Das Verhör

Das Verhör

Der Anruf
Samstag. 10:00 Uhr.
Computershop. Bielefeld-Innenstadt.

Samstags arbeitete ich gerne im Computerladen. Murat, Ibo, Frank, Andreas – alle waren sie da. Es war wie ein familiäres Treffen bei mir zu Hause, wenn wir hinten im Reparaturraum quatschten, während wir ein paar Rechner auseinander schraubten und reparierten. Wir alle waren Studenten und kaum auf den Nebenverdienst angewiesen. Ich ahnte nicht, dass mich gleich eine andere technische Errungenschaft aus der Bahn bringen sollte – der Anruf der Polizei.

Samstags war Pizzatag. Wir fanden einen türkischen Lieferanten, der uns eine besondere Pizza anfertigte. Sie nannte sich Pizza „Istanbul“. Bestand aus der scharfen, kleinen türkischen Knoblauchwurst und weiteren Fleischsorten, dazu Peperoni. Diese Pizza schmeckte so lecker, dass wir die viel zu heiße Pizza sofort aßen. Sie schmeckte dann besonders scharf. Am Ende liefen uns allen nicht nur die Nase, sondern auch die Tränen. Ich glaube, dank dieser Pizza bekam keiner von uns eine Erkältung, weil sie die Viren in unserem Körper abtötete. Heute war ich mit dem Anruf dran. Murat drückte mir das Telefon in die Hand. Da war jemand bereits dran.

»Wer sind Sie?«
»Mein Name ist █████████. Ich bin Hauptkommissar.« Die Stimme klang fest, kräftig und ohne Emotion.
»Und was wollen Sie von mir?«
»Wo waren Sie am Abend des ██.██.████.«

Die Worte stießen hart und unbarmherzig an meinen Kopf. Ich zuckte zurück. »Das«, ich überlegte angestrengt, doch konnte ich mich nicht konzentrieren, »das, ähm, daran erinnere ich mich jetzt nicht mehr.« Ich verstand immer noch nicht, was hier los war. »Was wollen Sie von mir?«

»Ihnen wird Körperverletzung bei einem Studenten vorgeworfen. Es gibt Zeugen.« Leugnen zwecklos.

Leere.

War das ein Scherz? Fragen schwirrten durch meinen Kopf. Versuchten, einen Sinn oder auch nur eine Ordnung in das Chaos zu bringen. Doch mein Kopf produzierte laufend Fragen. Wie kamen sie auf mich? Woher hatten sie die Telefonnummer meines Arbeitgebers? Und wieso wussten sie, dass ich hier arbeitete?

»Ich war das nicht!« Ich fühlte mich wie ein trotziges Kind. »Ich habe mich noch nie geprügelt!«
»Sie können uns bei unseren Ermittlungen helfen. Kommen Sie am Montag um ██:██ zum Polizeirevier und bringen Sie Ihren Ausweis mit.« Dann legte er auf. Unbeteiligt, emotionslos. Gleichgültig? Ich fühlte mich wie ein Opfer.

Ich dachte nach. Wollte mir jemand etwas anhängen? Wer und warum? Das machte keinen Sinn. Mir fielen längst vergessene und belächelte »Gruselgeschichten« über gelangweilte Jurastudenten aus wohlhabenden Elternhäusern ein, die aus Spaß andere anzeigten, nur um zu sehen, ob sie damit durchkämen. Aussage gegen Aussage. Wir lebten doch in einem Rechtsstaat! Ich sollte nicht gleich vom Schlimmsten ausgehen. Vielleicht lag hier nur eine Verwechslung vor oder ein Scherz.

Egal. Zuerst musste ich herausfinden, was an ich an jenem Tag gemacht hatte. Das Datum kam mir merkwürdig bekannt vor.
»Was ist los?«, fragte Murat. Ich hatte vergessen, wo ich war. Sie warteten auf die Pizzabestellung.

Der Tag
Samstag. Gegen 19:00 Uhr.
Bielefeld-Innenstadt.

Zu Hause suchte ich nach meinem Kalender. Das könnte dauern. Aufräumen war etwas, was ich mir für die Zukunft aufhob. Da lag mein Diplom. Es strotze vor Einsen. Doch eine 2+ vermieste mir mein »summa cum laude« – der Abschluss mit Auszeichnung. Ich hatte mir vorgenommen, immer besser als die anderen sein zu müssen. »Bei gleicher Qualifikation«, sagte mein Lehrer auf dem Gymnasium, »wird ein Deutscher einem Ausländer vorgezogen.« Das vergaß ich nie. Jetzt schaute ich mir mein Diplom mit einer Mischung aus Stolz und Scham an. Nahm es in die Hand. Plötzlich fiel mir das Datum ins Auge. »An dem Tag bekam ich mein Diplom!«

Ein besonderer Tag, an dem ich nichts Besonderes unternahm. Ein Glas Sekt und ein paar freundliche Worte des Dekans in einem Büro, das vermutlich der Sekretärin gehörte. Das war es. Ich ging nach Hause. Dann zur Arbeit. Dann wieder nach Hause. Legte mich Schlafen. Na toll, dachte ich mir, wäre ich abends auf die Uni-Feier gegangen, dann hätte ich jetzt ein Alibi.

