Über einen unwillkommenen Gast und die perfekte Nähe

Bielefeld heute. Die Sonne scheint heiter herab, als würde sie etwas aushecken, während dicke Luft auf kalte Luft trifft.

Ich habe einen Gast bei mir. Uneingeladen und unwillkommen. Sie findet mich dennoch unglaublich anziehend. Eben tanzte sie mir auf der Nase herum. In genervten Momenten nannte ich sie liebevoll »Mistfliege!«.

Um genau zu sein, sie ist eine Fruchtfliege und lässt sich von meinen Beschimpfungen und abweisenden Handbewegungen nicht abschrecken. Eigentlich mag ich Willensstärke und Hartnäckigkeit, aber Penetranz gehört nicht dazu.

Gut, ich bin schuld, dass sie das Licht der Welt erblickte. Es geschah in meiner Küche vor wenigen Tagen. Die entblößte Banane war schon längst in meinem Bauch verdaut, als ihre Überreste verloren auf meinem Küchentisch auf ihre Entsorgung warteten. Die Reste lagen Tag für Tag unbeachtet herum. Irgendwann gebaren sie eine Fruchtfliege. Seither schwirrt diese winzige Fliege abwechselnd in meiner Küche und Wohnzimmer herum, als suchte sie nach etwas Bestimmten oder wüsste nicht, wohin sie gehörte.

Ja, meine Küche schenkte Leben.

Darüber konnte der Käse aus meinem Kühlschrank nur müde lachen. Er hatte schon längst begonnen, sein pelziges Eigenleben zu führen und plante eine Karriere als Freiberufler für Verdorbenes. Kürzlich erhielt ich eine E-Mail von ihm. Er lädt mich darin zu seinem Vortrag über die Vergänglichkeit des Lebens ein mit dem Titel »Das geheime Leben in Kühlschränken – Was in der Kälte abgeht, wenn das Licht ausgeht«.

Leben und leben lassen, dachte ich mir.

Liebe Fruchtfliege, du bist nur zu Gast bei mir, egal wie groß oder klein du auch bist. Du wirst jetzt denken, bist du nicht auch nur ein Gast? Keine Sorge, für uns beide ist genug Platz da. Du musst nur meine Freiräume respektieren, dann können wir in dem uns verbleibenden flüchtigen Moment gemeinsam alt werden. Bitte denk daran: Die perfekte Nähe ist der richtige Abstand.

Nachtrag 06.05.2017

Es sind jetzt mehrere Tage her, seitdem du weg bist. Ich hoffe, dass du das hier gelesen und nicht falsch verstanden hast! Lass es mich dir mit dem Song »Too Close« von Alex Clare sagen:

Alles Gute, wo immer du auch bist!


8 Gedanken zu “Über einen unwillkommenen Gast und die perfekte Nähe

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.