Globalisierung oder Über die Frage der Kuchenverteilung

Bielefeld an einem Sonntagabend. Ich liege träge auf dem Sofa in meiner Jogginghose mit der Fernbedienung in der Hand und ziele auf die Kanäle. Schalte von einer Sendung in die nächste. Bilder rauschen vorbei. Der monotone Rhythmus führt mich in einen wohligen Dämmerzustand. Bequem vom Sofa aus auf meinem Samsung Fernseher (der übrigens viel zu klein ist) durch die Welt zappen – das nenne ich Globalisierung!

Und dann, in einem unachtsamen Moment taucht das Gesicht von Ursula Gertrud von der Leyen auf – oh Gott, Anne Will!

Ich schrecke auf und drücke mit aller Kraft auf den Vorwärtsknopf meiner Fernbedienung. Stillstand! Reflexartig schnellt mein Daumen in die Höhe und rast auf den Knopf nieder und presst all das Blut heraus. Nichts passiert. Mist, die Batterien!

Während ich mich panikartig aufrichte, um die Fernbedienung zu beschimpfen, denn mir selbst Vorwürfe wegen neuer Batterien zu machen, das wäre albern, höre ich Ursula Gertrud von der Leyen sinngemäß einen Satz sagen.

»Wir müssen die Globalisierung den Menschen erklären.«

Dann schaltet der Fernseher um, aber es ist zu spät. Dieser einzige Satz, den ich aus der ganzen Sendung mitnehme, vergiftet meine Stimmung und aktiviert Millionen von Neuronen in meinem Kopf, die diesen Satz zu attackieren beginnen. Ihr Satz ist völlig undifferenziert und unfair gegenüber den Menschen, die sich ernsthafte Sorgen um ihren Arbeitsplatz, um ihre Zukunft, um ihr Leben machen.

Kuchen für alle

Die Bundesministerin der Verteidigung verteidigt also die Globalisierung (gegen wen?).

Wann immer ich Ursula Gertrud von der Leyen sehe und sie von Dingen sprechen höre, die mir zu hoch sind, erinnere ich mich daran, dass sie adelig und von edlem Gestüt ist. Wir – sie und ich – leben in verschiedenen Welten und sprechen verschiedene Sprachen (also Türkisch meine ich damit nicht).

Und wann immer ich ihr zuhöre und sie belehrend über die gefühlten Leiden der Menschen sprechen höre (und als Ärztin versteht sie ja mehr davon als ich), klingen ihre Worte wie »Die Menschen haben kein Brot? Dann sollen sie Kuchen essen!« in meinen Ohren.

Fühlen versus Wissen

Je mehr die Menschen über die Globalisierung lernen und sie verstehen, desto besser finde ich das. Nur, in wie weit würde es den Menschen helfen oder etwas an ihrer heutigen Situation ändern?

Haben die meisten von uns nicht intuitiv erfasst, dass mit der Globalisierung etwas im Argen liegt und nicht richtig läuft. Spätestens mit der Banken- und Finanzkrise. Was hat sich dadurch geändert oder seitdem?

Nehmen mehr Menschen am Wohlstand teil als vorher? Zählen sich jetzt weniger Menschen zu den Verlierern? Oder verläuft es nicht umgekehrt?

Ich muss in keine differenzierte Statistik schauen, um diese Fragen zu beantworten können. Es reicht nur ein beängstigender Blick auf den Erfolg von Rechtspopulisten.

Ein Stück vom Kuchen

Bleiben wir bei dem Kuchen.

Jeder möchte ein Stück vom Kuchen. Jeder versteht auch, dass nicht jedem ein Stück in gleicher Größe zusteht. Und jeder ist glücklich darüber, dass es Kuchen gibt (ich zumindest) – solange alle das Gefühl haben, es geht gerecht zu.

Es ist also eine Frage der Verteilung.

Während die Stücke u.a. von global agierenden Unternehmen immer größer werden, bleiben für die meisten Menschen nur noch Krümel übrig. Um das zu verstehen, müssen sie nur auf ihr Konto schauen.

Gegen die Ungleichverteilung hätte die Politikerin von der Leyen längst etwas tun könnten, schließlich war sie nicht nur Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, sondern auch Bundesministers für Arbeit und Soziales.

Das Wort zum Sonntag

Übrigens habe ich schnell neue Batterien gekauft. Gleich mehrere Packungen. Diesmal nicht die Billigen, die schnell den Geist aufgeben (gibt es eigentlich keine Blacklist für Sendungen?). Und als Belohnung habe ich mir ein großes Stück Erdbeerkuchen mit Sahne gegönnt. Also, esst mehr Kuchen…

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20 Gedanken zu “Globalisierung oder Über die Frage der Kuchenverteilung

  1. Ich nehme sogar noch einen dritten Faktor hinzu “technologie”. Man sieht an einigen Beispielen, das Geld und Arbeit noch nicht erfolgreich machen. Der Faktor kapitalintensiv ist aber der wichtigste, da arbeitsintensive Prozesse immer zum billigeren Bäcker gehen werden.

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  2. Globalisierung und Handel sind zwei paar Schuhe (die auch selten in BaWü genäht werden). Im Moment lassen wir in Asien backen um den Kuchen an die arbeitslosen Bäcker hier zu verteilen. Weil unser Output an Schwarzwälder Kirsch aber größer ist als der von bsp. Vietnam machen wir die vietnamesischen Bäcker von Schwarzwälderkirsch arbeitslos. Dafür liefern die jetzt Zitronenkuchen um die arbeitslosen Zitronenkuchenbäcker. Komparativer Wettbewerbsvorteil als Konzept funktioniert nur wenn man irgendwo schneller/ besser/ billiger ist. Bei 130 Staaten und 7 Mrd. Menschen ist die Konkurrenz aber groß.

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  3. Jetzt bist du aber sehr genau (das Wort kleinlich vermeide ich), denn ohne Globalisierung funktioniert der der Kapitalismus nicht, in dem unser Handel stattfindet 😉 Was Ricardos »Komparativer Kostenvorteil« betrifft: Das das eine schöne Formel ist, die so nicht funktioniert, wusste er ja bereits damals. Ich bewerte es eher in Hinsicht kapital- vs. arbeitsintesiv. Was die Kapitalströme betrifft, gebe ich dir Recht, ebenso, dass du (implizit) die niedrigen Lohnstückkosten in Deutschland kritisierst…

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