Nicht, dass ich ein Alibi gebraucht hätte. Ich hatte mich noch nie geschlagen oder etwas Kriminelles getan. Nur die Türsteher der Diskotheken waren da anderer Meinung. Meine langen Haare und durchtrainierter Körper weckten regelmäßig ihr Interesse. Daran erkannten sie kriminelle Ausländer. Lange Haare standen für sie für Drogenkonsum und Dealen. Ein kräftiger Körperbau für Ärger. Dabei waren sie selbst mehr als doppelt so breit und hoch wie ich. Einige hatten auch einen Pferdeschwanz. Vielleicht, dachte ich mir, sollte ich vorher meine Haare scheiden lassen. Verwarf den Gedanken rasch. Den Frauen gefällt’s.

Auf der Polizeiwache
Montag. ██:██ Uhr.
Polizeiwache ████. Bielefeld.

Schlecht geschlafen. Ich saß in einem sterilen Warteraum. Es wirkte kalt und abweisend. Sein dunkelgrüner Anstrich erinnerte mich an ein Krankenhaus. Als ich an der Tür geklingelt hatte, hoffte ich immer noch auf einen Scherz. Doch jetzt war klar, es wird gegen mich ermittelt. Mein Magen meldete sich wie vor einer Klausurprüfung. Hier konnte ich mich aber nicht vorbereiten. Ich war unschuldig. Was aber, wenn sie mir nicht glaubten oder es ihnen egal war?

»Herr ██████«, tönte die Stimme hinter dem Panzerglas, »gehen Sie bitte nach oben in Raum ██.«

Mein Puls schnellte hoch und meine Atmung wurde flach. Bleib ganz ruhig, befahl ich mir, du wirkst ja wie ein Schuldiger! Ich schloss meine Augen und atmete tief ein. Klopfte an der Tür. Wartete einen Moment, öffnete sie und ging hinein.

Es sah aus wie ein normales Büro! Hier hätte ebenso gut das Fundbüro sein können oder das Entsorgungsfachbüro für die gelben Mülltonnen in Abschnitt B. »Wir können das Verbrechen nicht aufnehmen, da es nicht gemäß des Formblatts 0815 A ausgeführt wurde«, ging mir durch den Kopf. Mich beruhigte das.

Ein älterer Herr blickte zu mir. Sein faltiges Gesicht zeigte keine einzige Regung. Ich ging auf ihn zu, grüßte freundlich.

»Ihren Ausweis.«

Ich legte meinen Führerschein vor und setze mich gegenüber ihm hin. Er öffnete den roten Lappen, schrieb etwas daraus in das ihm vorliegende Blatt. Jede seiner Bewegungen führte er ruhig aus. Jede davon schien wichtig zu sein. Dann schaute er mir direkt in die Augen. Keine Gefühlsregung. Hier geht es um meine Zukunft, wollte ich ihm sagen, also seien sie etwas menschlicher!

»Herr ██████«, sagte er, »Ihnen wird vorgeworfen, am ██.██.████ abends auf der Universitätsfeier Herrn ████ ████ tätig angegriffen zu haben.«

Er schwieg.

»Das war ich nicht.«

»Wo waren Sie an dem Abend.« Er wurde lauter. Die Falten um seine Augen vertieften sich. Die Worte klangen wie Vorwürfe.

»Ich«, ich zögerte, »war zu Hause.«

»Können Sie das beweisen.«

»Äh.« Wie sollte ich das denn beweisen?

»Kann das jemand bezeugen!« Er wurde ungeduldiger. Ließ mir keine Zeit zum Nachdenken. Plötzlich fühlte ich mich wie ein kleines Kind, das neben einem kaputten Fenster stand. Je lauter ich »ich war das nicht« schrie, desto sicherer waren sich alle, ich sei es gewesen. Weit und breit war kein anderes Kind zu sehen.

»Äh, ja«, stolperte ich weiter. Sein Blick verfinsterte sich. Hinter ihm saß ein zweiter Beamter. Ihn hatte ich noch gar nicht bemerkt. Jetzt schaute auch er zu mir.

»Ich«, ich zögerte etwas, »kann mich an den Tag genau erinnern, weil ich da mein Diplom erhalten habe. Ich hätte zwar Grund zum Feiern gehabt, aber mir war nicht zum Feiern zumute.« Ich sprach immer schneller. Schmiss Worte raus, in der Hoffnung, eines davon würde mich retten. »Ich…«

»Welches Diplom!«
»Wo ist ihr Diplom!«
»Geben Sie mir sofort Ihr Diplom!«

Die Worte prasselten auf mich ein. Mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund, in dem meine letzten Worte erstarrten, saß ich da. Was ich ihm auch sagte, es schien ihn umso wütender zu machen. Meine Gedanken konzentrierten sich auf wenige Worte. Wer sich verteidigt, ist schuldig! Ich bin Ausländer, also bin ich schuldig! Entsetzliche Gedanken. Atmen fiel mir schwer.

