Kratzer auf der Oberfläche

Donnerstag, 13.12.18. Bielefeld. Es ist zu früh, zu dunkel, zu kalt und eine dünne, weiße Eisschicht bedeckt die Windschutzscheibe meines Mietwagens, als würde es noch schlummern. Natürlich finde ich im Wagen keinen Eiskratzer. Stattdessen benutze ich die Hülle meines Kundenausweises. Es klappt, wird sich aber nicht dursetzen. Ich hätte also ahnen können, dass der Tag nicht so toll gewesen sein wird, hätte ich die Zeichen deuten können. Aber wie hätte ich das, wenn der Tag wie jeder andere ist?!

»Die Farbe des Autos: rot.«

Ich runzle die Stirn, während der Polizeibeamte auf der Wache das Wort »rot« in schnörkelloser Schrift in seine Notizen für meine Anzeige kritzelt.

Ist der Mietwagen wirklich rot? Ich habe es als dunkelrot oder bordeaux in Erinnerung. Aber was wusste ich schon? Den Mietwagen habe ich seit kurzem. Die meiste Zeit sehe ich es nur in Dunkelheit. Am Morgen, wenn ich zur Arbeit fahre, ist es dunkel. Am Nachmittag oder am Abend, wenn ich Feierabend habe, ist es auch dunkel. Heute aber mache ich eine Ausnahme und früher Schluss. Eine private Geburtstagfeier eines Verwandten.

Als ich beim Auto ankomme, sehe ich vorne links an der Stoßstange schmutzige Streifen. Ich wische mit dem Daumen den Dreck weg und hoffe, dass es sich nur um Schlamm handelt oder oberflächliche – Kratzer!

Nein! Wieso ich und wieso heute?!

Jemand hat meinen Mietwagen beim Einparken oder Ausparken gestreift. Mein erster Gedanke: Ist ein Zettel an der Windschutzscheibe? Nein. Zweiter Gedanke: War es das neben mir parkende Fahrzeug? Keine Spuren. Hatte ich auch nicht erwartet. Wäre ziemlich doof vom Fahrer. Ich wollte nur sichergehen und mich ein wenig ablenken, um mich nicht (zu sehr) aufzuregen.

Ich schaue mich verwirrt nach einem plötzlich erscheinenden Zeugen um. Doch niemand taucht aus dem Nichts auf. (Frage: Ist »Niemand« aus dem »Nichts« eine Art doppelter Negierung?)

Für einen kurzen Moment huscht ein alberner Gedanke durch meinen Kopf und ich muss schmunzeln. Morgens das Eis von der Windschutzscheibe kratzen und nachmittags Kratzer an der Stoßstange entdecken. Vielleicht war ich heute Morgen nicht sanft genug zum Auto.

Dann kommt mir eine weitere Frage in den Sinn. Wurde mein Auto wirklich hier auf dem Kundenparkplatz zerkratzt? Oder passierte es gestern Abend vor meiner Haustür, wo ich den Wagen abgestellt hatte?

Ich – weiß – es – nicht.

Kratzer am Auto

Das einzige, was mir einfällt, ist die Liste meiner bevorstehenden Aktivitäten. Fotos machen. Adresse des Parkplatzes merken. Zur Polizei fahren. Anzeige gegen Unbekannt aufgeben. Autovermietung informieren. Firma informieren. Wagen zur Autovermietung fahren und begutachten lassen – und den Geburtstag nicht vergessen! Das wird ein langer Abend heute.

Kratzer an der Stoßstange

Der Polizeibeamte wiederholt, dass ich die Wahrheit sagen müsse. Das 2te Mal. Es wird nicht das letzte Mal sein. Sehe ich kriminell aus? Ich fühle mich unwohl, obwohl ich die Wahrheit sage und keine Schuld habe (vielleicht liegt das an Geschichten wie diesen). Aber dann sage ich mir, nimm es nicht persönlich, er macht nur seinen Job.

Ich könnte das auch nicht. Einfach wegfahren. Oder lügen (abgesehen von kleinen Notlügen im täglichen Miteinander).  Oder irgendeine Straftat begehen und einfach abhauen. Das liegt natürlich an der guten Erziehung meiner Mama und – an Sigmund Freud (diese Nähe von Mutter und Psychoanalyse in einem Satz hätte ihn bestimmt erfreut).

Ich glaube nicht an schlechtes Karma oder dergleichen. Ich glaube, der größte Widersacher des Menschen ist nicht sein Gewissen, weil man Vieles verdrängen (und vergessen) kann, sondern sein Unterbewusstsein. In meinem Bewusstsein führen schlechte Taten zu Kratzern im Kopf.

Während man die Tat schon längst vergessen hat, arbeitet das Schlechte im Unbewussten weiter. Diese Risse werden mit der Zeit immer größer und tiefer. Das Schlechte sickert immer weiter ein, frisst sich wie Rost durch und verändert den Menschen und sein Verhalten, meistens zum Schlechten.

Vielleicht sind es zu Anfang feine Nuancen. Kaum wahrnehmbar. Doch über die Zeit nehmen sie eine negative Richtung. Vielleicht nicht für sich selbst, sondern für andere.

Diesen diffusen Gedanken klar zu formulieren fällt mir schwer. Worüber ich mir aber im Klaren bin, ist, dass ich mich von anderen nicht anstecken oder verärgern lassen möchte und damit mein Handeln bestimmen lasse. Ich könnte mich aufregen, was ich für einen kurzen Moment auch tue, weil es gut ist, Dampf abzulassen. Aber damit sollte es auch herausgelassen sein und nicht mehr in mir »wüten«. Vor allem will ich den »Dampf« nicht an anderen auslassen, die dann wiederum Dampf an dem Nächsten auslassen, der dann… etc.

Ich hoffe für den Flüchtigen bzw. Schadensverursacher, dass er oder sie die anstehenden Feiertage dennoch genießen kann und sich beim nächsten Mal anders, richtig verhält. Denn ein nächstes Mal gibt es immer.

»Ich weiß«, sage ich und habe keine Lust mehr, »ich sage die Wahrheit« zu sagen.

Mein Mietwagen, das schaue ich noch nach, ist dunkel rot oder um genauer zu sein: »Cranberry Red«.

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