tomatensoße nicht nur Fleisch, sondern gleich Schweinefleisch untergejubelt.

»Bist du sicher, dass es sich nicht um Soße für Bolognese handelte?« Das türkische Wort für Bolognese kenne ich nicht, also nehme ich das deutsche Wort dafür.

»Was ist Bolognese?«

Und so scheitert die Kommunikation zwischen den Generationen.

»Und wie haben sie darauf reagiert?«

Ich erwarte Entsetzen, Niedergeschlagenheit, einen Fluch auf die Lebensmittelindustrie.

»Die Fleischstückchen haben sie herausgepult und weitergegessen.«

Bis eben hätte ich nicht gedacht, dass ich überraschter sein könnte.

Während ich darüber nachdenke, was ich getan hätte – vermutlich hätte ich das gesamte Essen weggeschmissen, weil es sich mit dem Schweinefleisch vermischt hat – fuhr Mama fort: »Deine Schwester hat auch davon gegessen und als sie von dem Fleisch erfuhr, hat sich sie gefreut, weil das Fleischessen ihr keine Probleme machte.«

Für meine Schwester kann das Essen von Fleisch zu einer lebensgefährlichen Sache werden. Im besten Fall bekäme sie Durchfall. Und das macht mich ein wenig stutzig.

War in der Tomatensoße wirklich Schweinefleisch oder überhaupt Fleisch drin?

Oder enthielt es lediglich Spuren von Schweinefleisch?

Oder, wenn es sich um einen homöopathischen Koch gehandelt hat, um eine so verdünnte Einlage, dass sich das Etwas, das sich aus dem Fleisch extrahieren lies, nur noch eine vage Erinnerung dessen enthielt, was es einst war. Und hier wird es mir zu philosophisch.

Vermutlich waren die Mengen des Fleisches so gering, dass sie weder bei meinem Bruder und seiner Familie, noch bei meiner Schwester zu irgendwelchen Verstimmungen führten. Entgegen der Annahme, dass langjährige Vegetarier kein Fleisch mehr essen können, ist der menschliche Magen in der Lage, wieder Fleisch zu verdauen. Man sollte nur nicht sofort riesige Mengen davon essen.