Bedient

Mittwoch, 19.06.19. Bielefeld.

Dicke Wolken über der Alcina-Uhr in Bielefeld
Dicke Wolken über der Alcina-Uhr in Bielefeld

Der Regen ist schuld!

Hätten sich nicht über uns spontan dunkle Wolken zu einem Donnerwetter zusammengebraut und ein paar dicke Tropfen herausgepresst, säßen wir jetzt draußen. Doch so stehen Martin, Deniz und ich im einem übervollen Bernstein auf der Suche nach einem Sitzplatz. Kurz vor dem Genervtsein und des wieder Weggehen-Wollens wird ein Tisch für zwei frei. Also quetschen wir uns dort hin.

Nachdem wir das gemeistert haben, sitzen wir vor dem nächsten Problem: Was trinken wir?

Nachdem wir das gemeistert haben, sitzen wir vor dem nächsten Problem: Was trinken wir?

Langes Suchen in der Karte. Erstaunlich lang. Normalerweise wird man doch dabei unterbrochen, oder? Oder sind die Bedienungen hier so weitsichtig, dass sie uns in Ruhe suchen lassen? Wie es auch ist, es kommt uns zunächst gelegen. Doch wieder vergeht eine kleine Ewigkeit. Eine Bedienung nach der/dem anderen läuft an uns vorbei als seien wir nicht anwesend. Martin wird ein wenig ungeduldig.

Wir legen die Karte demonstrativ weg. Doch nichts passiert. Ein Selfie wird geschossen.

Deniz (r.) und ich (l.) im Berstein Bielefeld
Deniz (r.) und ich (l.) im Berstein Bielefeld

Ich scherze, dass wir nicht zur Zielkundschaft gehören. Seitdem das Bernstein umgebaut wurde, wirkt es in seinem neuen Gewand edler, aber auch ein wenig beengt und gedrängt, vielleicht wegen des hüfthohen Raumtrenners in der Mitte. Die alte Variante hatte für mich etwas Offenes und Freies, irgendwie fand ich es lockerer dort.

Immer noch ohne Bestellung. Eine weitere Ewigkeit ist vergangen und allmählich wird der Rest von uns auch ungeduldig. Unsere Blicke suchen Blickkontakt mit einer/einem der vielen Bedienungen, die emsig um uns herumschwirren wie fleißige Bienen und an deren Gesichtern unsere Blicke wie Tropfen an einer glatten Oberfläche abperlen. Hilft nichts. Also warten wir.

»Man hat uns nicht mal kurz begrüßt«, sagt Martin. »Nicht mal ein kurzes, freundliches Hallo«. Das fiel mir auch auf. Freundlichkeit kostet nichts, vielleicht nur Überwindung. Wir sind wieder kurz davor, zu gehen.

Ein Blitz lässt die Welt vor den Fensterscheiben grell erleuchten und dann versinkt es wieder in Dunkelheit.

Plötzlich dreht sich Martin nach hinten um. Eine Bedienung beugt sich zu ihm und das freundliche Gesicht einer jungen Frau blickt starr in die Leere. Ich höre nur Bruchstücke aus dem lauten Stimmengewirr heraus, das sich mit Musik vermischt. Ist es hier lauter geworden? Ein Baby weint ein paar Tische weiter. So spät am Abend noch wach, das arme Baby! Ist es nicht viel zu laut für ein Baby?

Ein Wort wie Höflichkeit höre ich heraus oder lese es von den Lippen ab. Martin wirkt ein wenig angespannt, bleibt jedoch freundlich und ruhig, während er seine Kritik geduldig formuliert. Spricht er auch so mit seinen Kindern, wenn er ihnen etwas erklärt, das sie nicht verstehen?

Die junge Frau redet jetzt, ohne eine Miene zu verziehen oder von der Leere wegzublicken. Später erzählt er. Alle Gäste seien wegen des Regens nach drinnen gerannt und müssten zuerst bedient werden. Das klingt nicht nach einer Entschuldigung oder Bedauern. Es klingt nach etwas, dass sie heute häufiger formuliert zu haben scheint. Vielleicht ist sie davon genervt, vom ständigen Wiederholen des Gleichen und sich für etwas zu entschuldigen, wofür sie nichts kann. Vielleicht hat sie die Erfahrung gemacht, dass sich nichts ändert, egal was sie sagt. Sie nimmt die Beschwerde auf wie eine Bestellung.

Sie richtet sich wieder auf und fragt uns, was wir trinken wollen. Dann geht sie.

Ich scherze, ob unsere Getränke später nicht noch geschmacklich eine besondere Zusatznote erhalten werden. Natürlich ist das nicht der Fall – zumindest schmecken wir nichts heraus.

Später kommt sie immer wieder an unseren Tisch und fragt uns, ob alles in Ordnung sei, ob wir noch etwas trinken wollten. Sie wirkt dabei freundlich und lächelt ein wenig.

Deniz, Martin und ich, wir alle drei sind Dienstleister in unseren Berufen. Wir wissen, was es heißt, mit Kunden umzugehen, ebenso, wie nervig, unverschämt – und wie auch immer – sie sein können. Genauso wissen wir, dass wir selbst auch nicht andauernd in Topform sind, was die Kommunikation mit dem Kunden angeht.

Aber es gibt eine simple Regel: Sei immer freundlich zu deinem Kunden! Egal, ob du selbst gestresst oder genervt oder überfordert bist. Dafür kann der Kunde nichts.  Ich rede nicht von den schlechten Kunden, die es verdienen – ich habe während meines Nebenjobs im Studium schon mehrere unfreundliche, unverschämte, respektlose etc. Kunden höflich aus dem Computerladen hinausgeworfen, in dem ich gearbeitet hatte. Ohne den Kunden aber gäbe es den Job nicht. So simpel ist das. Was ich jedoch besonders schlimm finde, also schlimmer als unhöflich sein, ist das Ignorieren eines Kunden. Das geht auf keinen Fall.

Als die Rechnung kommt, greife ich sofort zu. Ich möchte ein Trauerspiel vermeiden. Die einen würdigen ihr vermutlich nichts geben. Andere vielleicht ein wenig, weil sie sich dennoch Mühe gegeben hat. Das eine hätte die junge Frau vermutlich erwartet, das andere kaum beeindruckt. Daher gab ich ihr so viel Trinkgeld, dass es sie überraschen sollte: 25% sind es.

Wenn das Trinkgeld einen Effekt hat, dann glaube ich, in diesem Fall in dieser unerwarteten Höhe. Alles andere, denke ich, hätte sie zur Kenntnis genommen und abgehakt. So sind halt die Kunden. Wenn sie schlechter Laune war, dann hätten wir (schuldlos) dazu beigetragen und vielleicht ihre schlechte, stressige Stimmung verstärkt oder auch nur bestätigt. Ich wollte ihr zeigen, dass wir nicht sauer auf sie sind. Vielleicht habe ich ihr eine kleine Freude gemacht und etwas Positives bewirkt. Zumindest habe ich nichts zum Negativem beigetragen (oder es versucht).

Übrigens wurde ich schon mal bedient.

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