Möglichkeitsdenken oder die Vermeidung des Abgleitens ins Negative

Open your mind Möglichkeitsdenken

Irgendetwas in meinem Kopf arbeitete gegen mich. Es war nicht wirklich schlimm oder dramatisch, nur eine milde Trübung, eine Nuance ins Dunklere, ein leichtes Kippen verursacht wie durch eine minimale Verschiebung des Laufgewichts auf einer Säulenwaage zum Schlechteren.

6 Flaschen Mineralwasser medium, Schwarzbrot und nicht die Butter vergessen!

In Gedanken ging ich meine Einkaufsliste durch, als ich aus dem kühlen Dunkel meines Hauseingangs ins Freie trat. Eine Joggerin lief an mir vorbei, und für einen flüchtigen Moment begegneten sich zufällig unsere Blicke.

Ich kannte sie, aber erkannte sie nicht.

Und während ich noch darüber grübelte, sah ich, wie sie vor dem Nachbarhaus bremste und locker zu gehen begann. Tolle Figur, dachte ich mir. Die Abendsonne warf tiefe Schatten in die Straße und umschmeichelte ihre Kurven.

Sie wird gleich nach links abbiegen und in ihre Wohnung gehen. Mir war plötzlich eingefallen, dass sie meine Nachbarin war. Doch sie tat es nicht.

Hatte ich mich getäuscht?

Nein, das hatte ich nicht und mir kam ein anderer Gedanke, ein Abgleiten ins Absurde: Ging sie wegen mir nicht hinein? Hätten sich unsere Wege nicht eben gekreuzt, dann wäre der Lauf der Dinge ein anderer gewesen. Seltsam diese Eigenart, meine Ich-Bezogenheit der Welt – wie kam ich nur darauf, in bestimmten Situation alles auf mich zu beziehen?!

Abdriften ins Absurde

Ein merkwürdiger Gedanke meldete sich: Lief sie nicht zu ihrer Wohnungstür, weil sie nicht wollte, dass ich sie als Nachbarin erkannte oder wusste, wo sie wohnte?

Da war es wieder, abwertende Gedanken, die sich gegen mich richteten. Bisher hatte ich niemanden gestalkt. Wollte ich mir selbst keine Hoffnung machen, weil die Enttäuschung an der nächsten Straßenecke lauerte?

Möglichkeitsdenken

Ich konnte dieses Herabziehen ins Negative nicht vermeiden. Doch musste ich mich nicht damit aufhalten. Dazu hatte ich mir über die Jahre folgendes Vorgehen angeeignet: Ich erweiterte meine Bewertung um weitere eigensinnige Interpretationen – eine Art Möglichkeitsdenken entlehnt aus dem »Mann ohne Eigenschaften« von Robert Musil.

Wenn ich mir eine Möglichkeit einbildete, dachte ich mir, konnte ich mir ebenso gut weitere Möglichkeiten ausdenken, und jedes meiner ausgedachten Optionen war mit gleicher Berechtigung wahr wie falsch.

Also dachte ich an das genaue Gegenteil. Statt vor mir wegzulaufen, blieb sie ein wenig bei mir. Denn ebenso gut hätte es sein können, dass ich ihr gefiel und sie einen genaueren Blick auf mich werfen wollte. Vielleicht lief sie vor mir her, um sich ein bisschen zu präsentieren. Das musste es sein, denn verschwitzte Frauen fühlen sich immer besonders sexy! (So ganz kann ich mir bestimmte Gedanken doch nicht verkneifen.)

Noch eine Option. Die dritte Möglichkeit. Ich schätzte sie als neutral, daher realistisch ein. Sie sprach weder für noch gegen mich. In dieser Möglichkeit hatte sie einen Freund, und es war wirklich ein Auslaufen ohne jeglichen Bezug zu mir. Das wäre die schlechteste Erklärung aller Möglichkeiten, denn damit wäre ich belanglos.

Daher entschied ich mich für die Möglichkeit, die die vorteilhafteste für mich war und meinem Ego schmeichelte. Ich musste lachen, unterdrückte es jedoch zu einem Lächeln, das blieb. Wenn sie wüsste, worüber ich mir den Kopf zerbrach, sie würde mich für verrückt halten (vermutlich wie die Leser dieses Textes)!

Verschiebung

Nein, es ergab keinen Sinn, sich unnötig mit schlechten Gedanken aufzuhalten. Irgendwann, wenn ich nicht aufpasste, würden sie zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden.

Wenn Gedanken so stark waren, dass sie die eigene Realität formten, warum sollte ich sie dann nicht ins Positive verschieben. Am Ende veränderte es mich und meine Wirkung auf andere und schaffte mir neue Möglichkeiten. Eine dieser – guten – Möglichkeiten war es, auch Scheitern zu können anstatt bereits gescheitert zu sein.

Sie stoppte und drehte sich um. Gleich würden sich unsere Wege wieder kreuzen…

photo credits: by me, used shark and hummingbird by pixabay


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