»Wo-ist-ihr-Diplom!«
»Wir haben zwei Zeugen, die Sie eindeutig i-d-e-n-t-i-f-i-z-i-e-r-t haben!«

Ich zuckte zurück. Mein Diplom? Zeugen? Soll ich hier mein Leben entblößen? Warum? Ich habe doch nichts gemacht. Dann ging mir nur ein Gedanke durch den Kopf. An jenem Tag, wo ich glaubte, es geschafft zu haben und ein wenig dazuzugehören, wurde ich eines Verbrechens beschuldigt. Eines Verbrechens, das man Ausländern mit niedrigem Bildungsniveau zuschrieb. Und plötzlich wurde mir alles zu viel. Solange ich versuchte, dazuzugehören, ließ ich nicht nur zu, dass andere, sondern ich mich selbst zum Außenseiter machte. Ich musste mich für nichts rechtfertigen, verteidigen oder schämen.

»Was soll das!« Jetzt schaute ich ihm in die Augen.
»Ich«, sagte ich mit fester Stimme und beugte mich nach vorne, »muss hier gar nichts beweisen!« Ich zeigte mit dem Finger auf ihn. »Sie müssen mir nachweisen, dass ich schuldig bin! Ich bin ein unbescholtener Bürger, und wir leben hier in einen Rechtsstaat, und hier gilt die Unschuldsvermutung!« Ich blicke ihn weiter an. »Wie sollte das denn sonst funktionieren? Soll ich jeden Abend beim Schlafengehen einen Zeugen holen?«

Ich rümpfte verächtlich die Nase. Es lag etwas Triumph darin. Ich lehnte mich wieder zurück in den Stuhl.

»Ich bin hier, um IHNEN bei Ihren Ermittlungen zu helfen. Wenn Sie mich weiter so beschuldigen, dann gehe ich. Sie können dann mit meinem Anwalt sprechen.« Jetzt erlaubte ich mir das Blinzeln. »Diese zwei Zeugen werde ich auf Verleumdung und Schadensersatz verklagen.«

Jetzt schloss er das erste Mal seine Augen.

»Und«, sagte ich, »wie sind Sie auf mich gekommen und haben meine privaten Daten?«

Der Polizeibeamte presste seine Lippen aufeinander. Jetzt geht es los, dachte ich mir. Das war mir scheißegal. Ich war sauer. Er öffnete seine Augen und begann in ruhigem Ton zu sprechen.

»Das Akademische Auslandsamt hat Fotos herausgegeben, die wir dem Opfer und seiner Begleitung vorgelegt haben.«

»Wie?« Ich war perplex. »Wäre ich ein Deutscher, würde ich hier also nicht sitzen!«

Schweigen.

»Das gibt es doch nicht!« Jetzt wurde ich wütend. »Was ist mit Datenschutz? Meiner Privatsphäre?« Keine Reaktion. »Das wird ein juristisches Nachspiel haben!«

»Das war völlig legal.«

»Das werden wir sehen, wenn ich die Presse darüber informiere!«

Ich war so aufgebracht, dass ich mich nur noch daran erinnere, wie er mich zu beruhigen versuchte. Er fragte mich nach meinem Job im Computerladen. Erzählte von seinem Speicherproblem mit dem PC. Ich sollte ihn beraten. »Da bräuchte ich mehr Details zu Ihrem Motherboard.«

Dann bat er mich, Fotos von mir zu schießen. Diese wollte er erneut dem Opfer und Zeugen vorlegen.

»Aber nur, wenn diese Fotos ausschließlich für diesen Zweck verwendet werden und danach vernichtet.«

Er nickte.

Nachspiel
Wieder drückte mir Murat den Hörer in die Hand. Der Hauptkommissar war wieder dran.

»Guten Tag Herr ██████«. Er klang freundlich. »Der Täter wurde gefasst. Wir möchten Ihnen ihre Fotos aushändigen. Haben Sie Zeit?«

Ich nahm unsere Preisliste und ein Handbuch eines Motherboards mit. Er händigte mir meine Fotos aus, und ich gab ihm die beiden Materialien.

»Wie wurde der Täter gefasst?«
»Zufällig in der Universität. Die beiden Studenten hielten ihn fest, bis die Polizei eintraf.«
»War es ein Ausländer?« Ich schaute ihn gespannt an. War mir nicht sicher, ob er das beantworten würde.
»Er hatte die deutsche Staatsangehörigkeit.«

Ich sagte nichts mehr.

»Als ich Sie sah«, sagte er, »wusste ich sofort, dass Sie es nicht waren.«

Ich schaute ihn erstaunt an.

»Ihre Haare sind zu lang.«

photo credit: Anamorphic Mike via photopin cc

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